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Europa

Mein Europa ist wie ein Opernchor

Bunt, vielfältig, eigensinnig, selbstbewusst und doch teamfähig - so sind die Opernchöre, mit denen Adriana Altaras zusammenarbeitet. Manchmal anstrengend, sehr oft schön. So wie ihr Europa.

Für viele ist Oper ein fremdes Feld, konservativ, gewöhnungsbedürftig. Es braucht eine Weile um sich darauf einzulassen, dass z.B. beim Sterben sehr lange gesungen wird. Oft ist Oper aber wunderschön. Die Umsetzung, die Inhalte heutig, die Musik, die Solisten, ja auch der Chor, können einen berauschen und aus dem grauen Alltag katapultieren. Aber die wenigsten wissen, dass sich in der Oper, speziell in einem Opernchor, ein internationales Ensemble verbirgt. Dass dort eine Migration der ersten Güte stattgefunden hat.

Sie heißen Vessela und Borjana, Wilislawa, die Damen, oder Nasko, Vesko und Gjury, die Herren. Und ettliche Kims sind dabei, natürlich. Sie kommen aus Bulgarien, Mazedonien oder Moldavien, auch aus den Landstrichen, die bis dato keine Autonomie besaßen und auf den Namen Balkan hörten. Inzwischen leben sie in Deutschland, Österreich oder der Schweiz, sind unkündbar und gehören zum Chor der jeweiligen Stadttheater, an denen ich inszeniere.

"In diese Gewerkschaft will ich auch!"

Ist Chor eine Masse? Ein Block, gleich gekleidet, gleich maskiert - oder doch lieber einzeln, individualisiert? Es heißt, man könne nur sieben Menschen gleichzeitig richtig wahrnehmen. Was passiert in der Zeit mit den restlichen 50? Würden die währenddessen in der Nase bohren und sich mit dem Nachbarn unterhalten?

Szene aus Das Liebesverbot (BF Medien GmbH 2013 / Foto: Markus Spona)

Ist Chor eine Masse?

Nach einer Chorprobe fühle ich mich immer noch, als wäre soeben ein Traktor über mich hergefahren. Ich habe stundenlang ein Fiepen im Ohr und das Gefühl, nie wieder Menschen treffen zu wollen. Denn ja, sie sind eine Masse, die mehr oder weniger gleichzeitig zur Probe erscheint, jede Sekunde nutzt, um sich hinzusetzen und mit dem Nachbarn zu plaudern. Die nach "einer Stunde dreißig" Pause macht und, was Gewerkschaft und Durchsetzung von Interessen betrifft, überhaupt nur von den Orchestermusikern überboten wird.

Eine Masse, die nicht Treppen steigen kann wegen der Knie, nicht Rauch erlaubt wegen der Stimme und allergisch reagiert auf die Feuerimprägnierung der Vorhänge. Grundsätzlich ist nach drei Stunden pünktlichst Probenschluss. Ob nur noch drei Takte fehlen oder ein ganzer Akt - egal: Schluss ist Schluss, der Chorvorstand kennt kein Pardon. In diese Gewerkschaft will ich auch! Dann plötzlich kommt Bewegung in die Masse, alle springen auf und rennen davon, als wären sie zusätzlich im Import-Export tätig.

Namen auswendig lernen

Aber ganz ehrlich: Ich liebe inzwischen Chöre. Ich freue mich auf sie. Und ich habe wirklich keinen Hang zum Masochismus. Ein Chor ist ein Haufen Individualisten, dazu gezwungen zusammen zu singen, ein Leben lang. In manchen Häusern kommen sie größtenteils aus der Ukraine oder aus Polen. In anderen aus Bulgarien oder Tschechien. Als hätte der Erste das restliche Dorf nachgeholt.

Auf der ersten Probe stelle ich mein Konzept vor. Kein Lächeln, keine Reaktion, kein Lebenszeichen. Ich finde es eine beachtliche Leistung, so lange auszuhalten, ganz ohne zu atmen. Ich habe gelernt, mich davon nicht verunsichern zu lassen, ich atme und lächele für sie mit. Mein Namensgedächtnis ist ein Katastrophe, aber ich lege mich ins Zeug, dem besten Tipp folgend, den mein Freund Uwe, seines Zeichens Opernregisseur, mir mitgegeben hat: Lern ihre Namen auswendig!

