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Gastkolumne

Mein Europa: Das Innere Europas "first"

Es ist keine große Kunst, sich Trump moralisch überlegen zu fühlen. Europa muss aber für sich klären, welche Werte es vertreten will, sagt Jagoda Marinic.

Trump stellte sich diese Woche vor die Weltpresse und verkündete in etwa: Ich werde meinen Beitrag leisten, die Welt weiter zu vernichten. Das Klimaabkommen sei für die USA ein schlechter Deal. Der Regisseur Michael Moore twitterte: "Trump hat soeben ein Verbrechen gegen die Menschheit begangen." Erinnern wir uns zurück an die Wahlkampfzeit Clinton gegen Trump. Da hatte der slowenische Philosoph Slavoj Zizek eine Welle der Empörung ausgelöst, als er eine Wahlempfehlung für Trump abgab. Diese war jedoch nicht als Kompliment gemeint, in Zizeks Empfehlung schwang eine alte Hoffnung mit: Die demokratischen Bürger könnten durch einen Präsidenten wie Trump endlich aufwachen. Während Hillary Clinton gewohnt sei, den Schmutz der Politik mit der üblichen Seife reinzuwaschen, würde Trump das korrupte System der derzeitigen Wirtschaftsordnung bloßstellen. Im Grunde meinte Zizek so etwas wie: Bei einem wie Trump, da ist die Revolution ganz nah.

Trump ist jedoch schlimmer als das korrupte System, das er verkörpert. Bei der Pressekonferenz am Donnerstag das übliche Bild: Trump stellt sich vor sein Mikrofon, wie immer zutiefst gerührt von sich selbst und seinem Präsidenten-Dasein und verkündet den Ausstieg zum Wohle der USA. In Trumps Universum lässt sich auch das Klima in Nationalstaaten unterteilen.

Golfspielen auf Glatteis

Werden die Menschen, um die er sich auf diese Art kümmert, durch eine Glasglocke über den USA vom Klimawandel verschont? Wie funktioniert dieser Nationalismus in der Biosphäre? Werden die Bürger nun im Sinne von Zizek auf die Straße gehen? Gibt es einen zweiten "March on Washington"? Trump möchte neu verhandeln. Seine bisherige Präsidentschaft ist wie Rumpelstilzchens Tanz ums Feuer: verhandeln, verhandeln, verhandeln! In der Vergangenheit hat ihm das goldene Türme eingebracht. Jetzt treibt es ihn in die Isolation. Wahrscheinlich ist er das von den Goldtürmchen längst gewohnt. Dabei ist er nicht ganz allein: Die USA teilen ihr Schicksal mit Nicaragua und Syrien. 

USA Donald Trump (picture alliance/AP Photo/L. Bruno)

Die Unzuverlässigkeit Trumps macht Europa zu einem attraktiven Partner für andere Regionen der Welt

Beim G7-Gipfel hatte sich dieser Politikstil bereits angekündigt: Trump spielt gerne Golf mit der Welt, doch sein Rasen wird zu Glatteis: Keiner weiß mehr, wie er den Ball zu spielen hat, um das Loch zu treffen. Im Zweifelsfall rutscht selbst Trump darauf aus. Sich gegenüber dieser neuen Weltmacht zu positionieren bringt die Welt ins Wanken.

Merkel holte nach dem G7-Gipfel zu einem Angriff gegen Trumps Isolationismus aus. Europa werde nicht der schwächere Partner werden. Seit G7 wird zunehmend deutlicher, wie ein Teil der angelsächsischen Presse darauf kam, Merkel zur Anführerin der freien Welt zu erklären. Merkel kritisiert Trump wie Michelle Obama es tat: Sie erwähnt ihn namentlich nicht. Kurz darauf trifft sie sich jedoch mit den Staatschefs von Indien und China. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: Um die westliche Welt zu verteidigen, braucht es nun neue Bündnisse mit China. Da fehlt nur noch Russland. Dank Trump wird die EU nun mit China gegen Erderwärmung kämpfen und für den freien Welthandel. Trump lässt unterdessen hier und da Raketen testen, man weiß ja nie, wie lange die Tweets noch als Aufhänger für die Titelseiten der Welt reichen.

Europa muss erwachsen werden

Es ist eine verunsicherte Weltordnung  - und eine Welt, die verunsichert. Europa muss erwachsen werden und das in einer Zeit, in der es seine größte Krise durchlebt: Denn während international Ersatz-Allianzen geschmiedet werden, ist die Krise innerhalb der Union nicht gelöst. Der wirtschaftlich geschwächte europäische Süden, wird immer weiter abgehängt. Auch die Menschen, die vor unseren Grenzen Hilfe suchen, stellen Fragen an die humanitäre Selbstverortung Europas, die nicht von der EU beantwortet wurde. Sich Trump moralisch überlegen zu fühlen, ist keine große Kunst. Diesem schwachen Präsidenten Einhalt zu gebieten scheint leichter als gedacht: Die Unzuverlässigkeit Trumps macht Europa zu einem attraktiven Partner für andere Regionen der Welt. Der jahrzehntelange Vorwurf, die EU übernehme keine Verantwortung auf der politischen Weltbühne, könnte sich bald erübrigt haben.

München Bierzeltauftritt von Angela Merkel (picture-alliance/dpa/S. Hoppe)

Anführerin der freien Welt?

Nur eines darf diese EU dabei nicht vergessen: Sie kann nur dann ein starker Partner nach außen sein, wenn sie es nach innen ist. Die Widersprüche Europas sind längst nicht geklärt. Die deutsche Rolle in diesem Europa ebenfalls nicht. Wenn Merkel die Anführerin der liberalen Welt ist, was tut dann der Rest - ihr folgen? Wäre das Europa? Merkel hat einige ungelöste Probleme zuhause: Während Trump das Klimaabkommen aufkündigt, werden deutsche Autohersteller wie VW in den USA wegen des Abgasskandals verklagt. Deutschland kauft sich regelmäßig seine CO2-Werte schön. Umweltschutz ist eine Verbal-Tugend in Deutschland, die man gerne vor sich her trägt, aber nicht immer bezahlen möchte.

Die Lücke, die Trump lässt

Merkel erfindet sich in diesem Wahlkampfjahr neu. Die internationale Bühne scheint ihr zu liegen. Doch Zuhause - und Zuhause ist auch Europa - spart sie in ihrem Land und in Europa ganze Bevölkerungsschichten kaputt. In Griechenland sollen erneut Renten gekürzt werden. Das Rentenniveau vieler Deutschen ist in Anbetracht des Wohlstands dieses Landes beschämend, die Kluft zwischen Arm und Reich, Nord und Süd wächst.

Diese Woche war Bernie Sanders zu Gast in Berlin und war das, was Martin Schulz für viele doch nicht sein kann: Einer, dessen Herz glaubwürdig links schlägt. Links ist dort, wo jene Leute stehen, von denen Zizek meinte, sie müssten sich jetzt, wenn sie in Trump das personifizierte System am Werke sehen, wieder die eigene Trägheit in Bewegung setzen. "Wir dürfen die Gier der Milliardäre nicht länger akzeptieren", sagte Sanders diese Woche in Berlin. Derzeit akzeptieren wir sogar, dass sie nach der Macht greifen - und sie tatsächlich erhalten. Wenn die EU nun die Lücke füllen möchte, die Trump lässt, dann müssen wir Europäer uns endlich klar darüber werden, welches Europa diese Europäische Union nach außen vertreten soll, von welchen Werten diese Gemeinschaft wirklich spricht.

Jagoda Marinic ist eine deutsch-kroatische Schriftstellerin, Theaterautorin und Journalistin. Sie wurde als Tochter kroatischer Einwanderer in Waiblingen geboren. Zurzeit lebt sie in Heidelberg. Zuletzt erschien von ihr der Roman "Made in Germany - Was ist deutsch in Deutschland?". Darin setzt sie sich mit der Identität Deutschlands als Einwanderungsland auseinander.