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Gastkolumne

Mein Europa: Erziehung zur Freiheit

Die Masse ist anfällig für populistische Verführer. Von humanistischen Idealen beflügelt, kann sie aber auch Berge versetzen und verantwortungvoll handeln. Der Weg dahin ist aber ein langer, meint Catalin Florescu.

Die Masse war schon immer ein Polit-Star. Egal ob als Mob, um Hitler an die Macht zu bringen, oder um Stalins Grausamkeit zu ertragen und ihm zu huldigen. Oder als aufgeklärte Menge, die in Prag oder Budapest gegen das Sowjetregime demonstrierte. Sie trat immer in Erscheinung, wenn Krisen und Umwälzungen stattfanden, oder, um es anders zu formulieren: Wenn die Masse eine kritische Größe erreicht, kann sie aus jeder Krise eine unvorstellbare Umwälzung machen.

So kann sie zum Beispiel, wenn sie von einem kritischen Geist und humanistischen Idealen beflügelt wird, Berge versetzen. Nur weil in den 1960er-Jahren Hunderttausende regelmäßig gegen den Vietnamkrieg und den Rassismus demonstriert haben, wurde der Druck erzeugt, dank dem der Krieg beendet wurde und die Bürgerrechte in Amerika sich durchsetzten. Nach den Aufständen der Studenten (in Frankreich auch die Arbeiterschaft) 1968 kehrte man nicht zur Grabesruhe der 50er-Jahre zurück. Viele Vorstellungen von damals konnten nach und nach in die Gesellschaft hineinsickern und prägen heute unser Leben: alternative Lebensformen, Gleichberechtigung der Geschlechter, ökologisches Bewusstsein. Der Mensch im Westen befreite sich ein Stück mehr vom Korsett der Unmündigkeit.

DDR - Wende - Montagsdemonstration in Leipzig 1989 (picture alliance / Lehtikuva Oy/Heikki Saukkomaa)

Die Wende in der ehemaligen DDR: Montagsdemonstration in Leipzig 1989

In Ostdeutschland und Rumänien - um nur zwei Länder des früheren sowjetischen Machtbereichs zu nennen - stürzten die massenhaft auf die Straße strömenden Bürger die kommunistischen Regime. Auch wenn der Verdacht - oder gar Gewissheit - herrscht, dass der Aufstand des Volkes 1989 in Rumänien manipuliert und die Menschen um den Geist ihrer Revolution gebracht worden sind, haben sie ihr Leben für die Werte der Demokratie und der Aufklärung riskiert.

Liebesbeziehungen mit dem Führer

Heutzutage gilt als Lichtblick, dass einige Hunderttausend Leute nach der Inauguration von Donald Trump zum US-Präsidenten gegen ihn und den Geist, den er repräsentiert, demonstriert haben. Auch wenn er demokratisch gewählt wurde, scheint er eine Gefahr für die Demokratie zu sein. Doch wird es reichen? Vorerst kaum, denn eine andere Masse hatte zuvor ihre kritische Größe erreicht: Sie hat einen stümperhaften Populisten an die Macht gespült. 

Vor solchen zynischen, wütenden, mit Ressentiments geladenen Massen müssen wir uns in Acht nehmen. Wir, das Volk. Wenn auch die Populisten beanspruchen, im Namen des Volkes zu reden, sind Masse und Volk nicht deckungsgleich. Wenn sie es werden, sind wir verloren.

Solche Massen gehen gerne heftige Liebesbeziehungen mit ihrem 'Führer' ein. Während in Russland die Oppositionellen eingeschüchtert und umgebracht werden und es kaum noch freie Medien gibt, boomt die Liebe der Russen für Putin. Befeuert durch die demagogische Politik von Orbàn und Kaczynski wenden sich immer mehr junge Ungarn und Polen einem absurden Rechtsnationalismus, gar -radikalismus zu. Wovor sie sich konkret fürchten, wissen sie wohl selbst nicht, denn Fremde haben sie nur im Ausland gesehen. Ihre Kulturen sind weitestgehend homogen. Auch die Wirtschaftslage kann nicht an der Verrohung schuld sein, denn Polen ging es bisher ziemlich gut.

Freiheit kann nicht aufgezwungen werden

Dass der Populismus auch bei den Jungen im Osten so sehr verfängt, hat andere Gründe als im Westen. Wenn sie heute zwischen 20 und 35 Jahre alt sind, so sind sie rund um den Zusammenbruch des Kommunismus sozialisiert worden. Auf den angstvollen, dumpfen Konformismus und den Opportunismus der kommunistischen Ära folgten der Opportunismus und die Raserei der Existenzsicherung im wilden Vulgärkapitalismus der 1990er-Jahre. Man wollte sich von der erdrückenden Diktatur befreien und als man die Freiheit hatte, war sie eine Überforderung. Die Erziehung zur Freiheit dauert im Osten bis heute an.

Die Linke, Demo gegen NPD in Hannover (picture-alliance/ dpa)

Gegen den Populismus: Demo gegen die NPD in Hannover

Verantwortungsvolle Freiheit kann man nicht von oben diktieren - sie gedeiht durch Erziehung und aufgeklärte Institutionen. Kein Gang in die Kirche, kein Beten kann den Prozess der menschlichen Reifung ersetzen. Er geschieht in Familien und in Schulen und wird gefördert von einem verantwortlichen Staat. Hier müssen sich viele im Osten fragen, wo sie gescheitert sind.

Hat es mindestens im Westen damit funktioniert? Keineswegs. Auch hier scheint der Boden der Aufklärung sehr dünn. In den USA, in Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden glauben sich alle, die sich wirtschaftlich abgehängt und vom Staat verlassen fühlen, berechtigt, Blender und Verhöhner humanistischer Werte zu unterstützen. In Deutschland tut es mancher sogar ohne wirtschaftliche Not. Doch sie sind nicht berechtigt, denn Ethik und Moral sind für ein gereiftes Individuum nicht verhandelbar. Auch dann nicht, wenn man von Armut und Perspektivlosigkeit bedroht ist. Nichts verpflichtet einen dazu, den inneren Schweinehund loszulassen. 

"Ein ganzer Mensch"

Man nimmt den politischen Kampf auf, man sucht nach Mitteln und Wegen, um seinen Forderungen Gehör zu verschaffen. Man packt an, schließt sich anderen an, um eine aufgeklärte Masse zu bilden. Und - besonders die Gläubigen - man erträgt, ohne sich vom Hass vergiften zu lassen. Man ist ein ganzer Mensch. Zumindest zielt man dahin. 

Es hilft nicht allzu viel, die Masse verstehen zu wollen. Man muss ihr fest und entschlossen entgegentreten, kraft der humanistischen und aufgeklärten Werte, die man in sich verankert spürt. Aber Aufklärung und Humanismus können nicht von oben verordnet werden. Dazu braucht es die langsame aber umso beständigere Erziehung zur Freiheit.

Der deutschsprachige Schriftsteller Catalin Dorian Florescu wurde am 27. August 1967 in Rumänien geboren und lebt seit 1982 in der Schweiz. Für den Roman "Jakob beschließt zu lieben" wurde er 2011 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet.