Mein Deutschland: Pfirsichblüte ist Heimat | Deutschland | DW | 17.05.2018
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Kolumne

Mein Deutschland: Pfirsichblüte ist Heimat

Die Debatte über Heimat und die Einrichtung eines Heimatministeriums auf Bundesebene haben Kolumnistin Zhang Danhong bewogen, in ihrem Urlaub in Peking darüber zu grübeln, was Heimat eigentlich für sie ausmacht.

Nahezu jeder chinesische Dichter, der etwas auf sich hält, hat der Pfirsichblüte eine Hommage gewidmet. So auch Cui Hu(崔护), der in der Zeit der Tang-Dynastie (618 - 907 n.Chr.) lebte, einer goldenen Epoche der chinesischen Dichtung. In einem immer noch populären Gedicht schreibt er in einer bis heute leicht verständlichen Sprache, wie seine Geliebte genau vor einem Jahr mit den Pfirsichblüten um die Wette strahlte, nun die Blüten erneut in der Frühlingsbrise lächelten, aber von seiner Angebeteten jede Spur fehle. (去年今日此门中,人面桃花相映红。人面不知何处去,桃花依旧笑春风。)

Als ich ein kleines Mädchen war, habe ich oft mit meiner Nasenspitze diese zartrosa bis tiefroten Blüten berührt, die im März und April an jeder Straßenecke in Peking ihre Schönheit zur Schau stellten. Jedes Mal war ich leicht enttäuscht, dass sie gar nicht duften. Auch jetzt, bei meinem jüngsten Besuch im April habe ich mich dabei ertappt, mich wieder über sie zu beugen. Nein, sie haben es immer noch nicht nötig, die Menschen mit einer besonderen Duftnote zu betören, sie bedürfen nicht mal grüner Blätter zur Dekoration. Sie blühen einfach an kahlen Zweigen auf und künden von der Ankunft des Frühlings.

Heimat ist die erste Liebe

Dafür duften andere Blüten in meiner Heimat: Schließe ich die Augen und denke fest an Peking, kommt es mir oft so vor, als rieche ich Nelken. Es waren laue Sommernächte, in denen ich mit meiner Jugendliebe durch die schlafende Stadt schlenderte und dabei den intensiven Duft von Nelken einatmete. Er träumte von einer gemeinsamen Zukunft. Mich zog es aber in ein fernes Land, dessen Sprache ich gerade studierte.

Deutschland Gewoehnliche Pechnelke (picture-alliance/dpa/A. Warnecke )

Nelken versprühen ihren Duft Tag und Nacht

Heimat verbinde ich auch mit meinen lieben Eltern. Ihr Deutschlandbild hat sich in den vergangenen 20 Jahren nicht verändert. Sie wissen, dass die Deutschen tolle Autos bauen und auch passabel Fußball spielen, aber kulinarisch ist Deutschland nach ihrer Überzeugung ein Entwicklungsland. Dass ich inzwischen selbst eine gute Köchin geworden sein könnte, ziehen sie gar nicht erst in Betracht. So werde ich bei jedem Besuch in meinem Elternhaus regelrecht gemästet. Vom Frühstück bis zum Abendessen werden meine Lieblingsspeisen aufgetischt, so dass ich in Peking niemals so etwas wie Hunger empfinde.

Dabei habe ich festgestellt, dass ich in der Heimat wieder in alte Gewohnheiten verfalle und manches in Deutschland Liebgewonnene überhaupt nicht misse, wie zum Beispiel die weltberühmten Brötchen oder mein Suchtgetränk Kaffee. Ich begnüge mich in China vollkommen mit den dortigen Backwaren und grünem Tee der frischen Ernte. Außerdem werde ich den Teufel tun und sieben Euro für einen Latte bei Starbucks hinblättern, wo ich doch weiß, dass ich für dieselbe Summe nebenan mindestens 40 große Maultaschen und 20 Pfannkuchen mit Füllung bekommen kann. Oder einen ganzen Einkaufswagen voller Gemüse aller Art auf dem Markt.

Heimat zum Mitnehmen

Einen zweiten Einkaufswagen habe ich mit Leckereien vollgepackt, die ich als Kind liebte und bei der Rückreise den halben Koffer füllten. So habe ich ein Stück Heimat mit nach Deutschland gebracht und zehre jeden Tag ein bisschen davon. Kaffee trinke ich immer noch kaum, als ob ich meiner alten Heimat treu bleiben wollte. Im Auto höre ich chinesische Schnulzen. "Es streichelt mein Gesicht, der südliche Wind; es weht in der Luft, der süßliche Blütenduft."(南风吻脸轻轻,飘过来花香浓。)An dieser Stelle verliere ich jedes Mal die Kontrolle über meine Tränendrüsen.

Zhang Danhong (V.Glasow/V.Vahlefeld)

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Heimat ist für mich ein süßer Schmerz; eine verklärte Erinnerung; der erste zaghafte Kuss; die ersten Bücher, die einen lebenslang prägen; das leckere Essen meiner Mutter; der latente Selbstvorwurf, die Elternliebe nicht in dem Maße erwidern zu können, wie es mir in meiner chinesischen Erziehung beigebracht wurde. Heimat ist so zart und zugleich dominant wie eine Pfirsichblüte. Sie ist individuell, ja fast intim. Das möchte ich eigentlich nicht einem Heimatminister Horst Seehofer anvertrauen.

Die zweite Erkenntnis meiner Reise: Auch wenn ich inzwischen länger hier als dort gelebt habe, auch wenn ich vollkommen integriert bin und anders als manche Deutsche nicht zögern würde, meine Liebe zu Deutschland kundzutun, wiegt China, das Land meiner Wurzeln und Kindheit, auf der Waage der Heimat schwerer. Ich vermute, das ergeht vielen anderen Migranten nicht anders. Will Seehofer uns Migranten verpflichten, Deutschland als unsere Heimat ersten Ranges anzusehen? Wenn ihm das gelingen sollte, dann müsste die Bundesregierung als nächstes unbedingt ein Ministerium fürs Glücklichsein installieren.

Geht es jedoch nach der Dialektik des alten chinesischen Philosophen Laotse, so ist das ständige Reden über Heimat ein untrügliches Zeichen für deren Verlust - wie ja auch während der Finanzkrise das Wort "Vertrauen" in aller Munde war.

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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