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Gastkolumne

Mein Europa: G20 und der Katzentisch

Für die Länder an der Peripherie der Weltpolitik sieht der G20-Gipfel wie ein übermächtiger Goliath aus. Und doch muss genau von dort ein wirksamer Protest gegen die Weltordnung ausgehen, meint Jagoda Marinic.

Wenn wir weiterleben wie derzeit, brauchen wir mindestens 1,5 Planeten von der Größe und mit den Ressourcen der Erde. Dafür sind maßgeblich die Länder verantwortlich, die sich jetzt im Rahmen von G20 in Hamburg treffen. Aufgebraucht werden jedoch die Ressourcen aller Länder. Ein Verbraucherschutz für den Planeten Erde wäre angebracht, ein Raffgier-Limit gewissermaßen. Stattdessen trifft sich in Hamburg der Konsumentengipfel, der aus den Ressourcen des Planeten maximal Kapital schlägt. Für manche Entscheider sind auch die Menschen, die diesen Planeten bewohnen, nur eine von vielen Ressourcen, aus denen es Geld zu machen gilt. Öffentlich kommuniziert wird jedoch das Bemühen um eine bessere Welt. Besser für wen eigentlich?

Taubheit gegenüber schlechten Nachrichten

Es wird nichts bringen, wenn zig Journalisten, Aktivisten und Wissenschaftler zu diesem Anlass noch einmal klar benennen, wie viele Kinder auf dieser Welt pro Minute sterben, weil sie nichts zu essen haben. Es wird nichts bringen, noch einmal zu sagen, wie viel Prozent des Reichtums wie verteilt ist. Ein zentrales Merkmal demokratischer Gesellschaften im 21. Jahrhundert ist nämlich die Taubheit, die beim Verdauen schlechter Nachrichten einsetzt - und ein Gefühl von Machtlosigkeit gegenüber Goliath.

Protestwelle gegen den G20 Gipfel (picture-alliance/dpa/M. Scholz)

"Gefühl von Machtlosigkeit gegenüber Goliath"

Diese Ohnmacht führt dazu, dass David sich gar nicht mehr in den Kampfarena begibt. Diese großartige Geschichte, die Menschen seit jeher dazu ermutigt hat, den Kampf gegen die Großen und Mächtigen nicht zu scheuen, nährt uns nicht mehr. Der Glaube daran, David könnte Goliath besiegen, ist verschwunden. Doch gerade jene Staaten, über deren Köpfe hinweg auf solchen Gipfeln entschieden wird, wären der David, den diese Zeit bräuchte, um Goliath zu schlagen.

Die Suche nach dem wunden Punkt

Glaubwürdiger Protest braucht die Erfahrungen und Positionen der Globalisierungsverlierer - ganz gleich, ob innerhalb Europas oder außerhalb. Sie wären die Kraft, die es jetzt bräuchte, um aus dem diffusen Protest eine politische Bewegung zu machen. Die Gegner dieses Systems finden seit zwei Jahrzehnten den wunden Punkt nicht, an dem ihre Kritik zu einer konkreten Veränderung der realen Verhältnisse führen könnte.

Die Mächtigen rechnen stattdessen mit dem Protest wie mit einer kontrollierbaren Variable im Gesamtsystem. Das System braucht den Protest sogar, um sich als offen zu präsentieren. Der Protest darf zwar so ein Großereignis stören - er darf jedoch nicht das System an sich stören. Die durchschlagende politische Wucht fehlt. Sie kann auch nicht, wie jetzt in Hamburg, durch brachiale Gewalt ersetzt werden.

Protest als Dekoration

Früher gingen Arbeiter in Massen auf die Straßen und die Politik fürchtete die gesellschaftlichen Umwälzungen des nächsten Tages. Die Reichen von heute beklatschen hingegen die Meinungsvielfalt und machen danach business as usual. Meinungsvielfalt ist jedoch keine Dekoration für die in Beton gegossenen Verteilungskonstellationen dieser Welt. Wir äußern unsere Meinung nicht, um die Meinungsfreiheit als solche zu feiern, sondern weil wir einen Wandel wollen.

Deutschland Demonstration gegen G20-Flüchtlingspolitik (picture-alliance/dpa/Markus Scholz)

"Westliche Demokratien haben den Protest entmachtet"

Westliche Demokratien haben den Protest entmachtet. Mit gewalttätigem Protest ist es paradoxerweise am einfachsten: die Straftat steht dann naturgemäß über dem Unrecht, auf das hingewiesen wird. Als die Arbeiter im 20. Jahrhundert auf die Barrikaden gingen, kämpften sie um so etwas Konkretes wie den Acht-Stunden-Tag. Und heute? Es wird gegen abstrakte komplexe Zusammenhänge gekämpft. Konkrete Maßnahmen für die Zustände, die man erkämpfen will, werden jedoch nicht gefordert. Das war bei Occupy so, das war Los Indignados und bei Nuit Debout so. Doch wer keine konkreten Forderungen stellt, wird zu einer sozialen Plastik, über die Mächtige sagen können: Schaut, das können Demokratien alles aushalten, so frei ist der Westen!

Informelle Treffen werden wichtiger

Es sind die von diesen Wirtschaftsmächten abgehängten und ausgebeuteten Länder, die dabei helfen könnten, solch konkrete Forderungen zu formulieren. In Hamburg treffen sich nur wenige gewählte Regierungschefs europäischer Länder. Dafür kommen noch zusätzlich die nicht gewählten EU-Vertreter Tusk und Juncker. Zentrale Länder Europas, die schon in der EU zu wenig Gehör finden, fehlen. Die Weichen der künftigen Weltpolitik werden zunehmend in informellen Treffen gestellt. Und Trump punktet mal wieder bei denen, die sich abgehängt fühlen, weil er zu den Polen fliegt, die natürlich nicht groß genug sind, um bei G20 dabei sein zu dürfen. Doch für ihn sind sie das Herz Europas.

Polen Rede US-Präsident Donald Trump in Warschau (Reuters/C. Barria)

Trump in Warschau - "sich nicht instrumentalisieren lassen"

Die Länder Europas dürfen sich aber nicht instrumentalisieren lassen. Europa muss ein Herz sein. Solche exklusiven Gipfel setzen dieses Einheitsgefühl aufs Spiel. Die mächtigsten EU-Länder verhandeln in Hamburg mit China über die Zukunft Europas und somit auch der weniger mächtigen EU-Länder, ohne dass die gewählten Interessenvertreter der betroffenen Länder sich einbringen könnten. Ach, wie leicht ist Demokratie in Zeiten der Globalisierung.

Von der Peripherie aus stören

Die Aufzählungen über die Ungerechtigkeiten dieser Welt, über den Raubbau am Planeten zugunsten einiger Weniger paralysieren Europa. Die ungerechte Verteilung des Wohlstands führt zur Entsolidarisierung. Man müsste wieder eine Internationale erarbeiten, an den Humanismus erinnern. Dem Spektakel der Machtkonzentration müssten die Weltbürger etwas entgegensetzen. Der Mensch ist nicht für die Wirtschaft da. Dieser Planet auch nicht.

Wofür sind wir eigentlich da? Die Antworten darauf sollten wir baldmöglichst in diese scheinbar zementierte Weltordnung tragen. Ein Anfang wäre, von der vermeintlichen Peripherie aus einen G20-Gipfel zu stören, der meint, er könne die Probleme dieser Welt ohne jene lösen, die sie betreffen.

Jagoda Marinic ist eine deutsch-kroatische Schriftstellerin, Theaterautorin und Journalistin. Sie wurde als Tochter kroatischer Einwanderer in Waiblingen geboren. Zurzeit lebt sie in Heidelberg. Zuletzt erschien von ihr der Roman "Made in Germany - Was ist deutsch in Deutschland?". Darin setzt sie sich mit der Identität Deutschlands als Einwanderungsland auseinander.