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Gastkolumne

Mein Europa: Der Zug fährt vorwärts

Europa ist im Wandel begriffen. Wohin er führt, weiß man nicht so genau, und das kann Ängste hervorrufen. Es gibt aber Grund zur Hoffnung, glaubt Anila Wilms.

In meiner Umgebung beobachte ich zurzeit viel Bewegung: Viele scheinen gerade damit beschäftigt zu sein, grundlegende Veränderungen in ihren Leben vorzunehmen. Sie gehen durch unruhige, fordernde Zeiten: Umzüge, Trennungen, Begegnungen, große Dilemmata. Neue Erkenntnisse bahnen sich ihren Weg ins Bewusstsein, und man tut Schritte, die man sich selbst bis vor kurzem nicht zugetraut hätte.

Es gibt für mich einen unverkennbaren Zusammenhang zwischen dem Wandel im Leben des Einzelnen und den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen, die wir gerade erleben. Die Fragen, die der Zeitgeist aufwirft, betreffen im Endeffekt jeden von uns auf ganz persönliche Weise. Zum einen die Frage nach der Heimat: Wo sind meine Wurzeln? Wo bin ich versorgt und beschützt? Wo bin ich zuhause? Zum anderen die Frage der Identität: Wer bin ich? Was macht mich einmalig? Wo ist mein Platz in der Welt?

Es sind existenzielle Fragen, die uns auf einmal gestellt werden. Etwas ist über uns hereingebrochen, unerwünscht und unerlaubt. Etwas, dem unsere Empfindungen und Schicksale gleichgültig zu sein scheinen. Wir bekommen es mit der nackten Angst zu tun. Ohne das Gefühl, verwurzelt zu sein, sind wir verloren im Universum. Ohne klare Identität erscheint das Dasein zwecklos. Es herrscht große Gereiztheit und Genervtheit, die gewohnte Toleranz fällt schwer.

Katastrophe oder Wachstum?

Diese Fragen werden nun ganz hart und konkret an Europa gestellt. Der Nationalstaat schafft sich allmählich ab, Grenzen verwischen sich, das alte Heimatgefühl und die Identitäten lösen sich auf. Es soll etwas größeres und besseres werden. Aber wie genau das aussieht, wie sich das anfühlt, wie sich das auf das Leben des Einzelnen auswirkt, weiß noch niemand.

London Pro Europa Demonstration (Getty Images/AFP/D. Leal-Olivas)

Europa ist auf die Probe gestellt

Was man zunächst weiß, ist, dass die Welt mit einem Mal überwältigend groß geworden ist. Wird uns diese Zeit ins Unglück stürzen? Und vor allem: Sind wir zum Teil nicht selber Schuld an dieser explosionsartigen Vergrößerung? Denn wir arbeiten seit Jahrzehnten am Projekt Vereintes Europa. Die Gründe von damals haben wir nicht vergessen. Sie waren und sind immer noch existenziell: innereuropäischer Frieden und Wohlstand. Doch nun sind wir an einem Punkt angekommen, wo wir den Prozess, den wir selbst eingeleitet und voran getrieben haben, als bedrohlich für das Gefühl von Verwurzelung und für unsere Identität empfinden.

Die Angst ist berechtigt, denn das kollektive Gedächtnis hat die historischen Katastrophen gespeichert und wird sie so schnell nicht vergessen. Doch gleichzeitig haben wir als Kollektiv im Laufe der Geschichte schon viele solcher Erweiterungen erlebt und bewältigt. Das kollektive Gedächtnis beinhaltet also beides: sowohl Katastrophen als auch Erfolge.

Hinter uns liegen lange, schwer erträgliche Monate der Unsicherheit. Mittlerweile erscheint die Richtung jedoch erkennbar zu sein: Verdruss und Zweifel an der EU scheinen doch kleiner zu sein, als die Angst, dass die EU zerbrechen könnte. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist dies also keine Zeit der Katastrophe. Sondern eine Zeit der Prüfung, die all unsere Versäumnisse und die Fehlentwicklungen zutage treten lässt.

Lokomotive in die Zukunft

Europa erholt sich langsam vom Schock. Die nötigen Korrekturen am Kurs werden bereits eingeleitet. Lokale, "heimatliche" Angelegenheiten sollen wieder lokal geregelt werden. Und die Frage der Identität? "Europa findet Hoffnung, wenn es offen für Zukunft ist", sagt Papst Franziskus. Und die Trägerin der Zukunft ist die Jugend. Und sie hat bereits eine europäische Identität.

Wir haben unsere Jugend selbst in diesem europäischen Geist erzogen. Nun könnte sie als Vorbild und Lokomotive für die ganze Gesellschaft fungieren: mit ihrem jugendlichen Feuer, ihrer Begeisterung, dem Ehrgeiz und dem Wunsch, die Welt retten zu wollen.

Unsere Jugend, das ist die Internet-Generation, die digital natives. Es ist selbstverständlich für sie, eine größere Familie als die fassbar-biologische zu haben - das Internet und die Reisefreiheit machten es möglich.

Deutschland Jugendliche in Düsseldorf Symbolbild (picture-alliance/dpa/R. Vennenbernd)

Für die Internet-Generation ist Europa ohne Grenzen eine Selbstverständlichkeit

Gerade die Informationstechnologie entwickelt sich zu einem immer größer und präziser werdenden Spiegel des alles verbindenden Netzwerks der Natur. Bei allen Gefahren, die sie mit sich bringt, gehört ihr die Zukunft, zusammen mit Quanten- und Nuklearphysik, Raumfahrt, ganzheitliche Medizin, Tiefenpsychologie, Genforschung. Der Verunsicherung, die die neuen Technologien hervorrufen, kann man nur mit radikaler Aufklärung begegnen. Es ist das Wissen um die höhere Ordnung des Kosmos, die dem Menschen das Gefühl gibt, Teil eines intelligenten und sinnvollen Planes zu sein. So werden das Heimatgefühl und die Identität von der nationalen in eine höhere, weitere Ebene verlagert.

Im Nachhinein scheint es logisch: Ein Zurück ins Unwissen, in die Finsternis des Geistes ist doch gar nicht möglich. Es sei denn, das geschieht mit brachialer Gewalt. Und ich, die ich in einer Diktatur aufgewachsen bin, weiß, dass gesellschaftlicher Fortschritt zunichte gemacht werden kann. Aber Europa ist so viel weiter als das - ein Kontinent des Wissens und der Weisheit, der für eine besondere Rolle in der Welt prädestiniert ist. Europa verdient Achtung, Vertrauen, Unterstützung. Und all unsere Liebe.

Die albanische Schriftstellerin Anila Wilms lebt seit 1994 in Berlin. 2012 erschien ihr erster Roman in deutscher Sprache: "Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens".