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Gastkolumne

Mein Europa: Die verbrannte Erde der Aufklärung

Alte Phänomene wie Populismus und Nationalismus verbinden sich mit neuen wie Fake News: So entsteht der Nährboden für eine blinde und wütende Unvernunft, warnt der Schriftsteller Catalin Dorian Florescu.

Autor Catalin Dorian Florescu (M. Walker)

Catalin Dorian Florescu

Ein Gespenst geht um in der westlichen Welt: das Gespenst des postfaktischen Zeitalters. Seitdem Donald Trump mit geringem intellektuellem Aufwand, Lügen und Hetze die US-Präsidentschaftswahlen gewonnen hat, sei diese neue Epoche angebrochen, sagt man. Trump markiere in dieser Sicht der Dinge die Scheidelinie. Davor gab es die Aufklärung, seither kann die Aufklärung einpacken. Davor war es besser, jetzt... Wir sind gespannt.

Denn, wer braucht noch so etwas Veraltetes, Langsames, Kompliziertes, Zeitraubendes wie einen eigenen aufgeklärten Verstand, wenn es doch auch einfacher und schneller geht? Twitter und anderen (Un-)Sozialen Medien sei Dank. Tatsächlich gibt es genug Anlass zur Sorge: Wenn einer mit einem Narzissmus, der taub macht für die abwägende Vernunft, einem begrenzten Vokabular, das nur ein Adjektiv kennt - great -, einer, der sich vor allem aufs Behaupten versteht, kaum aufs Belegen, Präsident einer atomwaffenbestückten Demokratie werden kann, dann scheint die Vernunftsapokalypse nicht weit. Wobei wir nicht vergessen dürfen, dass manches Verhalten des Ex-Präsidenten Bush kaum als aufgeklärt gelten konnte und somit die Scheidelinie weit nach hinten zu verschieben wäre.

Trumps Weggefährten

Trump ist nicht allein auf seiner Reise ins Paradies der Unmündigkeit. Er hat nicht weniger entschlossene Weggefährten. Die russischen und türkischen Autokraten Putin und Erdogan - um nur zwei zu nennen - treiben das Projekt der Entmündigung und der Gehirnwäsche ihrer Völker schon länger voran. Ihre Rechnung scheint aufzugehen, denn sie haben kolossale Zustimmungszahlen. Auch wenn sich noch ein gewisser Widerstand von kritisch denkenden - aber verängstigten - Bürgern regt, ist er marginalisiert.

Das Volk träumt von einer starken Hand, die es küssen kann. Von einem ins Mythische überhöhten Osmanen- oder Russentum, das Geborgenheit bietet und alle Wunden heilt - oder heiligt. Würzt man diesen unappetitlichen Mix mit ein wenig Religion - russischer Orthodoxie hier, konservativem Islam dort - kriegt man die Portion Opium, die den Verstand verschleiert und einen beträchtlichen Teil des Volkes schlummern lässt.

Immerhin haben Putin und Erdogan nie behauptet, Aufklärer zu sein. Ihre Länder sind - wenn überhaupt - ganz an der Peripherie der Aufklärungszone zu finden, dank einer schmalen Schicht von kritischen Geistern und Dissidenten. Wenn aber in einer alten Demokratie ein großer Teil des Volkes - aber nicht der überwiegende, das darf man nicht vergessen - einen Trump wählt, muss man aufhorchen.

Natürlich kann man eine stabile Demokratie wie die USA nicht mit Demokratie-unerfahrenen Ländern vergleichen. Die Verachtung der Toleranz und der Gleichheit aller Menschen, die fehlende Ehrfurcht vor der Kreatur, die hochmütige Blindheit und die Verlogenheit eint aber all diese politischen Anführer. Und damit einen Teil jener, die ihnen folgen.

US Präsident Donald Trump (picture-alliance/Photoshot)

Trump auf seiner Pressekonferenz am 11. Januar

Ungarn und Polen: Sehnsucht nach der "heilen", ethnisch reinen Welt 

Aber schauen wir nach Zentral- und Osteuropa, dort, wo man mehr Aufklärung vermuten sollte. Ungarn und Polen - zwei Fixsterne am Osthimmel während des Demokratisierungsprozesses der 1990er-Jahre, Polen eigentlich noch bis vor kurzem - sind heute ein Schatten ihrer selbst. Beide sind sie Opfer eines aggressiven Nationalpopulismus geworden. In Polen herrscht die Sehnsucht nach dem Polentum - obwohl die aufgeklärte Opposition protestiert -, in Ungarn nach dem Magyarentum. Das eigentlich Neue dabei ist, dass diese Sehnsucht nach einer heilen, sauberen, ethnisch reinen Welt - gespickt mit viel Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Katholizismus - nicht bloß alte Ewiggestrige und Glatzköpfe erfasst hat, sondern viele junge Menschen.

In Polen marschieren Rechtsradikale neben Familien mit Kindern. In Ungarn besuchen junge Familien Festivals, wo das angebliche Magyarentum gefeiert wird. Schulter an Schulter mit Folkloristen und Rechtsradikalen wippen sie alle mit der Schuhspitze im Takt und singen Heimatlieder. Auch in Rumänien versagt die Vernunft. Gerade erst waren die Sozialdemokraten - die sich durch eine unglaubliche Korruption bis in die höchsten Etagen blamiert hatten - von der Macht entfernt worden, jetzt haben sie die Wahlen wieder gewonnen. Wider aller Vernunft.

Ich hingegen glaube, dass es nie eine Scheidelinie gab. Dass es kein Vor und Nach Donald Trump gibt. Es war früher nicht anders. Um drei Beispiele zu nennen: Es waren aufgeklärte Länder, aus denen 1914 die Soldaten singend und lachend an die Front zogen, berauscht vom Nationalismus, den sie mit jenen teilten, die zu Hause blieben. Es waren aufgeklärte Länder, die sich noch bis in die 60er- und 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts Kolonien hielten und diese oft nur unter hohem Blutzoll hergaben. Es ist die katholische Kirche, die in aufgeklärten Demokratien Menschen stigmatisiert und diskriminiert - Frauen, Geschiedene, Homosexuelle. Ich kann darin nichts Aufgeklärtes erkennen.

Strukturen des magischen Denkens auch bei Erwachsenen

Es war nie besser oder schlechter. Menschen sind anfällig für Unvernunft, für Wunschdenken. So wie die Strukturen des magischen Denkens eines Kindes auch beim Erwachsenen erhalten bleiben - und wir uns im Dunkeln fürchten oder, wenn wir in den Keller gehen, leise vor uns her pfeifen - kohabitiert auch die Aufklärung mit der Unvernunft.

Unter normalen Umständen kann der aufgeklärte Geist die Fakten gegenüber gleichgültiger Unvernunft in Zaum halten. Dann bauen wir Institutionen, um den Frieden zu sichern, wir glauben an die Macht des Dialogs und der Bildung, wir schaffen Bollwerke gegen die Verrohung. Unter besonderen Umständen aber bricht die Unvernunft durch, wie ein zweites Gesicht, eine Fratze der Aufklärung. Dann entdecken wir unsere Lust am Zerstören und Niederreißen von Zivilisation. Dann sprechen wir uns frei von der Verpflichtung gegenüber den humanistischen Werten. Dann hauen wir auf den Putz.

Heute erleben wir wieder eine solche Phase, in einem neuen kulturellen und zivilisatorischen Kontext. Uralte Phänomene - Populismus, Nationalismus, Wirtschaftskrisen, Wut auf die "da oben", die nicht für die "da unten" sorgen - verbinden sich dabei mit neuen: Flüchtlingsströme, Fake News und abgeflachtes, fragmentiertes Wissen aus dem virtuellen Raum, die Verwandlung des engagierten Bürgers in einen tauben, willfährigen Konsumenten, Überindividualisierung und Entsolidarisierung, humanistische Werte, die zur Disposition stehen. Das alles ist der Nährboden für die blinde und wütende Unvernunft. Zurück bleibt die verbrannte Erde der Aufklärung.

Der deutschsprachige Schriftsteller Catalin Dorian Florescu wurde am 27. August 1967 in Rumänien geboren und lebt seit 1982 in der Schweiz. Für den Roman "Jakob beschließt zu lieben" wurde er 2011 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet.

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