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Gastkolumne

Mein Europa ist schon Great!

Überall ist die Rede von Spaltung, auch Europa sei davon bedroht. Jagoda Marinic hofft aber, dass die EU sich auf ihre Stärke besinnt und auf ihre wahre Größe: als eine Gemeinschaft der Staaten und Völker.

Ich weiß nicht, wie Europäer auf die Idee kommen, sie müssten sich jetzt an Trump orientieren. Im Guten wie im Schlechten. Die Fans von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz tragen tatsächlich #MEGA Schilder vor sich her: Make Europe Great Again. Nicht nur, dass Sie damit Trumps viel kritisierter Kampagne Tribut zollen, nein, sie schänden auch noch die Obama-Wahlplakate, auf denen HOPE stand. Man demonstriert die eigene Einfallslosigkeit - als könnte man mit allem, was aus den USA kommt, copy & paste machen.

Man kann mir eher keinen Anti-Amerikanismus vorwerfen, obwohl ich die USA oft und gerne kritisiere: die Auswirkungen des entarteten Kapitalismus, das US-amerikanische Zeitmanagement, das aus jeder Sekunde eine nützliche Sekunde machen möchte, die gehirngewaschene Armee von Möchte-Gern-Nachwuchs-Stars, die eine Minute in einer Talentshow für den Amerikanischen Traum halten, all das. Und doch kommen viele der mir wichtigsten Menschen, Künstler, Denker auch aus den USA. Oder sind in die USA, weil dort ihre Arbeit die entsprechende Würdigung erfahren hat. Ja, ich kenne durchaus US-Amerikaner, die sehr wohl mit dem Finger auf Rumänien zeigen können und nicht so ignorant sind, dass sie Italien auf der Landkarte nicht erkennen würden.

Hinkende Vergleiche

Seit Monaten nervt die US-Vergleicheritits, die deutsche Medienmacher, Politiker und Intellektuelle befallen hat. Da ist dann plötzlich der bisher erfolgloseste Präsident der USA die größte Gefahr für die westliche Wertegemeinschaft. Europa schüttelt in weiten Teilen den Kopf über Trump. Für viele, vor allem auch Osteuropäer, ist Trump die Fleisch gewordene Bestätigung, dass es den ignoranten Ami, der denkt, dass er die Welt beherrscht und dafür nichts wissen muss, tatsächlich noch gibt. Finanzminister Schäuble holt dann zum ganz großem Vergleichs-Hammer aus, schließlich ist Wahlkampfjahr: Der im Verhältnis zu Merkel doch noch eher kleine Martin Schulz sei ja im Grunde wie Trump – Trärä! Aber nicht jeder selbstverliebt wirkende Mann ist gleich wie Trump.

Mega-Schulz Plakat vom SPD-Kanzlerkandidat (picture-alliance/dpa/K. Nietfeld)

Mega-Schulz Plakat mit dem SPD-Kanzlerkandidaten

Es ist Zeit, den Vergleichsmotor wieder herunter zu fahren. In Deutschland stehen im Jahr 2017 zwei erfahrene PolitikerInnen zur Wahl. Ein weiterer, nämlich Frank-Walter-Steinmeier ist Bundespräsident. Weniger Trump geht kaum. Und wenn deutsche Nachrichtenkanäle Frauke Petry von der AfD brauchen, um sich den Erfolg Trumps erklären zu lassen, dann haben auch sie das Vergleichen nicht wirklich gelernt: Als hätte Frauke Petry auch nur irgendetwas Substanzielles zu den USA zu sagen und hätte auch nur den geringsten Einblick in die Köpfe der US-Amerikaner. Von ihrem sächsischen Landtag aus betrachtet, wo sie nun schon seit Jahren die mehr oder minder gleichen Töne anklingen lässt, kann sie höchstens anderen, die noch nie in den USA waren oder kein Kabelfernsehen haben, etwas über die USA erzählen.

Gespenst der Spaltung geht um

Der neueste Refrain des großen medialen Vergleichschors sind die Analysen zur Spaltung der Gesellschaft. Meint man damit jenen politikverdrossenen Teil Gesellschaft, der sich seit Jahrzehnten nicht einmal mehr zur Wahl begeben hat? Oder jene Millionen Einwanderer, die kein Wahlrecht haben? Meint man die neun Millionen Deutschen, die sich ehrenamtlich für Flüchtlinge engagiert haben und die nun mitansehen müssen, wie sich die Politik von lauten Wutbürgern den Kurs diktieren lässt? In den USA gab es immer zwei Parteien, die mit einem etwas anderen Selbstverständnis Patrioten waren. In Deutschland gab es immer nur Patrioten, die sich jahrelang selbst vorgegaukelt haben, es gäbe hierzulande keine Patrioten. Im Deutschen Bundestag gibt es bekanntlich schon lange mehr als zwei Parteien und derzeit versucht eine weitere dazuzukommen.

USA Tucson Trump Rede Wahlkampfveranstaltung (picture-alliance/AP Photo/R. D. Franklin)

Trump im Wahlkampf: Make America Great Again

Im Wahljahr 2017 möchten viele nun auf Bundesebene Deutschland mit den USA vergleichen: Spaltung! Überall höre ich von einer 'Spaltung der Gesellschaft'! Ich verstehe das nicht. Was derzeit als Spaltung bezeichnet wird, ist das Ende der CDU wie wir sie kannten - nämlich als Spalter. Die CDU hat jahrzehntelang knapp zwanzig Millionen Ausländer und Menschen mit Migrationsgeschichte von jenen ohne diesen Hintergrund gespalten. Die CDU kann sich in Anbetracht der demografischen Probleme dieses Landes und der vielen Eingebürgerten ihre alte Anti-Einwanderungspolitik à la Kohl nicht mehr leisten. So sind mit einem Mal die alten Wähler vom rechten Rand aus der CDU gefallen und beheimaten sich lieber bei einer AfD. 80 Prozent der deutschen Wähler wählen jedoch nicht rechts außen. Das gilt im 21. Jahrhundert auch dann, wenn man die CDU wählt. Ist das jetzt mehr Spaltung als früher?

"Europa muss standhalten"

Europa muss sich nicht wieder Great machen lassen von einem Megalomanen oder einer Megalomanin. Viele Europäer sehen Trump und denken: So blamieren müssen wir uns vor der Welt nicht. Europa sieht auch, dass die US-amerikanischen Institutionen und Medien einem autoritären Herrscher standhalten können. Standhalten, das wird auch Europa jetzt müssen. Es könnte sein, dass "America First" dafür sorgen wird, wie niederländische Komödianten das zu sagen pflegen, dass Europa zumindest Second wird. Und das kann jedem Land für sich nicht gelingen. Vielleicht steht Europa eben nicht vor der Spaltung. Europa wird sich vergewissern müssen, wer und was Europa wirklich ist, statt sich mit Trumps hohlen Wahlkampf-Phrasen groß zu träumen.

Als Europa sind wird ebenbürtigere Verhandlungspartner. Als Deutschland, Slowenien, Spanien, Rumänien, Polen... eher nicht. Wenn Europa einen Funken Verstand hat, dann wird es sich jetzt seiner Gemeinsamkeiten stärker besinnen als seiner Unterschiede. Und weil ich nicht von der Vergleicheritis befallen bin, traue ich Europa diesen Verstand durchaus zu.

 

Jagoda Marinic ist eine deutsch-kroatische Schriftstellerin, Theaterautorin und Journalistin, sie wurde als Tochter kroatischer Einwanderer in Waiblingen geboren. Zurzeit lebt sie in Heidelberg. Zuletzt erschien von ihr der Roman "Made in Germany - Was ist deutsch in Deutschland?". Darin setzt sie sich mit der Identität Deutschlands als Einwanderungsland auseinander.