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Deutschland

Mein Deutschland: Ein Lob der deutschen Bürokratie

Lange Zeit hat unsere Kolumnistin Zhang Danhong die deutsche Bürokratie gehasst. Weil sie so schrecklich schwerfällig sein kann. Doch inzwischen weiß sie unbestechliche Beamte, die jeden gleich behandeln, zu schätzen.

Manchmal verdient die deutsche Bürokratie sogar das Prädikat "wertvoll" - wenn sie beispielsweise erzieherische Funktion ausübt. Da wird ein junger Mensch achtzehn, strotzt vor Kraft und Energie, glaubt, die Welt im Handumdrehen erobern zu können. Wer holt die jungen Wilden auf den Boden der Tatsachen zurück? Bürokraten. So geschah es mit meiner großen Tochter.

Ihr erster Behördengang nach dem Erreichen der Volljährigkeit war notwendig, weil sie die Fahrschule wechseln wollte. Es kommt schon mal vor, dass man mit einer Fahrschule nicht zufrieden ist und sein Glück beim nächsten Fahrlehrer probiert. Wenn sich aber die alte und die neue Fahrschule in zwei unterschiedlichen Städten befinden (In

einer anderen Kolumne

habe ich erzählt, dass meine Tochter nun in einer anderen Stadt studiert), sprengt dies den Rahmen der bürokratischen Toleranz. Denn gewöhnlich darf man hierzulande die Lizenz zum Autofahren nur dort erwerben, wo man den Hauptwohnsitz hat. Daraufhin meldete sich unsere Tochter eiskalt bei uns ab.

Demut ist die erste Lektion des Lebens

Das vereinfachte das Verfahren nur bedingt. Irgendwann sagte ihr das Einwohnermeldeamt in Köln, dass es die Unterlagen erst nach der offiziellen Anmeldung bei der neuen Fahrschule an das Straßenverkehrsamt der anderen Stadt schicken kann; die neue Fahrschule machte aber die offizielle Anmeldung von der Ankunft der Unterlagen abhängig. Eine scheinbar aussichtslose Situation. Ich merkte bei meiner Tochter, wie der Frust langsam einer Art Demut wich. Vor der Bürokratie sind alle gleich - alle gleich klein.

Zhang Danhong Kommentarbild App

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Von den deutschen Finanzbürokraten lernt man, intelligent zu haushalten. Das heißt, wenn es darum geht, Steuern zu zahlen, wird den Bürgern gewöhnlich nur eine Frist von zwei Wochen eingeräumt - Ausnahmen sind nicht vorgesehen. So wird bei einer Erbschaft die Steuer sofort fällig, bevor man überhaupt Zugriff auf das Ererbte hat. Mit anderen Worten: Ein armer Schlucker kann sich ein großes Erbe gar nicht leisten. Umgekehrt lassen es die Staatsdiener gaaaaaanz ruhig angehen, wenn sie den Bürgern etwas zurückgeben müssen.

Auch wenn sie mal irren, tun sie dies meist zugunsten des Staates. Ein chinesischer Kollege von mir machte die Rentenversicherung darauf aufmerksam, dass er aus Versehen für eine Frau gehalten wurde. Eine aufrichtige Entschuldigung und die Änderung der Versicherungsnummer folgten - seine bis dahin erworbenen Ansprüche erloschen aber zusammen mit dem falschen Geschlecht. Erst Jahre später fiel ihm der Fehler auf.

Der unerschütterliche Glaube an die Bürokratie

Fehler und deutsche Bürokratie - das klingt wie Feuer und Wasser. Auch die Sachbearbeiter in den Ämtern sind meist von ihrer Unfehlbarkeit überzeugt. Von diesem Selbstbewusstsein kann man sich eine Scheibe abschneiden. Als der erwartete Einschulungsbescheid für meine jüngere Tochter ausblieb, rief ich bei der Stadt Köln an. Ich gab Namen und Geburtsdatum von ihr durch. Das Klackern der Tastatur drang durchs Telefon. "Das Kind gibt es nicht." Diese Aussage traf die Dame am anderen Ende der Leitung mit einer solchen Entschlossenheit, dass meine Antwort darauf wenig überzeugend klang: "Aber… ich bin ihre Mutter. Ich muss es doch wissen."

Doch im Zweifelsfalle wissen es die Ämter besser. So teilte das Straßenverkehrsamt meiner Tochter mit, dass man ihren Antrag auf das Zurückziehen ihres Antrags auf den Fahrschulwechsel erhalten habe und alles beim Alten bleibe. Die 18-Jährige versteht die Welt nicht mehr, und ich musste an das Lied von Reinhard Mey "Ein Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars" denken.

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Im Vergleich zum Behörden-Dschungel ist das hier ein Kinderspiel

Ähnlich wie der Protagonist in diesem Lied von der Aktenhauptverwertungsstelle zum Erteilungsamt und vom Erteilungsamt zum Verlegungsdienst geschickt wurde, musste meine Tochter noch mal eine Ehrenrunde zwischen Einwohnermeldeamt, Straßenverkehrsamt und den beiden Fahrschulen drehen. Aber seien wir ehrlich: In Zeiten, in denen der Mensch die meiste Zeit vor dem PC oder am Handy verbringt, müssen wir den Behörden doch dankbar sein, dass wenigstens sie uns in Bewegung halten.

Und das Wichtigste: Die deutsche Bürokratie ist nicht käuflich! Wir können uns sicher sein, dass wir am Ende einer Behörden-Odyssee stets das ersehnte Papier überreicht bekommen - aber eben erst, wenn alle anderen erforderlichen Papiere vollständig sind. So fiebert meine Tochter bereits der Fahrprüfung entgegen, und mein chinesischer Kollege kämpft bei der Rentenversicherung um seine verlorengegangenen Ansprüche - geduldig, aber siegessicher.

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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