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Gastkolumne

Mein Europa: Deutschland - Polen, Versöhnung 2.0

Das deutsch-polnische Verhältnis ist derzeit angespannt, wie beim Antrittsbesuch von Frank-Walter Steinmeier in Warschau deutlich wurde. Dabei gibt es so viel, auf dem aufgebaut werden kann.

Wir dachten, das sei alles so weit weg. Der Krieg, diese schreckliche Vergangenheit, die so lange nicht vergehen wollte und dann doch vergangen ist. "Ein Mann mit Vergangenheit" - wenn wir so etwas sagen, ahnt der Zuhörer sofort, dass es dabei nicht um etwas Gutes, sondern um etwas Problematisches oder Böses geht.

Dieses Böse vor Augen, haben wir es immerhin geschafft - Kalter Krieg hin, Berliner Mauer her - für einige Jahrzehnte in Europa Frieden zu bewahren. Zumindest Frieden im Sinne von Nicht-Krieg, der zeitweise an Friedhofsruhe erinnerte. Später kam Bosnien, ja. Kosovo, auch das. Schließlich Donbass, Donbass, Donbass und kein Ende. Aber immerhin: Ein weiterer, ganz großer Konflikt mit Millionen Toten blieb Europa erspart.

Eheschließung, Außenhandel

So ist es auch zwischen Deutschland und Polen gewesen. Wir dachten, der Krieg sei so weit weg. Wir beobachteten, wie Deutschland nach und nach, und auch unter Druck von außen, seine Vergangenheit aufarbeitet. Wir sahen, wie Zehntausende deutsch-polnischer Ehen geschlossen werden. Wir hörten, dass der deutsch-polnische Handel von Rekord zu Rekord eilt. 

Jetzt aber war Bundespräsident Steinmeier in Polen. Er besuchte die Warschauer Buchmesse. Hinter den Kulissen hieß es, dies sei ein schwieriger Besuch. Und deshalb umso wichtiger.

Wieder wird die deutsche Karte gespielt

Aber zugleich drucken manche polnischen Magazine Titelseiten, auf denen EU-Ratspräsident Donald Tusk, der Lieblingsfeind der polnischen Regierung, in einer Wehrmachtsuniform zu sehen ist - neben Kanzlerin Angela Merkel (in Zivil). Der Vorwurf, "Deutschland hörig" zu sein, ist wieder üblich geworden. Tusk hatte in einem Wahlkampf vor zwölf Jahren schon einmal erfahren müssen, wie gefährlich es ist, wenn die "deutsche Karte" gespielt wird: Seine Gegner von der Partei Jaroslaw Kaczynskis machten damals ein großes Thema aus der Tatsache, dass Tusks Großvater (nach seiner Haft in einem deutschen KZ) zum Dienst in der Wehrmacht gezwungen wurde. Tusk verlor die Wahl.

Bundespräsident Roman Herzog in Warschau (picture-alliance / dpa)

Bundespräsident Roman Herzog in Warschau 1994: "Ich bitte um Vergebung für das, was Ihnen von Deutschen angetan worden ist".

Auch heute wollen manche Politiker in Warschau und manche Publizisten die Interessengemeinschaft zwischen Deutschland und Polen durch eine "Konfliktgemeinschaft" ersetzen. Umso wichtiger ist es, daran zu erinnern, was Männer und Frauen, oft Augenzeugen des Weltkriegs, oft auch auf die eine oder andere Weise Opfer des NS-Regimes, für die Verständigung zwischen beiden Völkern geleistet haben.

Eine Schatztruhe für die Verständigung

Zufällig sind jetzt zwei seit längerem geplante Bücher erschienen, die davon handeln. Sie passen komplementär zueinander: Das eine behandelt deutsche Begegnungen mit dem östlichen, das andere polnische Begegnungen mit dem westlichen Nachbarn. Wenn die weltweit bewunderte deutsch-polnische Verständigung und Aussöhnung ein wertvoller Schatz ist, so ist jedes dieser Bücher eine kleine Schatztruhe.

Das erste Buch trägt den Titel "Mein Polen - meine Polen. Zugänge und Sichtweisen" (Harrassowitz Verlag, Wiesbaden). 43 Deutsche schildern darin - in kurzer und oft amüsanter Form - ihre ersten oder ihre schönsten Begegnungen mit dem Nachbarn. Drei Ex-Bundespräsidenten sind dabei, darunter Roman Herzog, der sich lebhaft und wenig diplomatisch erinnert: "Lech Walesa ist ein durch und durch spontaner Mensch, militärisch gesprochen ein draufgängerischer Troupier (laut Duden: altgedienter Soldat)." Das feine Spinnen von Kompromissen sei hingegen nicht so seine Sache gewesen.

Seelenverwandtschaft der Künstler

Wunderbare Erzählungen haben die im Buch vertretenen Künstler zu bieten. Anne-Sophie Mutter spricht von "glückhaften Begegnungen" und einer "Seelenverwandtschaft" mit den Komponisten Witold Lutoslawski und Krzysztof Penderecki. Besonders eindringlich ist der kurze Text des Jazzmusikers Emil Mangelsdorff. Er wurde 1939, als er 14 Jahre alt war, in ein Schulungslager der Hitlerjugend in Masuren geschickt. Man bereitete die Jugend darauf vor - wie es hieß - "in den zu erobernden Ostgebieten Bauernhöfe zu übernehmen".

Deutschland Emil Mangelsdorff Jazz-Musiker (picture-alliance/dpa/C. Schmidt)

Emil Mangelsdorff: eine "Gedankenbrücke" im Kopf

Am 1. September hörte der kleine Emil die Geschütze donnern! Gegen Ende des Krieges musste Mangelsdorff auch noch in Russland kämpfen. Er geriet für vier Jahre in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Jahre später, 1957, wurde er erstmals zu einem Jazzfestival nach Polen eingeladen. Ein junger Pole mit eintätowierter KZ-Häftlingsnummer betreute ihn während der Reise. Die beiden verstanden sich sofort. "Bis heute besteht bei mir eine Gedankenbrücke zurück in die Zeit des Überfalls der Naziarmee auf Polen."

Die Tragödien des 20. Jahrhunderts

Weniger essayistisch, mehr mit wissenschaftlichem Anspruch ist das zweite Buch: "'Der du mein ferner Bruder bist...' Polnische Deutschlandfreunde in Porträts" (fibre Verlag, Osnabrück). Hier werden in 18 Kapiteln polnische Persönlichkeiten vorgestellt. Für alle war die Beziehung zu Deutschland und den Deutschen ein wichtiger, oft genug ein schmerzhafter Teil ihres Lebens. Oft genug war es für sie schwierig, "Freund" Deutschlands zu sein, schon allein wegen des Drucks des sozialen Umfelds.

Die Spanne reicht zeitlich vom polnischen Fürsten Anton Heinrich Radziwill (1775-1833), einem frühen Verfechter der deutsch-polnischen Annäherung, bis zum 2015 verstorbenen zweifachen Außenminister und früheren Auschwitz-Häftling Wladyslaw Bartoszewski. In vielen der biografischen Skizzen scheint die große Tragödie des 20. Jahrhunderts auf. Emil Hulewicz, Übersetzer und Freund Rilkes, kam in einer Massenexekution durch deutsche Einheiten in Warschau ums Leben. Tadeusz Mazowiecki, der als Ministerpräsident 1989 zusammen mit Helmut Kohl die neue deutsch-polnische Nachbarschaft begründete, hatte seinen Bruder Wojciech im KZ Stutthof verloren.

Sie alle hatten, wie Mangelsdorff es nennt, eine "Gedankenbrücke" im Kopf - zurück in jene ungute Vergangenheit. Und doch haben sie Wege in die Zukunft gebahnt. Wir - Deutsche und Polen - müssen darauf achten, dass diese Wege heute, in Zeiten von Hassbotschaften und Fake News, nicht wieder von Unkraut überwuchert werden.

Gerhard Gnauck entstammt einer deutsch-polnischen Ehe: Er ist Enkel einer Teilnehmerin des Warschauer Aufstands und eines Wehrmachtssoldaten. Er lebt als Korrespondent der Zeitung "Die Welt" in Warschau.  

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