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Kultur

"Mein Einsatz für Flüchtlinge": Albert Ostermaier will Geschichten hörbar machen

2014 war der Münchner Dramatiker, Lyriker und Romancier mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier im Libanon. Seitdem ist sein Engagement für Menschen auf der Flucht noch konkreter geworden. Was will er erreichen?

Schriftsteller, Musiker, Künstler, Theaterleute – viele sehen sich als Bürger dieser Welt und nutzen ihre Popularität, um zur Solidarität mit Flüchtlingen aufzurufen, Spenden zu sammeln oder aufkeimenden Rassismus zu kritisieren. Woher kommt ihr Engagement? Drei Fragen, drei Antworten: unsere DW-Serie "Mein Einsatz".

DW: Wie setzen Sie sich für Flüchtlinge ein?

Albert Ostermaier: Ich habe schon viel zu diesem Thema und für Flüchtlinge gearbeitet, in mehrerer Hinsicht. Im letzten Jahr war ich bei einer Reise mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier im Libanon - auch in den Flüchtlingscamps, solchen, in denen die Flüchtlinge registriert werden, und in anderen. Dort war es für mich ganz offensichtlich, dass es eine absolute Notwendigkeit ist zu helfen. Es ist mir wirklich eine Herzensangelegenheit, mich für Flüchtlinge einzusetzen, im wahrsten Sinne. Im Libanon wurde mir sehr bewusst, dass das natürlich alles Menschen mit Geschichten sind. Jeder hat eine eigene Geschichte, die erzählt werden muss. Bei uns werden diese Geschichten ja oft nur in Nummern und Prozentsätze übersetzt.

Und genau hier sind die Kunst und die Literatur gefragt, um diese Geschichten hörbar zu machen. Deswegen haben wir zum einen ein Projekt initiiert, mit dem wir konkret im Libanon etwas erreichen können. Zum anderen: Als ich gefragt wurde, ob ich für das Münchner Literaturfestival das "forum:autoren" organisieren wollte, war für mich schon vor einem Jahr klar, dass es nur ein Thema haben kann: eben die Situation der Flucht, der Flüchtlinge, die der geflohenen Menschen.

Dabei muss man auf verschiedenen Ebenen arbeiten. Einerseits mit den Flüchtlingen vor Ort: Wir machen mit ihnen Poetry Slams, wir gehen mit ihnen Fußball spielen, organisieren Fußballspiele mit Ex-Promis, wir haben Autoren, die sich mit ihnen treffen und ihre Geschichten aufzeichnen und weitererzählen. Und ich habe ganz viele Autoren eingeladen, die selber aus den betroffenen Ländern, aus den Brandherden kommen. Ich habe auch Autoren dort hingeschickt, damit man die Konflikte in ihren Ursprüngen verstehen lernt und begreifen kann, warum jemand flieht, und was dort passiert ist.

Mir persönlich ist es neben der konkreten Hilfe auch sehr wichtig, dass man übersetzt. Bei uns gibt es wahnsinnig viele Ängste und Klischees, die es zu brechen gilt, damit man merkt, dass die Geschichten erfahrbar sind, und dass die Flüchtlinge Menschen wie du und ich sind. Die Hilfe sollte eigentlich selbstverständlich sein, und sie kann für uns sehr bereichernd sein.

Flüchtlingscamp bei Taalabaya (Foto: Getty Images/AFP)

Ein Flüchtlingslager im Libanon im Bekaa Valley bei Taalabaya

Warum tun Sie es?

Ich tue es ganz konkret aufgrund meiner Erfahrung im Libanon. Auch, wenn das bei mir schon immer ein Thema war. Doch als ich im Libanon die Erwachsenen und Kinder gesehen und ihre Geschichten gehört habe, war für mich klar, dass es überhaupt nichts anderes geben kann, als sich hier einzusetzen. Da gibt es keine Diskussion und auch kein Zögern, das ist etwas Selbstverständliches. Wenn man ein Herz hat, muss man auch ein Herz für geflohene Menschen haben. Dann muss man auch etwas von dem zurückgeben, was wir seit Tausenden von Jahren von unserer Kultur geschenkt bekommen haben. Wenn wir die Menschenwürde ernst nehmen, dann ist es ganz klar, dass wir uns für sie stark machen müssen. Mit der Literatur können wir Menschen eine Stimme geben, die sonst keine haben, oder die nicht gehört werden.

Was möchten Sie damit bewirken?

Ich möchte ganz klar bewirken, dass die Menschen den Mut haben sich einzusetzen, und dass man die Arbeit mit Flüchtlingen als etwas Bereicherndes erfährt. Es ist ein Geschenk, anderen Menschen zu helfen, sie kennenzulernen und ihre Geschichten zu verstehen. Man soll erfahren, dass das keine abstrakten Begriffe sind, keine Prozentsätze, sondern alles einzelne Menschen, die ihre Biografien haben, ihre eigene Motivation und ihren eigenen Grund, warum sie gekommen sind. Ich denke, wenn wir das verstehen und uns von den Allgemeinbegriffen lösen, dann ist jeder Einzelne von uns gefragt, Stellung zu beziehen. Sich auf Gemeinplätze zurückzuziehen, ist viel schwieriger, wenn man jemandem gegenüber steht und merkt, da ist ein Mensch - und auch wir selber könnten gefährdet sein.

Wir leben in dieser unglaublichen Sicherheit und glauben, die sei für immer gewährleistet. Bis vor kurzer Zeit war aber auch Europa ein Kontinent der Flucht, der Gefährdung und des Kriegs. Ich finde es ganz wichtig, dass wir hier durch die konkrete Begegnung eine neue Sensibilität schaffen. Und das ist etwas, das uns alle verbindet und Sinn stiftet. Man muss das als etwas Positives und Bereicherndes erfahren. Die Menschen kommen aus katastrophalen Zuständen, aber dieses Aufeinandertreffen, das Miteinander-Sein, etwas aufzubauen oder jemanden aufzunehmen, ist eine total beglückende Erfahrung. Ich halte es für die Aufgabe der Kunst und der Literatur, diese Dinge zu vermitteln.

Albert Ostermaier hat für das Literaturfest München (18.11. - 6.12.2015) das "forum:autoren" kuratiert. Die Liste seiner Theaterstücke, Hörspiele, Romane und sonstigen Veröffentlichungen ist lang. Für seine Arbeiten wurde der Roman- und Theaterautor vielfach ausgezeichnet. Sein letzter Roman "Lenz im Libanon" erschien im April 2015 im Suhrkamp Verlag, Berlin.

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