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Gastkolumne

Mein Europa: Die Welt erklärt in (fast) 30 Sekunden

Die Kultur der 30-Sekunden-Statements und Kurznachrichten in den Sozialen Medien trägt eine Mitschuld am Aufstieg des Populismus, meint der Schriftsteller Catalin Dorian Florescu. Denn kritische Gedanken brauchen Zeit.

Am Tag nach Donald Trumps Wahlsieg rief mich ein Schweizer Radiosender an. Die Redakteure wollten wissen, wie man diese Wahl deuten sollte. Ist sie das Ende der Demokratie als glaubwürdige Staatsform? Gar das Ende der Aufklärung? Ich konnte reden, so lange ich wollte - am Schluss würde man nur 30 Sekunden verwenden.

Ich war ratlos. Soll es wirklich möglich sein, etwas über die Weltordnung, wie wir sie kennen, in nur 30 Sekunden zu sagen? Oder über sonst irgendetwas, was von Bedeutung ist? In 30 Sekunden kann ich kaum mein Lieblingsbuch beschreiben. Oder eine einzige Szene aus Fellinis wunderbaren Filmen. Oder die Liebe für meine Frau. In 30 Sekunden kann ich am besten nur eines: Schweigen.

30 Sekunden sind eine unmenschliche Länge. Die Kultur der 30 Sekunden trägt Mitschuld daran, dass Trump das geworden ist, was er nun ist. 30 Sekunden reichen wahrscheinlich für ihn, um einen Tweet zu schreiben. Und fünf Sekunden, um ihn zu lesen. Das Twittern wird jetzt die Welt regieren. Das Twittern und alle anderen verwandten (Nicht-)Sozialen Medien sind der technologische Fleischwolf unserer Zeit, durch den die Aufklärung gezogen wird, bis von ihr nur noch dünne Fäden übrigbleiben. Ein wenig wie beim Pizzateig: Wenn man nicht aufpasst, reißt er.

Wenn ein Finger nach Amerika zeigt, zeigen vier auf uns 

War Aufklärung jemals auf solch eine kurze Aufmerksamkeitsspanne ausgerichtet? War sie nicht. Braucht der kritische, prüfende Gedanke Zeit? Ja, das braucht er. Trump aber für verantwortlich zu halten für die Ausdünnung - gar das Ende - der Aufklärung, hieße, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Es wäre zu viel der Ehre für ihn. Er ist nur ein Nutznießer, ein Zwischenprodukt einer Entwicklung, die schon früher begann.

Und den Vereinigten Staaten die Rückkehr eines vernunftfeindlichen, polemischen Denkens anzulasten, wäre nichts als verlogen. Immerhin hat das Land vor nicht einmal einer Dekade einen schwarzen Präsidenten gewählt - ein ziemlich vernünftiger Akt. Wenn die Aufklärung irgendwo auszufransen begann, dann hier bei uns in Europa, schon vor Jahrzehnten. Wenn ein Finger nach Amerika zeigt, zeigen vier auf uns.

Marine Le Pen (Picture-Alliance/AP Photo/C. Paris)

Populistischer Ausnahmezustand - Marine Le Pen, Frontfrau des Front Nationale könnte die nächste französische Präsidentin werden

Seit den 1990er-Jahren - eigentlich schon in den 1970ern mit der ausländerfeindlichen Schwarzenbach-Initiative - regten sich in der Schweiz Populisten von Format. Ein Milliardär, nicht anders als Trump, schaffte es in langjähriger politischer Arbeit, die Schweizerische Volkspartei (SVP) auf Vordermann zu bringen und aus ihr ein hocheffizientes, schlagkräftiges Instrument seines Populismus zu machen. Und er verkaufte einem großen Teil des Volkes - ebenfalls wie Trump - das Märchen vom Reichen, dem das Leben des einfachen Mannes und dessen Sorgen näher liegen als die eigene Hybris.