Ich sieze die Damen und Herren des Chores, kann aber alle Vornamen auswendig: Dubrovka, Almerija, Ninoslava. Jossip, Ivica, Piotr und Kim. 

Nabucco-Aufführung in Schwerin (picture-alliance/dpa)

Jedes einzelne Chormitglied hat eine Biografie, hier sind Kolosse am Werk, Gesichter, Typen!

Schon bald weiß ich, wer aus welchem Dorf kommt, wer Würste einmacht oder zu Hause im Keller Sliwowitz brennt. Ich spreche beherzt Serbo-Kroatisch, wenn sie mein Deutsch nicht verstehen. Das Serbo-Kroatische hat mit Bulgarisch genauso wenig zu tun wie das Deutsche, aber auch ich komme von "woanders", aus dem großen Gebiet Balkan, und wir alle wissen, wer Marschall Tito war.

Eine Vielzahl der Charaktere

Jedes einzelne Chormitglied hat eine Biografie, eine Individualität oder eine Macke. Ich finde das herrlich. Sie sehen nicht perfekt aus wie die jungen Schauspieler, die sich alle ein bisschen gleichen: schlank, schön und ein bisschen frivol. Nein, hier sind Kolosse am Werk, Gesichter, Typen. Zu klein, zu groß und häufig zu dick. Sie alle haben Carmen und Maskenball schon mindestens vier Mal gesungen, sie kennen die Materie sehr viel länger als ich und wollen jetzt austesten, was ich so drauf habe.

Es ist schlimm, wenn einem nichts einfällt, aber das passiert zuweilen. Wenn es einer sofort merkt, dann der Chor. Er lauert darauf. Da hilft nur: zugeben, die Ratlosigkeit teilen. Nach einem Moment der Verachtung finden sich mindestens drei brauchbare Ideen aus dem Chor, denn eigentlich sind sie ebensolche Künstler wie wir alle, nur ist etwas dazwischen gekommen, zwischen sie und ihre Welt-Solokarriere. Manchmal ein Krieg, manchmal eine andere Katastrophe. Manchmal aber auch nur der Wunsch, den Rest der Welt kennenzulernen. Ohne all diese Chormitglieder aus dem gesammelten Balkan müsste so manches Stadttheater in der BRD schließen.

Chor als Überlebensstrategie

40 Jahre Teil einer Gruppe sein. Sich nicht zu viel in den Vordergrund spielen, aber doch aussingen. Mal haben 80 Leute dieselbe blonde Perücke, weil die Kostümbildnerin ihren Einfall genial findet, mal muss der gesammelte Chor hinter einer Stellwand versteckt singen, weil die Regie eine Massenphobie hat. Alle als Hühner, alle als Steine, verlangt der Bühnenbildner. Da braucht es schon eine ordentliche Portion Gewerkschaft, um sich gelegentlich zu rächen an Regie, Bühne und Kostüm.

Jury reparierte mir neulich mein Handy, nachmittags führte er neben seinem Engagement einen regen Handel mit Mobiltelefonen nach Moldavien. Der Selbstgebrannte aus Albanien von Miriam war der Hit. Und noch heute schwärme ich von den Würsten, die Pavel in seinem Bad in Dresden zum Trocknen aufhängte.

Chor ist mehr als nur Chor. Chor ist Überlebensstrategie - und dafür habe ich vollstes Verständnis.

Adriana Altaras (56), in Zagreb/Kroatien geboren, ist eine deutsche Schauspielerin, Theaterregisseurin und Schriftstellerin. Sie studierte Schauspiel in Berlin und New York, spielte in Film- und Fernsehproduktionen und inszeniert seit den Neunzigerjahren an Schauspiel- und Opernhäusern. 2012 erschien ihr Bestseller "Titos Brille",  2014 folgte "Doitscha". Adriana Altaras lebt mit ihrer Familie in Berlin.