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Gastkolumne

Mein Europa: Meine Angst

Der Jahreswechsel ist normalerweise ein günstiger Zeitpunkt, um optimistisch nach vorne zu blicken, meint der kosovarische Schriftsteller Beqë Cufaj. Doch das nächste Jahr könnte noch furchterregender werden als 2016.

Istanbul, Brüssel, wieder Istanbul, Nizza, Saint-Étienne-du-Rouvray, Würzburg, Ansbach, München, Berlin. Normalerweise verbindet man mit diesen Städten Begriffe wie Strandurlaub, Shoppingtrip oder Wandertour. So wäre es zumindest in gewöhnlichen, ruhigen Zeiten. Unglücklicherweise aber nicht zu diesem Jahreswechsel 2016/2017.

Ein Jahreswechsel ist ein günstiger Zeitpunkt, um mit Optimismus nach vorne zu blicken und Familie, Freunden und Kollegen Wohlergehen und Erfolg bei ihren Vorhaben zu wünschen.

Doch nun sind Buchstaben leider machtlos gegenüber all dem Schmerz und können die Tragödie nicht beschreiben, welches Unbekannte angerichtet und ahnungslose Opfer getroffen hat.

Die hinterlistigen Morde, das Leid, das diese schreckliche Auseinandersetzung der Religionen und Zivilisationen, der Kulturen und Sprachen, Staaten und Völker erfasst hat: Es ist sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich, eine Diagnose der Krankheit zu formulieren, die die Menschheit gerade durchmacht. So wie das Internet keine Grenzen oder Sprachen kennt, wird es auch für die Sicherheits- und Geheimdienste schlichtweg unmöglich sein, die Gefahren und hinterhältigen Angriffe der Frustrierten und Ausgetricksten gänzlich abzuwenden, die im Namen eines Gottes, der nicht existiert, sich selbst und die Menschen um sich herum in die Luft sprengen.

Banger Blick auf die Wahlen 2017

Und es sind die Politiker, die noch mehr als je zuvor die Aufgabe haben, ihren Bürgern Sicherheit zu bieten, wenn diese zur Arbeit gehen oder in den Urlaub fahren. Und die Bürger sind es, die durch ihre Stimmen jenen Politikern ihr Vertrauen schenken müssen, die mit Aufmerksamkeit und Visionen hart daran arbeiten, Frieden herzustellen in diesen so fragilen und unsicheren Zeiten.

Das muss sein. Wobei nichts sein muss, wenn niemand will. Daher denke ich, dass wir in ein Jahr schlittern, das noch furchterregender sein wird als dieses zu Ende gehende.

Nach dem Brexit-Votum und dem Sieg Trumps im Jahre 2016 erwarten Europa 2017 Abstimmungen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland. Die Wahlen in diesen Ländern sind auch Referenden: für Nationalstaaten und die Diskriminierung von Ausländern oder für eine Verbesserung der Rechtsgrundlage in der Migrationspolitik und die europäische Zusammenarbeit im Krieg gegen den Terror.

Deutschland Berlin Trauer nach Anschlag auf Breitscheidplatz (Getty Images/S. Gallup)

Trauer nach dem Anschlag in Berlin

Keine Antwort auf die Ohnmacht

Diese Krankheit, die die Menschheit nicht im Griff hat, kennt weder Propheten noch Ärzte. Weder Politiker noch Geheimdienste können den Unwissenden schützen: Vor dem, der sich mit einem LKW oder einer Bombe auf dem Markt für sein Unglück zu rächen glaubt. 

Für diesen Sturm, der jederzeit und allerorts losbrechen kann, ob im Kaufhaus, im Fußballstadion, an Bahnhöfen oder anderen öffentlichen Plätzen, findet sich kein Soziologe, Philosoph, geschweige denn ein Schriftsteller mit dem Wissen oder der Macht, eine hinreichende Antwort auf die Ohnmacht zu finden. Und das lässt die Menschen noch die letzte Hoffnung verlieren, etwas zu finden, was sich wahrhaftig "menschlich" nennt.

Angst als untrennbarer Bestandteil unseres Lebens

Unser europäisches, westliches Zivilisationskonzept wird von dem einer anderen Welt angegriffen. Es sind dafür vorbereitete oder manipulierte Individuen, entweder Flüchtlinge oder Migranten der zweiten oder dritten Generation, von denen manche nun als Gefährder gelten, die in Europa aufgewachsen sind, diesem aber dennoch einen Schlag versetzen wollen. Wo und wann auch immer. In dem Jahr, das wir hinter uns lassen, oder jenem, in welches wir nun eintreten.

Somit ist die Angst ein untrennbarer Bestandteil unseres Lebens. Auch Bundespräsident Joachim Gauck sagte in seiner Ansprache, wir sollten uns nicht fürchten: "Wir spüren die Angst - aber: Die Angst hat uns nicht. Wir spüren die Ohnmacht - aber: Die Ohnmacht hat uns nicht. Wir spüren die Wut - aber: Die Wut hat uns nicht".

Welch Erleichterung. Und dennoch bleibt die Angst. Weil es doch gerade diese Angst ist, die in jeder Rede die Oberhand behält. Auch beim ranghöchsten Repräsentanten dieses Landes.

Deshalb: Lebe wohl, Angst des Jahres 2016! Willkommen, Angst im Jahre 2017.

Der Schriftsteller und Journalist Beqë Cufaj wurde 1970 in Decan im Südwesten des Kosovo geboren und studierte Literatur in Pristina. Er lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Degerloch, Stuttgart. Unter anderem veröffentlicht er Essays und Kolumnen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und der "Neuen Zürcher Zeitung".  Zuletzt veröffentlichte er seinen Roman "projekt@party" im Secession Verlag.

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