Niederlage des aufklärerischen Denkens

Seitdem herrscht pausenlos der populistische Ausnahmezustand. Seine Spezialitäten sind: Ressentiments erzeugen, verstärken und lenken, antieuropäisches Denken, Xenophobie. Und natürlich: Make Switzerland great again! Isolationismus getränkt in helvetischer Mythologie.

Die Niederlage des aufklärerischen Denkens lässt sich auch bei dem messen, was die Schweiz geradezu definiert: die direkte Demokratie. Der Volkswille, der seinen Ausdruck in den Abstimmungen zu den Volksinitiativen findet, wird ständig pervertiert und ad absurdum geführt. Das Wahlverhalten - eigentlich ein Akt der Reife des Staatsbürgers - wird geprägt von Ahnungen, dunklen Gefühlen, bloßen Annahmen, vereinfachenden Ressentiments. Man wählt mit dem Bauch, nicht mehr mit dem Verstand - nicht anders, als es in Amerika geschehen ist.

Der Volkswille wendet sich zum Schluss sogar gegen die Interessen des Volkes selbst. Die Masseneinwanderungsinitiative wurde vor zwei Jahren vom Volk angenommen und stürzte das Land seitdem in eine Krise ohne Gleichen mit der EU. Obwohl die Arbeitsmigration dem Land sehr viel gebracht hat. So entsteht eine bizarr verzerrte Demokratie, in der die Mehrheit keineswegs den Stein der Weisen gefunden hat.

Europäischer Populismus: Trump ist in guter Gesellschaft 

Aber Hauptsache, weniger Ausländer und vor allem weniger von der unerwünschten Sorte: ohne pralles Bankkonto und Buchungen in unseren Luxushotels. Ohne Aussicht auf einen Job in den Management-Etagen unserer Banken, in Versicherungen und der Industrie. Für alle, die das nicht gewährleisten können, gilt: Füße raus aus der Schweiz. Oder: Hände rein in unsere Klos. Denn in Berufen, die kein Schweizer mehr machen will, sind Ausländer natürlich willkommen.

Minarett Schweiz Volksabstimmung (AP)

Plakat der Schweizerischen Volkspartei (SVP) gegen den Bau von Minaretten in der Schweiz

Die Schweiz steht längst nicht mehr allein da, manche europäischen Musterschüler, die früher noch von der SVP lernten, haben sie inzwischen längst überholt: in Frankreich und Großbritannien, in Deutschland und den Niederlanden, in Österreich, in Polen oder Ungarn. Trump ist in guter Gesellschaft. Sie alle sollten vielleicht einen Twitter-Club gründen. Sie könnten sich gegenseitig twittern und wären damit für eine Weile beschäftigt. Trump hätte natürlich die Führungsrolle: Er würde den anderen beibringen, wie man dem enttäuschten, einsamen, wütenden, denkmüden Bürger von heute - mit einer Aufmerksamkeitsspanne von fünf Sekunden - in Nachrichten mit weniger als 140 Zeichen die Welt erklärt. Zugang hätten nur jene, die bereit sind, ihr Menschen- und Weltbild auf Twitterlänge zu entschlacken.

Für alle anderen, die gewohnt sind, komplexer zu denken, sich Zeit zu lassen, sich zu informieren, um die eigene Meinung zu überprüfen, für ein vielschichtiges Bild der Welt einzustehen und gefestigte humanistische Werte zu vertreten, für sie alle blieben die Türen dieses exklusiven Clubs geschlossen. Wir würden es verschmerzen.

Der deutschsprachige Schriftsteller Catalin Dorian Florescu ist in Rumänien geboren und lebt seit 1982 in der Schweiz. Er hat in Zürich Psychologie und Psychopathologie studiert und unter anderem als psychotherapeutischer Begleiter in einem Rehabilitationszentrum für Drogenabhängige und Berater für Suchtprobleme gearbeitet. Für den Roman "Jakob beschließt zu lieben" wurde er 2011 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Sein neuer Roman "Der Mann, der das Glück bringt" ist in diesem Jahr im Verlag C.H. Beck München erschienen.