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Kolumne

Mein Deutschland: Deutsche denken in Linie, Chinesen im Kreis

Ob durch Joint-Venture, Fusion, Übernahme oder einfach nur durch Handel miteinander: Deutsche und chinesische Unternehmen kommen sich immer näher, doch verstehen einander nicht immer, meint Kolumnistin Zhang Danhong.

In einer früheren Kolumne habe ich mal geschrieben, dass sich in China das Individuum dem Kollektiv unterordnet. Das bedeutet aber keineswegs, dass Chinesen fürs Teamwork geschaffen sind. Der chinesische Fußball ist das beste Beispiel dafür. Zwar kicken immer wieder Spitzenspieler in der Nationalmannschaft, gemeinsam aber scheitern sie in der Regel grandios.

Auch in der chinesischen Unternehmenskultur zählen Firmentreue und Teamgeist nicht zu den weit verbreiteten Tugenden. "In Deutschland ist es normal, als Sekretärin anzufangen und als solche in Rente zu gehen - in derselben Firma. In China passiert so etwas ganz selten", berichtet Xu Wen, Unternehmensberaterin aus Frankfurt am Main.

Man könnte auch meinen, dass der Kapitalismus die Mentalität der Chinesen ein Stück verändert hat. Wurde früher das "Ich" hinter dem "Wir" versteckt, wird es heute großgeschrieben. "Jeder Chinese sieht sich als Teil der Elite", sagt Xu Wen. Das führt dazu, dass er wenig Respekt für den Chef übrig hat. Was der kann, kann ich auch, denken viele Chinesen insgeheim. Und viele von diesen "vielen" denken nicht nur - sie kündigen, gründen ihr eigenes Unternehmen oder gehen für mehr Geld zur Konkurrenz.

Firmenloyalität ist ein Fremdwort in China

Die Folge ist eine hohe Fluktuation, die pro Jahr bis zu 20 Prozent des Personals umfasst. Zum Vergleich: In Deutschland liegt dieser Wert bei zwei bis vier Prozent. Das Problem bringt die deutschen Firmen, die in China engagiert sind, in ein Dilemma. Wollen sie aus den chinesischen Mitarbeitern qualifiziertere Fachkräfte machen, müssen sie mehr Geld in Berufsausbildung stecken; gleichzeitig laufen sie aber Gefahr, finanziell und emotional für die Katz, oder schlimmer noch, für die Konkurrenz zu investieren.

Deutschland DW Redakteurin Zhang Danhong (V. Glasow/V. Vahlefeld )

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Für beide Seiten wäre es nicht verkehrt, sich den fundamentalen Unterschied in der deutschen und chinesischen Denkweise bewusst zu machen. Denn daraus speisen sich Frust und Missverständnisse. Unternehmensberaterin Xu Wen fasst ihn so zusammen: "Die Deutschen denken linienförmig, während sich die Chinesen in Kreisen bewegen."

In die Sprache der Ökonomie übersetzt: Die Deutschen spezialisieren sich auf ein Produkt, grübeln darüber, wie sie die Qualität und den Service optimieren; es wird prozessorientiert gearbeitet. Ziel ist es, Weltmarktführer in einer Nische zu werden und zu bleiben. Die Chinesen versuchen sich in allen Richtungen, folgen Trends und entscheiden sich dann für den Bereich, der den größten Profit bringt; es wird also ergebnisorientiert gehandelt. Was zählt, ist einzig der Erfolg.

Alibaba ist typisch chinesisch

So startete der Alibaba-Gründer Jack Ma 1991 seine Unternehmerkarriere mit einem Übersetzungsbüro, das er später mit dem einfachen Handel übers Wasser hielt. Dann gestaltete er Internetseiten für andere Firmen. Er probierte alles aus, malte mehrere Kreise, die einander durchkreuzten, bis er 1999 den E-Commerce für sich entdeckte. Jack Ma hat es nicht nur geschafft, der reichste Asiate zu werden, sondern auch einer alten Geschichte aus Tausend und einer Nacht eine völlig neue Bedeutung einzuhauchen. Alibaba ist eine typisch chinesische Erfolgsgeschichte.

Donald Trump und Jack Ma (Getty Images/T.A.Clary)

Auch Donald Trump setzt auf Jack Ma, der eine Million Jobs in den USA verspricht

"Das deutsche linienförmige Denkmuster begründet eine pessimistische Grundhaltung im Geschäft", meint Xu Wen. Dies zeige auch die letzte Klausel eines jeden Vertrags, die den Gerichtsstand im Streitfall festlege. Dass ein Vertrag scheitern könnte, auf diesen Gedanken kommen Chinesen gar nicht. Sie setzen sich große Ziele, um dann über Details nachzudenken. Das beste Beispiel ist das Jahrhundertprojekt "Neue Seidenstraße". Wo fängt sie an, wie verläuft die Route? Alles bleibt erst mal nebulös.

Linien und Kreise in der Kommunikation

Auch in der Kommunikation sprechen die Deutschen geradeaus, während die Chinesen drumherum reden. Wenn der chinesische Geschäftspartner sagt, darüber müsse er später nachdenken, dann ist das die höfliche Version einer strikten Ablehnung. Der Deutsche versteht das nicht und hakt lieber mal nach: "Wann ist später? Nächsten Monat oder nächstes Jahr?" Wenn ein Chinese meint: "Oh, das wird ganz schwierig", dann heißt das ebenfalls "nein", und wundert sich über den deutschen Problemlöser, der gerne wissen würde, worin denn die Schwierigkeit bestünde.

Was den Deutschen am meisten zu schaffen mache, sei die Sprunghaftigkeit der Chinesen, sagt die Unternehmensberaterin aus eigener Erfahrung. Wichtige Termine werden auf den letzten Drücker abgesagt, abgesprochene Programme werden spontan geändert.

Der Handel mit Chinesen ist also nichts für schwache Nerven. Ein gutes Ende scheinen die meisten bilateralen Geschäfte trotzdem genommen zu haben. Dass China 2016 an den USA und Frankreich vorbeigezogen und zum wichtigsten Handelspartner Deutschlands aufgestiegen ist, ist ein Beleg dafür.

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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