Mein Deutschland: Martin Schulz - Verlierer des Jahres 2017 | Deutschland | DW | 21.12.2017
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Kolumne

Mein Deutschland: Martin Schulz - Verlierer des Jahres 2017

Das zu Ende gehende Jahr kennt in Deutschland viele politische Verlierer. Keiner ist aber so tief gefallen wie Martin Schulz, der das Kanzleramt in Sichtweite hatte und dann alles falsch machte, findet Zhang Danhong.

Die deutschen Sozialdemokraten haben den Zeitgeist noch nicht erkannt. Es ist die Zeit der jungen, schneidigen Politiker mit rhetorischem Talent wie Emmanuel Macron oder Sebastian Kurz. Doch die SPD schickte Martin Schulz ins Rennen um das Kanzleramt - einen Graubärtigen mit Glatze und bestenfalls einer Note drei in der Redekunst.

Als langjährige SPD-Sympathisantin war ich fast wütend auf die Genossen: Habt Ihr unter den hunderttausenden Mitgliedern keinen einzigen, der halbwegs so smart und unverbraucht wirkt wie Macron oder Kurz, von mir aus auch im Taschenbuch-Format wie Christian Lindner oder Jens Spahn? Wir Chinesen nennen sie liebevoll 小鲜肉 (xiao xian rou: das kleine frische Fleisch). Der etwas sexistisch anmutende Begriff war ursprünglich den südkoreanischen Fernsehstars zugedacht. Dazu muss man wissen, dass südkoreanische Fernsehserien in China die Einschaltquoten von "Tatort" und "Wetten, dass…" zusammen erzielen. Mit dem Macron-Fieber erhielt 小鲜肉 zum ersten Mal Einzug in die Politik. Die unerschütterliche Liebe Macrons zu seiner 24 Jahre älteren Frau und ehemaligen Lehrerin fasziniert die Menschen besonders in einem Land, in dem Frauen ab 30 bereits als "Restfrauen" bemitleidet werden. Gerüchten zufolge hat der Beruf Lehrerin auf der chinesischen Skala der Traumjobs einen gewaltigen Satz nach oben gemacht.

Frankreich Paris Amtseinführung Emmanuel Macron (Reuters/P. Wojazer)

Schwer zu sagen, ob Macron als Mensch und Politiker oder seine Liebesgeschichte den Chinesen mehr imponiert

Zurück zu Martin Schulz. Nein, ein 小鲜肉 ist er wahrlich nicht. Aber der Verdruss an der ewigen Kanzlerin war so groß, dass er vielfach wie ein rettender Strohhalm ergriffen wurde und innerhalb kurzer Zeit zehn Prozentpunkte mehr Wählerzustimmung gewann. Die Partei dankte ihm bei der Wahl zum Vorsitzenden mit hundert Prozent Stimmen. Nicht einmal Erich Honecker hat das in seiner besten Zeit erreicht.

Wahlkampf vermasselt

Das alles sagt jedoch mehr über den Zustand der SPD aus als über die Ausstrahlung und Fähigkeiten des Kandidaten. Doch das hat Martin Schulz nicht verstanden. Fortan hielt er sich für den Messias persönlich und dachte, die Wähler mit seiner bloßen Erscheinung elektrisieren zu können. Der Wahlkampf war dann nur noch eine Formsache - der sollte nicht polarisieren und niemandem wehtun. Ein paar Monate über "mehr Gerechtigkeit" fabulieren, dann würde das Kanzleramt schon erobert sein.

Hätte Martin Schulz bei mir angerufen, hätte ich ihm gratis Hinweise gegeben, was der Stammwählerschaft der SPD auf den Nägeln brennt. Als Außerirdischer aus der EU-Galaxie hätte er sich sauber von der bisherigen Bundesregierung distanzieren, die Sorgen der Wähler ernst nehmen und somit die einmalige Chance haben können, die durch die Agenda 2010 vergraulten SPD-Anhänger zurückzuholen.

Zhang Danhong (V.Glasow/V.Vahlefeld)

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Das Ende kennen wir alle. Er hat nicht bei mir angerufen. Stattdessen hat er sich auf seine Berater verlassen, die schon Sigmar Gabriel gebremst haben, sich in der Migrationspolitik rechts von der Kanzlerin zu positionieren. Wenn aber Angela Merkel so weit nach links abdriftet, dass links von ihr nur noch die Linke Platz findet, dann kann die SPD dazwischen nur noch zu Tode gequetscht werden. Will sie nicht so elendig sterben, muss sie sich vom Links-rechts-Schema befreien und auf die Belange ihrer Wähler fokussieren. Das hätte von Martin Schulz Mut und Pragmatismus abverlangt, den er als EU-Bürokrat aber scheinbar nicht aufbringen konnte.

Der SPD-Kanzlerkandidat hat die Chance verpasst, Angela Merkel zum Zeitpunkt ihrer größten Krise abzulösen. Nicht nur das. Er hat für seine Partei das schlechteste Ergebnis seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges eingefahren. Doch Verantwortung zu übernehmen und zurückzutreten - diese Größe hat er nicht besessen. Warum sollte er sich auch von den Vorsitzenden der Unionsparteien abheben, die ebenfalls krachende Niederlagen bei der Wahl erlitten haben?

Nichts dazugelernt

Hätte er die Wochen der Jamaika-Sondierungen genutzt, um in sich zu kehren und eine ehrliche Wahlanalyse zu wagen, hätte er nun mit völlig neuen Ideen in die GroKo-Verhandlungen gehen können. Danach sieht es aber nicht aus, im Gegenteil: Martin Schulz scheint sich immer weiter von der Realität zu entfernen. Auf dem SPD-Parteitag flüchtete er sich in die Vision der Vereinigten Staaten von Europa. Auch wenn er damit eine fast hundert Jahre alte Idee in Ehren halten will - mit dem momentanen Deutschland und Europa hat sie so wenig zu tun wie ein Sack Reis, der gerade auf der Großen Mauer umgefallen ist. Da kann ich nur den Tipp des verstorbenen Altkanzlers Helmut Schmidt weitergeben: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.

Seinem Parteifreund Gabriel dämmert es nun, was die SPD falsch gemacht haben könnte. Sie habe zu lange auf die falschen Themen gesetzt und die Sorgen ihrer Anhänger nicht erkannt, bilanzierte der geschäftsführende Außenminister am vergangenen Wochenende. Eine späte Einsicht - aber besser als gar keine.

Berlin Lars Klingbeil (picture-alliance/dpa/K. Nietfeld)

Der Macron der SPD ? Der Frisch gekürte Generalsekretär Lars Klingbeil

Würde sich Schulz dieser Diagnose anschließen und mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkommen, dann hätte er die allerletzte Chance, die GroKo-Verhandlungen zu einem vernünftigen Ergebnis zu führen. Anschließend sollte er den Rest seiner Glaubwürdigkeit bewahren und einer neuen Regierung unter Angela Merkel nicht beitreten, so wie er es bereits am Wahlabend versprochen hat. Einen Ministerposten könnte er stattdessen dem frisch gewählten SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil überlassen, der immerhin einen Hauch von diesem neuen Typus Politiker wie Macron oder Kurz erahnen lässt. Denn gegen den Zeitgeist soll man nicht ankämpfen.

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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