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Deutschland

Mein Deutschland: "Ein perfekt abgestimmter Panzerwagen"

Mit diesem Titel wird die Fußballnationalmannschaft in China verehrt: präzise, stabil, hartnäckig, unermüdlich und fast unbesiegbar. Lauter Attribute, die auch unsere Kolumnistin Zhang Danhong uneingeschränkt teilt.

Wenn Sie in den nächsten Tagen nach Feierabend zu Hause oder beim Public Viewing die Fußball-Europameisterschaft genießen, legen Sie bitte eine Gedenkminute ein für die Millionen Fußballfans in China. Um kein Spiel ihrer Lieblingsmannschaft zu verpassen, stellen sie den Wecker teilweise auf drei Uhr nachts. Danach gehen sie entweder unausgeschlafen zur Arbeit oder sie kaufen im Internet Krankenscheine - je länger die Dauer der "Krankheit", desto teurer das Dokument. Die Hartgesottenen stellen ihren Rhythmus komplett um und leben während der EM nach mitteleuropäischer Zeit.

Ganz viele Chinesen drücken Müller, Neuer & Co. die Daumen. Der größten Beliebtheit im Reich der Mitte erfreut sich aber immer noch Bastian Schweinsteiger. Liebevoll nennen ihn die Chinesen Xiao zhu (kleines Schwein). Auch bei der bisherigen EM hat er mit seinem kurzen, aber sehr effektiven Auftritt die Fans in Fernost nicht enttäuscht.

Voller Präzision und Spannung

"Was imponiert ihnen am deutschen Fußball?" frage ich meine Follower im chinesischen Netzwerk Weibo. "Die ganze Mannschaft ist wie ein Panzerwagen, dessen Einzelteile perfekt aufeinander abgestimmt sind", schreibt einer. "Der deutsche Fußball ist voller Präzision und Spannung. Die Jungs spielen mit hohem Tempo und körperlichem Einsatz, technisch versiert, strategisch klug, und das alles 90 Minuten lang", schwärmt ein anderer. "Weil die Spieler so cool aussehen", lautet die Antwort eines weiblichen Fans. Eine in Deutschland lebende Chinesin vergöttert seit Jahren Jogi Löw und wird gerade von ihrem deutschen Freund mit dem Hosengriff-Video geärgert. Die in meinen Augen beste Antwort war: "Braucht man eine Begründung, um den deutschen Fußball zu lieben?"

Zhang Danhong Kommentarbild App

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Meine Zuneigung für die deutsche Mannschaft geht auf die WM von 1982 zurück. Ich lernte damals Deutsch an einem Internat. Mit dem deutschen Team zu fiebern, gehörte irgendwie zum Deutschunterricht dazu. Jeden Mittag versammelten wir acht Mädels von der Deutschklasse uns vor einem kleinen Radio und hörten gebannt der WM-Zusammenfassung zu. Wie wir gejubelt hatten, als Deutschland im Halbfinale Frankreich durch Elfmeterschießen besiegte! Die Helden hießen damals Lu mei ni ge (Rummenigge) und Li te ba er si ji (Littbarski). Die Italiener haben wir dann gehasst, weil sie den deutschen Titeltraum zerplatzen ließen. Seitdem habe ich kein WM- und EM-Spiel mit deutscher Beteiligung versäumt.

Eine Schwäche für Poldi

Ähnlich geht es allen Chinesen, die Deutsch lernen, in Deutschland leben oder für eine deutsche Firma in China arbeiten. Aber das ist keineswegs die Voraussetzung für die Verbundenheit mit dem deutschen Fußball. So traf ich vor vier Jahren im tiefsten Süden Chinas auf einen einfachen Bauern. "Wo kommt Ihr her?", fragte er. "Aus Deutschland", antwortete meine jüngere Tochter. "Aus welcher Stadt?", wollte er wissen. "Ke long" (Köln auf Chinesisch), so die Kleine weiter. Ich dachte gerade, dass die Antwort seine Deutschlandkenntnisse überfordern dürften. Doch er strahlte und rief laut: "Ah, Lukas Podolski."

Hong Kong vs China Fußballspiel Fans

Fußballverrückte Chinesen haben bisher kein Glück mit ihrer Mannschaft

Sie werden vielleicht fragen, warum diese verrückten Chinesen ihre großen Fußballemotionen nicht für die eigene Mannschaft reservieren? Das lässt sich leicht erklären: Weil die chinesische Nationalmannschaft grottenschlecht spielt. Bisher hat sie es nur ein einziges Mal zur WM geschafft, um bereits in der Vorrunde grandios zu scheitern. Unter 1,4 Milliarden Chinesen lassen sich keine elf Mann finden, die vernünftig kicken können! Ist das nicht die größte Tragödie dieses ehrgeizigen und fußballvernarrten Volkes?

Ehrgeiziger Staatspräsident

Das soll nicht ewig so bleiben, entschied der Staatspräsident und Fußballfan Xi Jinping. Zu seinem China-Traum gehört nicht nur die Teilnahme an einer WM, sondern auch die Ausrichtung des Turniers. Und irgendwann auch mal der Weltmeister-Titel. Dabei wollen sie ähnlich verfahren wie mit der Technologie: Durch Zukauf den Weg bis zur Spitze verkürzen. Nach dem Motto: Wenn wir schon Putzmeister übernommen haben und nach Kuka greifen können, warum kaufen wir nicht tolle Spieler wie Anthony Modeste?

Das Gerücht, dass der Stürmer des FC Köln nach China gehen wolle, hat die Fans aufgebracht. Mein guter Freund Bernd Sturm - ein unerschütterlicher FC-Fan - sieht das differenzierter. Er hat Verständnis dafür, wenn jemand für das dreifache Gehalt den Verein wechselt. Nicht tolerieren mag er allerdings, "wenn man mit großen Treuschwüren, mit viel Euphorie und Pathos verkündet, wie wohl man sich fühlt und dann ein paar Wochen später wechselt, wenn ein Angebot da ist".

Inzwischen soll der Franzose wieder in Köln bleiben wollen - nach einer kräftigen Gehaltserhöhung selbstverständlich. Aber wer sagt, dass die Chinesen nicht noch einmal nachlegen werden?

Auf jeden Fall kann man sich schon mal ausmalen, wie es wohl wäre, wenn China eine WM ausrichten dürfte: Public Viewing schon vor dem Mittagessen? Krankschreibung bei Amazon kaufen? Oder besser direkt nach China fliegen?

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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