1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

"Mein Einsatz für Flüchtlinge": Judith Holofernes schafft Verbindung über Musik

Ohne Sprache, nur mit Musik Kontakt aufnehmen - dass das funktioniert, hat die Sängerin und Lyrikerin selbst erlebt. Sie schenkt den geflohenen Menschen ihre Musik und bekommt dabei viel zurück, wie sie sagt.

Schriftsteller, Musiker, Künstler, Theaterleute – viele sehen sich als Bürger dieser Welt und nutzen ihre Popularität, um zur Solidarität mit Flüchtlingen aufzurufen, Spenden zu sammeln oder aufkeimenden Rassismus zu kritisieren. Woher kommt ihr Engagement? Drei Fragen, drei Antworten: unsere DW-Serie "Mein Einsatz".

DW: Wie setzen Sie sich für Flüchtlinge ein?

Judith Holofernes: Ich habe auf verschiedene Arten versucht zu tun, was ich tun kann. Ich hatte einen ganz starken Impuls zu helfen und habe deshalb sehr unterschiedliche Sachen gemacht: Auf der einen Seite habe ich in Berlin-Kreuzberg auf der Straße mit meinen privaten Klamotten einen Flohmarkt organisiert – und ich hatte wirklich einen wunderschönen Tag. Was bei diesem Flohmarkt vor den Räumen von "Kreuzberg hilft" eingespielt wurde, haben wir "Cadus" gespendet, das ist eine Organisation, die gerade ein Krankenhaus in Syrien baut. Wichtig ist, dass nicht alles nur hier passiert. Das war ein ganz toller Tag, weil ich mit vielen der wunderbaren Leuten in Kontakt gekommen bin, die am "Lageso" (die Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber des Landesamts für Gesundheit und Soziales in Berlin-Moabit, Anm. d. Red.) wirklich handfest anpacken, zum Beispiel Hebammen und andere, die in helfenden Berufen arbeiten und sich aufopfern. Das war sehr inspirierend.

Und eine andere Geschichte war die, dass ich bei dem "Danke-Konzert" für die Flüchtlingshelfer und Flüchtlinge am 11. Oktober in München mitgemacht habe. Das war ein ganz besonderer Tag, denn ich kam alleine und habe am Ende sehr spontan zusammen mit dem syrischen Musiker

Aeham Ahmad

gespielt. Aeham trägt inzwischen den illustren Beinamen "Pianist von Yarmouk". Ein herzzerreißendes Bild von ihm ist um die Welt gegangen, das zeigt, wie er in den Trümmern von Yarmouk Klavier spielt. Das hat er wirklich drei Jahre lang immer wieder getan, er hat in der zerbombten Stadt gespielt und mit Kindern Chöre gebildet; das ist wirklich sehr beeindruckend. Irgendwann ist dann der IS eingerückt. Sie haben Aehams Klavier verbrannt, und er selber ist nur ganz knapp davongekommen. Jetzt ist er tatsächlich seit ein paar Wochen in Deutschland in einem der Lager in der Nähe von Köln. Ich habe ihn morgens um 8:30 Uhr kennengelernt und dann abends mit ihm auf der Bühne gestanden und zwei Songs gespielt. Das war wirklich wunderschön und sehr bewegend.

Warum tun Sie es?

Für mich hat es eine ganz große Selbstverständlichkeit, den Menschen zu helfen. Ich weiß nicht, ob das gut zu vermitteln ist, aber ich verspüre fast so etwas wie Dankbarkeit, dass wir so leicht so massiv helfen können. Dass wir aus der Sicherheit unserer Häuser heraus, aus unseren warmen, beheizten, sicheren Wohnungen heraus, so fundamental helfen können. Diese Menschen haben die ganze schwere Arbeit schon geleistet, durch die sie es hierher geschafft haben, und ich bin dankbar, tun zu können, was ich tun kann. Ich habe auch ganz großen Respekt vor Menschen, die es andersrum machen und in Krisengebiete fahren, um dort zu helfen.

Was möchten Sie damit bewirken?

Ich denke das, was man über Musik bewirken kann. Ich finde es schön, wenn jeder das gibt, was er am speziellsten zu geben hat. Klar, ich habe auch versucht, Kleider zu spenden oder ähnliches, das finde ich auch wichtig. Ich habe normalerweise ein bisschen Probleme damit, wenn man seine Prominenz zur Verfügung stellt, aber wenn es etwas nützt, ist es mir dann am Ende des Tages auch egal.

Bei diesem Münchner Konzert hatte ich das Gefühl, über die Musik an die Realität des Schreckens heranzukommen: das Gefühl, dass man über Musik wirklich in Verbindung gehen kann mit jemandem, der Schreckliches erlebt hat, und der unglaubliche psychische Widerstandsfähigkeit besitzt und heiter ist. Natürlich nicht nur – er zuckt auch zusammen, wenn uniformierte Helfer das Auto anhalten und er ist ganz bestimmt tief traumatisiert. Aber auf der anderen Seite strahlt er auf der Bühne – dem macht nichts mehr Angst! So einen furchtlosen Musiker habe ich noch nie erlebt. Ich glaube, über die Musik kann man Verbindung schaffen und direkt, ohne Sprache ans Herz gehen. Wir hatten einen Übersetzer – Aeham spricht kein Englisch – und wir haben uns trotzdem über die Musik ganz tief gesehen.

Judith Holofernes wurde als Sängerin und Gitarristin der Band "Wir sind Helden" bekannt; seit 2013 feilt sie an ihrer Solokarriere. Ihr Album "Ein leichtes Schwert“" stand 2014 wochenlang in den Charts. Als Lyrikerin bewies sie sich nicht nur durch ihre Songtexte. Im Oktober 2015 veröffentlichte sie einen Band mit witzigen Tiergedichten: "Du bellst vor dem falschen Baum", illustriert von Vanessa Karré, Tropen Verlag, 104 Seiten.

Dossiers

DW-Links