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Europa

Mein Europa: "Ein Gefühl von Zuhause"

Strahlenden Visionen von einer "schönen neuen Welt" ist nicht zu trauen, warnt Gastkolumnistin Anila Wilms. Die albanische Autorin beschreibt, wieso ihr die deutsche "Willkommenskultur" auch Angst macht.

Deutschland ist tief gespalten. Die einen sagen, wir müssen/sollen/schaffen das. Die anderen sagen, wir wollen/können/schaffen das nicht, wir haben Angst. Mich traf es mit voller Wucht im Frühsommer 2015. Es war eine unerträgliche Anspannung, eine Versessenheit, die sich meiner Tage bemächtigte und mir den Schlaf raubte. Dabei kannte ich das, ich habe schon einiges erlebt an großen Umstürzen, Erschütterungen und versuchten Völkermorden: Albanien 1990, 1997, Kosovo 1999.

Dieses schreckliche Gefühl, dass jede Ordnung zusammenbricht, dass dein Volk und dein Land in seiner Existenz gefährdet sind, kam plötzlich wieder hoch. Und überraschte mich zunächst mit der Erkenntnis, dass ich, die 1994 Eingewanderte, mittlerweile zutiefst mit meinem neuen Land verbunden war. Mir war nach Weinen zumute, ich hatte Schmerzen und Angst um die deutschen Menschen und die magischen Landschaften, die ich in Gefahr sah. Denn plötzlich stand alles zur Disposition: unsere Sicherheit, unser Wohlstand und sogar unsere Kultur. Was zum Teufel ist los? Unser ehemals stabiles Haus ist im Begriff, sich aufzulösen, sich wegschwemmen zu lassen! Wo gibt es eine Höhle, in der ich mich verstecken kann, am liebsten unter der Erde?

Anderswo wurde unterdessen gefeiert, es wurde von einer strahlenden Zukunft geredet, von den epochalen Veränderungen, die dem Land bevorstünden, und die es aus ganzem Herzen annehmen sollte, statt sich ihnen stur zu widersetzen. Es wurde eine Vision in den Himmel projiziert, von einer verbrüderten, gerechten, freiheitlichen Welt - als ein einziger, leuchtender Regenbogen. Wie nobel, weitsichtig und fair! Wenn nur die ärgerlichen und peinlichen Spielverderber nicht da wären!

Mythen und Geschichte

Aber warum bin ich auf der Skeptiker-Seite gelandet? Sollte ich dieses Fest des Willkommens für das Fremde und Neue nicht toll finden? Ich, die ich diese offenen Arme hier fand, die mich bis heute unbeirrt festhalten?

Flüchtlinge bei Wegscheid (Foto: picture-alliance/dpa/S. Kahnert)

Flüchtlinge bei Wegscheid: "Dieses schreckliche Gefühl, dass jede Ordnung zusammenbricht"

Wenn ich so entsetzlich leide, dann wenigstens nicht blind, dachte ich. Aber wo finde ich die Antworten, die ich dringend brauche? In den hysterischen Medien? Oder muss ich auf die Mythen zurückgreifen, auf die Urbilder, die allem menschlichen Tun zugrunde liegen? Denn so viel war klar: Was wir hier erleben, hat nichts mit einzelnen Personen und Ereignissen zu tun, das ist eine kollektive Gesinnungskrise. Und sie ist nicht nur deutsch. Sie ist gesamteuropäisch.

Die europäische Gesinnung beruht auf einer Vision der Vereinigung, die im Westen des Kontinents nach dem Zweiten Weltkrieg beschworen wurde. Sie war jahrzehntelang sehr erfolgreich und wusste, über das Ende des Kalten Krieges hinaus, die meisten Europäer hinter sich - mich eingeschlossen.

Ich bin im Osten Europas aufgewachsen. Dort gab es eine Vision, die Internationale, und sie ging so: "Reinen Tisch macht mit dem Bedränger! (...) Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger." Der Ausgang ist bekannt: Die großartige Idee der Gerechtigkeit zerstörte Millionen Menschenleben und ruinierte ganze Volkswirtschaften, ehe sie auf dem Müllhaufen der Geschichte landete.

