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Gastkolumne

Mein Europa: Himmel, Erde, Identität

Worauf basieren Identitäten? Solange der Mensch nicht in Raumschiffen wohnt, wird sein "irdisches Dorf" sein Selbstverständnis prägen, glaubt Anila Wilms. Die Weltenbummler seien eine Minderheit.

Den evangelischen Kirchentag kennt man als ein spirituelles Ereignis, das die vereinigende Kraft der Liebe feiert, die Frieden stiftende Rolle der Religion bekräftigt und für den Geist der Ökumene wirbt. Es ist wahr: Die Sehnsucht nach Erlösung ist überall auf der Welt gleich stark ausgeprägt. Im spirituellen Bereich gibt es eine verblüffende Übereinstimmung aller Glaubenssysteme: Allesamt streben sie hin zur unio mystica, zur Verschmelzung von allem mit allem,zur Rückverbindung mit dem Ursprung, zur Ewigkeit der Seele.

Doch dieser Kirchentag wurde bemerkenswert politisch. Alle Akteure scheinen sich bewusst zu sein, dass die brennenden Themen der Gegenwart eher weltlicher als himmlischer Natur sind. Es ging um die Flüchtlingspolitik, um die Beziehung zum Islam, um den Zusammenhalt in Europa.

Landwirtschaft in den Karpaten, Ukraine (Fotolia/wildman)

Der Mensch blebit seinem "genius loci" verbunden

Im Grunde sind die heutigen Konflikte Folge der rasanten technologischen Entwicklung - der drastisch erleichterten Reisemöglichkeiten und der virtuellen Kommunikation, die eine intensive Berührung zwischen Menschen und Kulturen ermöglichen.  

Wer bin ich? Wer bist du?

Diese Entwicklung wird von der hauseigenen, sie unterstützenden Ideologie flankiert. Es gibt eine wachsende Schicht dauerwandernder Menschen: Händler, Diplomaten, Berater, Kuriere, Entdecker, Weltenbummler, Grenzgänger, Brückenbauer, die ständig in der Luft sind und im Virtuellen und Abstrakten ihre Heimat finden. Doch wie wichtig ihre Rolle und wie machtvoll ihre Stimme auch ist: Sie sind und bleiben eine Minderheit.

Die allermeisten Erdbewohner sind sesshaft und bleiben ihrem Geburtsort ein Leben lang treu. Und ihnen behagt diese Entwicklung immer weniger. Es wird hektisch und eng in der Welt, die Rückzugsräume sind bedroht. Alle fragen sich: Wer bin ich, wer bist du und welche Beziehung haben wir zueinander?

Verwurzelt in der Erde

Es geht, ganz konkret, um Werte, Geschmack, Erbe, Lebensart. Es geht nicht um Religion und Spiritualität, sondern um Identität. Um das Ich-, bzw. Wir-Prinzip. Um das existenzielle Bedürfnis des Menschen, hier auf der Erde einmalig und unverwechselbar zu sein. Es geht um die Frage, wofür es sich zu leben lohnt.

Deutschland Fußgänger Symbolbild Wir in Deutschland (picture-alliance/dpa/M. Scholz)

Kulturelle Unterschiede ließen sich nicht aufheben?

Wer glaubt, die kulturellen Unterschiede ließen sich durch Austausch ausgleichen oder gar aufheben, sitzt einem tragischen Irrtum auf. Wie weit die Kommunikationstechnologien auch fortschreiten: Der Mensch bleibt ein Kind der Erde, mit dem Urbedürfnis, darin verwurzelt zu sein.

Gaia, die Mutter Erde, war zuerst da, sagt der griechische Mythos. Erst als sie sich einsam fühlte und sich einen Gefährten wünschte, schuf sie Uranos, den Himmel, um sie zu umgeben und ihr Gesellschaft zu leisten.

Die Welt der vielen Dörfer

Die Identität des Menschen ist direkt mit der Landschaft verbunden, in die er hineingeboren wird. Jeder Erdfleck besitzt einen ganz eigenen Charakter, eigenen Charme, und eine uralte Tradition, an der zahllose Generationen gebaut haben - den genius loci. Landschaft, Klima, Küche, Sitten, Bräuche und Religion passen immer zusammen.

Es gab schon immer Orte, die man für offen erklärt hat: Orte der Begegnung, des Austausches, der Durchreise, Freihäfen, Messeorte, Handelsmetropolen. Doch nach wie vor besteht unsere Welt aus unzähligen "heimatlichen Dörfern". Solange Menschenkinder nicht in Raumschiffen aufwachsen, wird das auch so bleiben. Der Mensch hängt an seinem Dorf, am Vertrauten und Geborgenen, ohne das das Leben nicht möglich ist. In jeder Heldensage kehrt der Held nach Hause zurück, altert in Würde und erzählt seinen Enkelkindern von seinen Abenteuern in der Ferne.

Mut zur Identität

Bleibt die Frage nach den Beziehungen zwischen den vielen Dörfern. Ich sehe das wie die Beziehung zwischen Individuen. Wie eine gesunde Beziehung aussieht, darüber herrscht in unserem Kulturkreis mittlerweile Konsens. Nur zwischen starken Individuen mit klar umrissenen Identitäten, die sich auf Augenhöhe und mit Respekt für den Raum und die Grenzen des Anderen begegnen, entstehen gelungene Partnerschaften, lässt sich eine Balance zwischen Geben und Nehmen herstellen. Am Ende einer solchen Reise sind die Partner aneinander gewachsen. Und dort, wo diese Voraussetzungen fehlen, wirkt sich die Beziehung zerstörerisch aus und löst sich früher oder später auf.

Bildergalerie Berlin bei Nacht (Fotolia/RFarrarons)

Dörfliche Ruhe oder nächtliches Rauschen?

Um auf die aktuelle politische Debatte zurückzukommen: Deutschland tut sich noch immer schwer mit seiner Identität, und das ist aufgrund der Geschichte auch verständlich. Doch die heutigen Deutschen können stolz auf ihr Dorf sein - es ist eines der besten, saubersten und gerechtesten auf der Welt geworden. Es hätte den Neuankömmlingen, die Gutes mitbringen - Fleiß, Können, Ehrgeiz, Herzkraft, Fantasie, Humor, oder zumindest Freundlichkeit, Demut und Willen zur Anpassung -, etwas extrem Wertvolles zu bieten: Raum zur individuellen Entfaltung, echte Möglichkeit, das eigene Potential zu verwirklichen. Wer das nicht möchte, der ist hier fehl am Platz.

Die albanische Schriftstellerin Anila Wilms lebt seit 1994 in Berlin. 2012 erschien ihr erster Roman in deutscher Sprache: "Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens".