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Kolumne

Mein Deutschland: Kopftuch? Nein, danke!

"Wir werden noch alle Frauen bitten müssen, Kopftuch zu tragen" - aus Solidarität mit den Muslimen, sagte neulich der österreichische Präsident Alexander Van der Bellen. Nicht mit mir, sagt Kolumnistin Zhang Danhong.

Es ist schon rührend, wie sich Männer den Kopf zerbrechen, wie wir Frauen uns zu kleiden haben. Meistens hat das mit den sexuellen Vorstellungen der Männer zu tun. In muslimischen Ländern gelten die Haare als besonders weiblich und verführerisch. Also müssen sie durch ein Kopftuch bedeckt werden.

In China lag der Fokus der Männer bei den Füßen. Jahrhundertelang fanden sie spitze und winzige Frauenfüße erotisch. Dafür mussten die Mädchen ihre Füße so festbinden, dass das Wachstum im Keim erstickt wurde. Knochenbrüche und Verformung der Füße waren die Folgen. Der angenehme Nebeneffekt für die Männer: Ihre Frauen waren physisch gar nicht mehr in der Lage, wegzulaufen. 

China 'Lotus-Füße' (Getty Images/China Photos)

Die sogenannten Lotus-Füße sind nur in Socken und Schuhen erträglich

In Europa blieben die Frauenfüße verschont. Dafür mussten die Mädchen von klein auf ein eng geschnürtes Korsett tragen, um eine Wespentaille zu erreichen. Auch dabei kam es zu Rippenbrüchen und Deformation der inneren Organe. Bei Kleidervorschriften für Frauen verstanden die männlichen Manierenlehrer keinen Spaß. "Ein anständiges Mädchen hat einen Kopf und zwei Hände - und sonst nichts", lautete eine deutsche Redewendung noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Von Knöcheln bis zum Schenkel

Mutige Damen wippten bei ihren Trippelschrittchen mit ihren Reifröcken so, dass ein bisschen von den Knöcheln sichtbar wurde. Mit dem Anstieg des Rocksaums wurden zuerst die Waden, dann die Knie befreit, bis in den 1970er-Jahren die Miniröcke alle Konventionen hinwegfegten und die Frauen auch beim Zeigen von nackter Haut Gleichberechtigung erlangten. Heute ist alles erlaubt, so lange man sich nicht splitternackt in die Öffentlichkeit begibt. 

Deutschland DW Redakteurin Zhang Danhong (V. Glasow/V. Vahlefeld )

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Die Freiheit, sich nach Lust und Laune zu kleiden, wie man möchte, ist also von Generationen von Frauen hart erkämpft worden. Ich denke nicht daran, sie aufzugeben. Nicht einmal, um Solidarität mit einer Minderheit zu bekunden.

Hinzu kommt, dass das Kopftuch ein religiöses Symbol darstellt. Da kann mich doch keiner auffordern, mich wie eine Muslima zu kleiden, wo ich doch keine bin. Das ist auch den Muslimen gegenüber nicht fair. Übrigens denke ich, dass der Glaube eine sehr persönliche und private Angelegenheit ist, der im stillen Kämmerlein oder im jeweiligen Gotteshaus ausgelebt werden sollte. Schließlich steht allen Bürgern auch eine passive Religionsfreiheit zu, was bedeutet, dass jeder das Recht hat, von allen Religionen in Ruhe gelassen zu werden.

Immer weniger christliche "TÜV-Plaketten"

Als zugewanderte Atheistin bin ich in den vergangenen Jahrzehnten gerne Zeugin einer immer weiteren Säkularisierung der deutschen Gesellschaft gewesen. Während vor knapp 30 Jahren neben dem Nummernschild am Auto sehr oft noch ein Fischzeichen zu sehen war, tragen heute immer weniger Deutsche ihren christlichen Glauben wie eine Monstranz vor sich her. Auch in Hotels ist der sterbende Jesus am Kreuz seltener anzutreffen. Ich fände es schade, wenn die christlichen Symbole immer mehr aus der Öffentlichkeit verschwinden, nur um einer anderen Religion Platz zu machen.

Auto mit Fischsymbol (picture-alliance/J. Haas)

Wer sich dieses Symbol auf sein Auto klebt, ist ein bekennender Christ

Noch hat Österreichs Bundespräsident nicht alle Frauen aufgerufen, ein Kopftuch zu tragen. Dieser Tag werde aber kommen, wenn die Islamophobie noch weiter um sich greife, sagt Alexander Van der Bellen. Statt Angst vor und Hass auf den Islam beobachte ich jedoch eher einen Ideenwettbewerb unter den etablierten Parteien und den Flüchtlingslobbyisten, wer den Neuankommenden am weitesten entgegenkommt: Winterfeier statt Weihnachtsfeier, Hasenfest statt Ostern, Arabisch als Pflichtschulfach, Schweinefleisch runter von der Speisekarte. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Kritik am Islam = Islamophobie?

Es kann allerdings auch sein, dass für Alexander Van der Bellen Kritik am Islam und Islamophobie ein und dasselbe sind. Mit dieser Einstellung ist er in der westlichen Politik nicht allein. Deswegen wird die Islamkritik weitgehend den moderaten Muslimen überlassen, die dafür oft ihr Leben aufs Spiel setzen. Das ist in Deutschland nicht anders.

Apropos Deutschland: Ich wundere mich, dass bisher kaum ein Kommentar aus der deutschen Politik zur Aussage des österreichischen Bundespräsidenten zu vernehmen ist. Dass Van der Bellen nur Frauen mit dem Tragen eines Kopftuchs zur Solidarität mit den Muslimen auffordert, ist doch Sexismus pur! Eigentlich hätten sich längst Justizminister Heiko Maas und Familienministerin Manuela Schwesig zu Wort melden müssen. Gleichzeitig hagelt es Kritik aus allen Parteien an den zehn Punkten für eine deutsche Leitkultur, mit denen Innenminister Thomas de Maizière bloß Selbstverständliches von den Zugewanderten einfordert. Ein Schelm, wer darin einen Zusammenhang sieht.

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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