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Kolumne

Mein Deutschland: G8 oder G9? Glaubenskriege um die Gymnasialzeit

Das Bildungsbürgertum rebelliert gegen das achtjährige Gymnasium, das sogenannte G8, dem angeblich die Kindheit zum Opfer fällt, und die Politik knickt ein. Zhang Danhong wundert sich über eine typisch deutsche Debatte.

Wenn ich das Wort "Turbo-Abi" höre, muss ich immer schmunzeln. Was für das deutsche Ohr nach einem rasenden ICE klingt, ist für Chinesen eher ein gemütlicher Bummelzug.

Während bei meiner Tochter an einem Kölner Gymnasium 31 Unterrichtsstunden auf dem Wochenplan standen, hatte ihr Cousin in Peking fast das Doppelte zu bewältigen. Während sie in der Freizeit nach Herzenslust musizierte und anderen Hobbys nachging, musste er sich abends Zeit "stehlen", um ein bisschen Basketball zu spielen. Während sie in den Ferien in der Weltgeschichte umherreiste, hatte er Extra-Kurse zu absolvieren. Wie chillig für meine Tochter selbst das Abi-Jahr verlief, habe ich in einer früheren Kolumne beschrieben.

Ein chinesischer Freund, der ebenso wie ich deutsch sozialisiert ist, holt seinen Sohn jedes zweite Semester aus der Komfortzone und schickt ihn nach China. Das Halbjahr an der deutschen Schule empfindet der Junge als Beinahe-Urlaub - trotz G8.

Jugendliche liegen im Gras (Imago/Westend61)

Auch bei G8 bleibt das Chillen nicht auf der Strecke

Verstehen Sie mich nicht falsch: Das chinesische System möchte ich nicht in Deutschland umgesetzt sehen. Ein Blick über den Tellerrand würde aber manchem hier helfen, das eigene "Leiden" in einem anderen Licht zu betrachten.

Pseudo-Ganztagsschule

Oder nehmen wir unseren westlichen Nachbarn Frankreich: Dort existieren Ganztagsschulen, die diesen Namen auch verdienen. Hierzulande haben wir eher Pseudo-Ganztagsschulen: An manchen Wochentagen ist bereits mittags Schulschluss; oder es findet nachmittags nur Hausaufgabenbetreuung statt, weswegen die Hausaufgaben vielerorts konsequenterweise in Schulaufgaben umbenannt wurden.

Deutschland DW Redakteurin Zhang Danhong (V. Glasow/V. Vahlefeld )

Zhang Danhong, DW-Redakteurin und Mutter von zwei G8-Kindern

Die großen Bedenken der Eltern bei der Umstellung vom neunjährigen auf das achtjährige Gymnasium haben sich nicht bewahrheitet. So haben G8-Schüler laut einer Studie des Bildungsforschers Olaf Köller nicht mehr Stress und nicht weniger Freizeit als früher. Sie sind auch nicht schlechter aufs Studium vorbereitet. Der Lernstoff wurde gestrafft und angepasst, so dass die Zahl der wöchentlichen Unterrichtsstunden nur unwesentlich angestiegen ist. Dass die Abiturienten dadurch große Lücken in der Allgemeinbildung aufweisen, ist nicht bekannt.

Warum dann diese Empörung der Eltern? Ich denke, hier haben wir es mit einem ähnlichen Phänomen zu tun wie mit dem berühmt-berüchtigten amerikanischen Chlorhühnchen, das mit dem Freihandelsabkommen TTIP die deutschen Supermärkte zu überschwemmen droht. Ein Chlorhuhn, aus dem ekelerregender Saft trieft, schreit förmlich nach Ablehnung. Deswegen gehen wir auf die Straße und demonstrieren gegen TTIP, obwohl keinerlei Risiko für die Gesundheit nach einer Chlorbehandlung des Huhns nachgewiesen ist.

Eltern verhalten sich postfaktisch

Auch Turbo-Abi klingt nach purem Stress, den wir unseren Kindern nicht zumuten wollen. Dass die Datenlage diesen Verdacht nicht stützt, tritt für viele in den Hintergrund. Nach Meinung des Bildungsexperten Köller verhalten sich Eltern postfaktisch, wenn es um die eigenen Kinder geht.

Aber auch die mit der Schulzeitreform verbundene Erwartung hat sich nicht ganz erfüllt. Viele Gymnasiasten denken nicht daran, früher zu studieren und früher zum Bruttosozialprodukt beizutragen. Sie machen einen Aufenthalt im Ausland und wiederholen dann eine Klasse, oder sie reisen nach dem Abitur in einen anderen Teil der Erde, um ihren Horizont zu erweitern. Da Deutschland ein solch reiches Land ist, gönnen wir ihnen das.

Mit anderen Worten: Es hat sich durch die Verkürzung der Gymnasialzeit so gut wie nichts geändert - weder wurde der gesamtgesellschaftliche Nutzen erhöht, noch wurden individuelle Katastrophen ausgelöst. Die Reform war so überflüssig wie Füße an eine Schlange zu malen (eine chinesische Redewendung). Da das G8 nun aber mit großem Aufwand eingeführt wurde, wäre es ebenso sinnlos, mit dem gleichen oder vielleicht noch höherem Aufwand wieder zum G9 zurückzukehren.

Alle schielen auf die Eltern als Wähler

Berlin Sylvia Löhrmann (picture-alliance/Eventpress Rekdal)

Die grüne Bildungsministerin von Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann, will die flexible Schulzeit

Doch genau das haben fast alle Parteien vor. Kaum ein Politiker will noch mit der verkürzten Gymnasialzeit in Verbindung gebracht werden, die einst als die größte Schulreform der vergangenen 40 Jahre propagiert worden war. Alle Parteien sind zu Elternverstehern geworden. Die AfD, die Linke und die Piraten (welch eine seltsame Allianz) wollen die gute, alte G9-Welt wiederherstellen. Die CSU in Bayern hat das bereits eingeleitet. Die christliche Schwesterpartei CDU will die Entscheidung jedem Gymnasium selbst überlassen. SPD und Grüne binden die Schüler mit ein. Die grüne Schulministerin Sylvia Löhrmann möchte alle Gymnasien in Nordrhein-Westfalen verpflichten, beide Modelle anzubieten.

Hinzu kommen die Freistaaten Sachsen und Thüringen, die das westdeutsche G9 von Anfang an abgelehnt haben. Und das Bundesland Rheinland-Pfalz, das sich auf das G8-Experiment nie eingelassen hat. Der deutsche Föderalismus lässt grüßen.

Dabei ist der föderale Flickenteppich bei weitem nicht das einzige Problem unserer selbsternannten Bildungsrepublik. Die Abhängigkeit der Bildungschancen vom Einkommen der Eltern, die hohe Abbrecherquote an Hauptschulen, der realitätsferne Lerninhalt, die ideologisierte Inklusion, usw. -  jedes dieser Stichworte wäre eine eigene Kolumne wert und verdiente mehr Aufmerksamkeit der Politik. Ob die Gymnasiasten nach acht oder neun Jahren ihre Abi-Prüfungen ablegen, ist nun wirklich nicht die Kernfrage des Lebens.

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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