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Gastkolumne

Mein Europa: Ein Fisch mit Lunge

Die Sprache der Einheimischen ist der Schlüssel, der die Tür zu ihrem Herzen öffnet, sagt Rumjana Zacharieva. Die Schriftstellerin kam aus Bulgarien nach Deutschland. Ein literarischer Appell an alle, die ihr folgen.

Hab keine Angst, wenn Du in Deutschland strandest, Fremder! Dir steht eine Metamorphose bevor, genau wie mir, als ich meine Heimat Bulgarien verließ.

Damals "war ich ein Fisch. Mir war es wohl im Wasser. Doch plötzlich, eines Tages versagten meine Kiemen. Man stellte fest: Ich sei ein Fisch mit Lunge. Ein Köder kam. Im Korb erwacht, sprach ich die Menschensprache. Man nahm mich auf - ein Wunderexemplar - ein Fisch mit Stimme und mit Lunge. An mir vollzieht sich, was in Tausenden von Jahren vom Fisch zum Menschen geschah. Ich habe es geschafft: Ich bin schon längst kein Wunderexemplar mehr. Ich kann nur noch nicht richtig schwimmen."

Die zweite Heimat

Vor 46 Jahren betrachteten man uns Fremde in Deutschland als Wunderexemplare. Ich selbst wundere mich heute noch - und das im positiven Sinne. In Deutschland muss man nicht studiert haben, um ein angesehener Bürger zu sein. Hier respektiert man ethnische Minderheiten, wie etwa Roma und Juden, viel selbstverständlicher und konsequenter als in den ehemaligen Ostblockstaaten. Hier werden die Fremden viel weniger nach "gute Fremde" und "schlechten Fremde" geteilt als "da drüben" in der ehemaligen DDR und "da unten" bei uns auf dem Balkan. Auch Behinderte sind in Deutschland gleichwertige Mitglieder von Familie und Gesellschaft - für diese Erfahrung bin ich dankbar!

"Meine Furcht hat keinen Pass. Keine Staatsangehörigkeit. Geboren wird sie tagtäglich, mit anderen Worten: Heute. Geboren wo? Im Osten vielleicht, wäre die Antwort auf diese Frage. Oder hier, im Land der verlorenen Muttersprachen. An der Schwelle zu einer Berührung. Vorm Bildschirm abends um acht. Meine Furcht schlägt sich durch. Aufenthaltsgenehmigung - unbefristet, mit Recht auf Selbstbetätigung. Besonderes Merkmal - die Augenfarbe: grenzenlos."

Es stimmt, ich nannte Deutschland mal, meine zweite Heimat, "das Land der verlorenen Muttersprachen". Gerade habe ich meinen Kindheitsroman "7 Kilo Zeit" nach mehr als 30 Jahren in meine Muttersprache Bulgarisch übersetzt und neu geschrieben, und ich neige dazu, Deutschland "das Land der wiedergewonnenen Muttersprache" zu nennen.

Die Sprache ist der Schlüssel

Vergiss niemals: Deutsch ist hier die Menschensprache! Egal in welchem Land Du erwachst - die Sprache der Einheimischen ist der Schlüssel, der Dir die Tür zu ihren Herzen öffnen wird! Deutsch ist das erste und wichtigste öffentliche Verkehrsmittel, das Dich in den Hafen Deiner neuen Heimat befördern wird. In Deutschland wird man Dein Anderssein respektieren und Dich nicht zwingen, deutscher als die Deutschen zu sein. Und Du, der die heimatlichen Gewässern verlassen hat, wirst die Freiheit genießen, eigene Gesinnung und eine Alternative zu haben, einen neuen Weg einzuschlagen:

"Überleben war sein erster Gedanke, als der Fisch am Strand erwachte, doch da stand schon ein Vierbeiner oder ein Zweibeiner vor ihm, wälzte ihn ein paar Mal im Sand herum. Der Fisch roch ihm zu sehr, war ihm zu fremd und schlüpfrig, und er ließ ihn links liegen. In seiner Verzweiflung richtete sich der Fisch auf, wollte den ersten Schritt machen. Du wirst nie laufen lernen, sagte der Vier- oder Zweibeiner zum Fisch. Macht nichts, sagte der Fisch, ich will ja fliegen!"

(Die kursiven Zitate sind Ausschnitte der Gedichte von Zacharievan "Am Grunde der Zeit")

Rumjana Zacharieva ist eine deutschsprachige Schriftstellerin bulgarischer Herkunft, Rundfunk-Autorin und Übersetzerin, Mitglied des Deutschen PEN. Sie lebt seit 1970 in Bonn.