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Kolumne

Mein Deutschland: Kulturschock Grundschule

Eine neue Studie zeigt: Deutschlands Grundschüler können (noch) schlechter schreiben und rechnen als vor fünf Jahren. Gemeinsam mit Berlin und Bremen bildet NRW das Schlusslicht. Zhang Danhong wundert das gar nicht.

Einen Kulturschock hatte ich in meiner Anfangszeit in Deutschland nicht. Schließlich hatte ich in China Germanistik studiert und mich außer Goethe und Heine auch so weit wie möglich über die Bundesrepublik informiert. Kurzum: Deutschland fand ich so vor, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nur der rheinische Karneval war etwas gewöhnungsbedürftig.

Der echte Kulturschock kam erst, als ich dachte, ich sei schon vollkommen integriert und auch sonst ziemlich deutsch geworden. Der Auslöser hatte einen pädagogischen Namen: "Schreiben nach Gehör". Da zeigte mir meine Tochter als stolze Erstklässlerin ein Heft voller Bilder mit Gegenständen, deren Namen sie in das Kästchen drunter zu kritzeln versuchte. Dabei sollten die Kinder so schreiben wie sie sprechen, bzw. wie sie sich beim Sprechen hören. Ich lobte sie dafür, dass sie viele Wörter auf Anhieb richtig geschrieben hatte und wies sie auf Kleinigkeiten hin wie "Leita" (Leiter) oder "Eima" (Eimer).

Kinderschreibweise erlaubt alles

"Vielleicht hast Du recht. Aber ich lasse das trotzdem so", sagte meine Tochter. "Warum?" "Weil ich 'Eima' sage und nicht 'Eim-e-r'. Und die Lehrerin sagt, es ist alles richtig, was wir schreiben." Ich zeigte ihr den Unterschied der Mundbewegungen bei 'a' und 'er'. Es half nichts. Sie blieb stur und holte das Totschlagargument hervor: "Du bist nicht in Deutschland zur Schule gegangen. Du kennst das alles nicht. Ich höre nur auf meine Lehrerin." "Nicht, wenn sie Unsinn redet!"

Zhang Danhong (V.Glasow/V.Vahlefeld)

DW-Redakteurin: Zhang Danhong

Ich weiß nicht, welch irreparablen seelischen Schaden ich bei meiner Tochter angerichtet habe. Auf jeden Fall legte sie mir seitdem jeden Tag ihre Hefte vor und ließ sich von mir korrigieren. Ich bin mir des Besitzes eines gesunden Menschenverstandes relativ sicher, der besagt, dass Kinder und auch Erwachsene Fehler schwer loswerden, haben sie sich erst mal daran gewöhnt.

Das war nicht der einzige Punkt an der deutschen Grundschule, der mich zum Staunen brachte: Schon der Name riecht nach Etikettenschwindel. Warum heißt sie eigentlich "Ganztagsschule", wenn der Unterricht doch zur Mittagszeit endet? Wäre "Halbtagsschule mit Nachmittagsbetreuung" nicht eine ehrlichere Bezeichnung?

Bloß kein Druck und kein Stress

Auch Hausaufgaben sind zu einem Relikt des vergangenen Jahrhunderts geworden. Nun heißen sie "Schulaufgaben" und werden in der Schule erledigt - während der Nachmittagsbetreuung. Die Zeit für die Schulaufgaben darf eine halbe Stunde nicht überschreiten - die Obergrenze des Zumutbaren sozusagen. Und falls ein Schüler die Schulaufgaben nicht in der vorgegebenen Zeit schafft, ist das überhaupt nicht schlimm. Dann bleiben die Aufgaben eben unvollständig gelöst. "Jedes Kind darf nach eigenem Tempo arbeiten", betont die Lehrerin.

Symbolbild Bildung Deutschland Schule Lernen Lesen Schulbuch (picture-alliance/dpa/T. Eisenhuth)

Hausaufgaben adé

Als die größte Herausforderung für mich stellten sich die Zeugnisse der ersten zwei Schuljahre heraus. Ohne Noten waren sie wie ein Buch mit sieben Siegeln. Die Sätze der Lehrerin klingen alle positiv, die Kritik ist zwischen den Zeilen versteckt - so eine Art Ostereiersuche für die Eltern. Ich habe im Internet recherchiert, wie man ein Zeugnis entschlüsselt, bin mir dennoch nicht ganz sicher. Wenn da zum Beispiel steht: "Sie arbeitet meist konzentriert", dann bedeutet das, dass sie ziemlich oft abgelenkt ist. In Noten übersetzt ist das eine "Zwei" oder womöglich sogar eine "Drei". Aber ist damit die Leistung gemeint, oder eher das Verhalten? Ich habe irgendwann aufgegeben, schließlich kenne ich die Stärken und Schwächen meiner Tochter.

Die deutsche Grundschule basiert auf der Annahme, dass die zarte Seele eines Kindes nichts aushält - keine Kritik, keine Rückschläge, keinen Lernstress. Deswegen will sie es in den ersten zwei Jahren im Glauben lassen, es hätte bloß den Kindergarten gewechselt. Spielverderber wie Noten werden deswegen abgeschafft. Sie schüchtern das arme Kind doch nur ein. Orthographie? Was für ein Monsterwort! Alles, was ein Kind nach dem Gehör schreibt, ist richtig.

Zwei plus zwei gleich vier - oder so ähnlich

Was ist mit Mathe? Müssen zwei plus zwei vier sein? Als ich einmal in der Nachmittagsbetreuung der Schule aushalf, konnte ich einen Jungen nicht überzeugen, dass 1 + 1 unbedingt 2 ergibt. Er hat 11 hingeschrieben. 1 + 1 = 11. Klare Sache oder? Ich dachte, wenn dieser Junge irgendwann Bildungsreformer wird, könnte er eine geniale Methode einführen: Rechnen nach Gefühl. Noch ist Mathematik klar und verbindlich. Doch auch hier wird den Kindern vorgegaukelt, dass Rechenfähigkeiten eben so im Vorbeigehen angeeignet werden können.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass nur unermüdliches Trainieren zum sicheren Rechnen führt. Die gute Nachricht: Das verpönte "Drillen" kann Spaß machen und wird später das Verständnis für die ganzen Formeln wesentlich erleichtern.

Die Defizite der Grundschule werden die Eltern des Bildungsbürgertums kompensieren können. Die Kinder aus bildungsfernen Familien und den Migrantenhaushalten, in denen die Eltern nicht in der Lage sind, den im Zeugnis verschlüsselten Code zu knacken, werden ab der dritten Klasse schnell abgehängt. Da schlägt nämlich die Realität in Form von knallharten Noten zurück.

Man kann die Ergebnisse der Studie deshalb auch so interpretieren: Nicht die guten Schüler sind schlechter geworden, sondern die schlechten sind mehr geworden.

 

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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