Es gibt einen triftigen Grund, weshalb die Vision des Westens als Siegerin gegen die Vision des Ostens hervorging: Sie war viel besser in der Realität verankert. Anders als das sozialistische Projekt, das den "Neuen Menschen" auf Teufel komm raus schaffen wollte, wurde sie von der Einsicht getragen, dass die materielle Welt und die menschliche Natur unvollkommen und verletzlich, Verhandlung und Kompromiss die Grundpfeiler einer Wohlfahrtsgesellschaft sind. Sie besaß genug von dem, was man euphemistisch 'gesunden Menschenverstand' nennt.

Bis die Krise kam und Europa spaltete. Und mich mächtig verwirrte. Dieser Beseeltheit, die plötzlich in Deutschland zu beobachten war, dieser moralisch selbstüberhöhenden, überdrehten Stimmung traue ich nicht. Sie erinnert mich an das Pathos der Mai-Paraden, an die stehenden Ovationen in den Kongresspalästen, schließlich an die Katastrophe, die mehrere Mitglieder meiner Familie getroffen hat. Nein, sie ist nicht weise, und schon gar nicht mitfühlend. Sie ist abstrakt, theoretisch, und setzt sich über menschliche Bedürfnisse, Erfahrungen und Gefühle hinweg. Wer das am eigenen Leib erfahren hat, kann gar nicht laut genug davor warnen.

Jubel in Berlin im Herbst 2015 beim Ankunft der Flüchtlinge (Foto: picture-alliance/dpa/G. Fischer)

Jubel in Berlin bei der Ankunft von Flüchtlingen (2015)

Offensichtlich hat unsere Europa-Vision eine Grenze übersehen. Ihr prometheischer Geist wollte eine universelle Gültigkeit erlangen. In gewisser Weise wollte das politische Europa Gott spielen. Im Mythos heißt das Hybris. Und auf Hybris steht die höchste Strafe, der schrecklichste Zorn der Götter. Wir alle haben im letzten Jahr einen Geschmack davon bekommen.

Perspektiven und Träume

Seitdem wird im Lande gegrübelt, geschrieben, gestritten, gelitten und geschimpft. Ich selbst kämpfe um die weise West-Vision, die ich kannte und der ich die kostbarste Lektion in meinem Leben zu verdanken habe: die Demut der harten Arbeit, des mühsamen Weges zur Erkenntnis. Ich kämpfe dafür, dass sie sich auf die bewährten Mittel zurückbesinnt, auf die verlässlichen Strukturen und die Kontinuität, mit Rücksicht auf die Tradition und die Heimatverbundenheit der Menschen im Land. Diese intensive Beschäftigung mit Argumenten dafür und dagegen ist der einzige Weg für mich, den Leidensdruck zu lindern.

Und es bringt wirklich etwas. Seit einiger Zeit schlafe ich wieder besser. Wir kommen uns näher, die Möglichkeit zum gegenseitigen Verständnis wächst. Und in mir wächst die Hoffnung, dass die große Strafe doch ausbleibt.

Und in Europa? Auch da tut sich etwas. Die harten Fronten weichen sich langsam auf. Und wenn Europa biegsamer wird, wird es nicht zerbrechen.

Neulich, in einem Morgentraum, ließ sich ganz Europa von mir umarmen. Das passierte mir zum ersten Mal. Und dieses kleine Land im Westen des Balkans, in dem ich geboren bin, war eingeschlossen. Es war ein warmes, beglückendes Gefühl von Zuhause. Es war brüchig und flüchtig, aber ich wurde wach und hielt es mit beiden Händen fest.

Die albanische Schriftstellerin Anila Wilms lebt seit 1994 in Berlin. 2012 erschien ihr erster Roman in deutscher Sprache: "Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens".

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