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Deutschland

Mein Deutschland: Et kütt wie et kütt

Es ist Karnevalszeit - Zeit, die kölsche Lebenseinstellung hochleben zu lassen. Unsere Kolumnistin Zhang Danhong sieht Parallelen zwischen dem kölschen Grundgesetz und der chinesischen Lebensphilosophie.

Als ich mir Ende der 1980er-Jahre überlegte, in welcher deutschen Stadt ich studieren wollte, fiel die Wahl schnell auf Köln. Oberstes Kriterium war: Es muss eine Großstadt sein. Der Kontrast zu meiner Heimatstadt Peking darf nicht allzu gewaltig sein, sonst werde ich depressiv.

Statt eine Metropole fand ich nur ein überschaubares Städtchen vor. Zur Depression kam ich dennoch nicht, weil die Kölner mir von Anfang an ein heimisches Gefühl gaben. Sie waren herzlich und neugierig zugleich, stellten unverblümt Fragen und gaben mir ungefragt Tipps. Während der Karnevalszeit erwies sich meine in China erprobte Trinkfestigkeit als ein großer Vorteil. Beim Zuprosten sagten meine Kölner Freunde nur noch "ganbei" (das chinesische Wort für "Prost", bedeutet wortwörtlich "das Glas leeren"). Nach dem zehnten Kölsch dachte ich: Diese Kölner, irgendwie sind das fremd aussehende Chinesen.

Klüngel und guanxi

Die Verbundenheit endete nicht beim "ganbei", auch sonst entdeckte ich verblüffende Parallelen: So gibt es für das kölsche Wort "Klüngel" das chinesische Pendant "guanxi". Ohne "guanxi" läuft in China gar nichts, in Köln ist es nicht viel anders. Das muss ich nicht näher erläutern. Die Kölner verstehen mich.

Dann stieß ich irgendwann auf das kölsche Grundgesetz. Und es wurde mir sofort klar, warum Köln auch als die westlichste Stadt Chinas gelten könnte.

Chinesische Philosoph Konfuzius (551-479 vor Christus) quer

Konfuzius - der weise Philosoph

"Et es wie et es", lautet Artikel 1 des kölschen Grundgesetzes. Es ist, wie es ist. Auch in China ist 正视现实 (der Realität ins Auge schauen) ein Teil der Lebensweisheit. Es bringt nichts, sich über das Geschehene aufzuregen. Was passiert ist, soll man gelassen hinnehmen, das rät uns Konfuzius bereits seit über 2500 Jahren (既来之则安之). Diese konfuzianische Einstellung lässt sich auch in die Zukunft projizieren: Was auch geschehen mag, es wird hingenommen. Ins Kölsche übersetzt: Et kütt, wie et kütt - Artikel 2 des kölschen Grundgesetzes. Es kommt, wie es kommt.

Alles halb so schlimm

Klingt zu fatalistisch? Aber mit dieser Einstellung sind wir doch bisher gut gefahren (Et hätt noch immer jot jejange - Artikel 3 des kölschen Grundgesetzes). Und wenn doch etwas Unvorhergesehenes passiert? Wenn zum Beispiel der Himmel einstürzt? Da zucken Chinesen die Schulter: "Na und? Dann sind doch erst mal die Großen dran, um den Himmel zu stützen (天塌下来有大个儿撑着)." Es muss auch Vorteile geben, wenn man klein geraten ist.

Zhang Danhong Kommentarbild App

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Wat fott es es fott - lautet Artikel 4 des kölschen Grundgesetzes. Was weg ist, ist weg. Man soll den Dingen nicht nachjammern. Die passende chinesische Redewendung (一去不复返) stammt aus einem Vers (壮士一去兮不复返) von Si Maqian (145 v. Chr. - 90 v. Chr.), dem chinesischen Herodot. Er pries damit Helden an, die von ihren Abenteuern nicht heimkehrten. Mit der Zeit wurde der Sinn stark verkürzt: Was vergangen ist, kehrt nicht zurück.

Es wird alles besser

Ähnlich melancholisch mutet Artikel 5 an: "Et bliev nix wie et wor." Nichts bleibt, wie es war. Dann soll man das Beste daraus machen und sich für Neuerungen öffnen. Die Chinesen sind noch konsequenter: Sie reißen alles nieder und machen dem Neuen Platz (不破不立).

Chinesische Kaiserin Witwe und Regentin Tsihi

Wollte von der neuen Technik nichts wissen: Kaiserinwitwe Cixi

Wenn es aber mit den Neuerungen zu doll wird, schalten die Kölner auf stur: "Kenne mer nit, bruche mer net, fott domet" (Artikel 6 des kölschen Grundgesetzes). Kennen wir nicht, brauchen wir nicht, weg damit - nach diesem Motto hatte die Kaiserinwitwe Cixi gehandelt, als sie im Jahr 1864 den ersten dampfgetriebenen Zug (von einem Engländer gebaut) in Peking sah. Was soll dieses Monster, das einen Höllenlärm macht? Den kurzen Schienenstrang von nur 600 Metern ließ Cixi wieder entfernen.

Was man nicht ändern kann, muss man akzeptieren

Den technischen Fortschritt konnte die mächtige Kaiserin zwar für eine Weile ignorieren, aber eben nicht auf Dauer. Inzwischen baut China den schnellsten Zug der Welt. "Wat wellste maache?" (Artikel 7 des kölschen Grundgesetzes), hört man fast Cixi im Grab seufzen. Was willst Du machen? Füge Dich lieber Deinem Schicksal (听天由命), sagt eine chinesische Redewendung. Positiver ausgedrückt: Lass den Dingen ihren natürlichen Lauf (顺其自然).

"Mach et jot, ävver nit ze off", lautet Artikel 8 des kölschen Grundgesetzes. Mach's gut, aber nicht zu oft, das sagen sich auch Chinesen beim Abschied (悠着点儿). Der Spruch kann vieles bedeuten und wird oft mit einem Schmunzeln begleitet.

Der Kölner oder der Chinese kann aber auch zuerst den Überblick, dann die Geduld verlieren. Dann stellt er die Universalfrage: "Wat soll dä Quatsch?" (Artikel 9) Der Chinese sieht in dem Quatsch eher ein Chaos. "Was soll das Chaos?"(什么乱七八糟的?), fragt er. Oder: "Was ist hier der Zusammenhang?" (哪儿跟哪儿啊?)

Trinken und lachen helfen immer

Kölsch

Kölsch ist Teil des Kölner Lebens

Die letzten zwei Artikel des kölschen Grundgesetzes einen die Kölner und die Chinesen am meisten. Es ist erst mal die Gastfreundlichkeit. "Drinkste eine met?" (Artikel 10) Trinkst Du einen mit? Diese Frage wird in China gar nicht gestellt. Es wird direkt eingeschenkt. Dann wird getrunken, bis der Durchschnittseuropäer auf dem Stuhl tanzt oder unter den Tisch rutscht.

Dann kommt die allerwichtigste kölsche wie chinesische Lebensweisheit: "Do laachste Dich kapott" (Artikel 11 des kölschen Grundgesetzes). Da lacht man sich kaputt und bewahrt sich eine gute Portion Humor. Wenn nichts mehr hilft - Lachen hilft immer. Im Chinesischen findet man rund hundert Redewendungen, bei denen das Zeichen "lachen" (笑) vorkommt. Am besten gefällt mir aber ein Spruch aus dem Volksmund: "Einmal lachen, zehn Jahre jünger werden." (笑一笑,十年少) In diesem Sinne: Viel Spaß im Karneval!

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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