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Deutschland

Mein Deutschland: Das Deutsch der Deutschen

Nein, einen Kulturschock hatte ich nicht, als ich vor über 20 Jahren nach Deutschland kam. Ich hatte mich in China informiert, so gut es ging. Und sprachlich war ich nach meinem Germanistik-Studium ohnehin gut gerüstet.

Was haben wir in China gebüffelt und gepaukt, um die deutsche Grammatik zu beherrschen. Es wurde dekliniert und konjugiert, bis es uns schwindlig wurde. Die bestimmten Artikel, Singular und Plural, Plural im Dativ, die drei anderen Kasus dazu - alles musste auswendig gelernt werden. Dann kommt man nach Deutschland und stellt fest, dass die ganzen Regeln von den Deutschen selbst gar nicht so ernst genommen werden.

Meinen ersten Sprachschock erlebte ich, als ich einer deutschen Nachbarin im Flur begegnete. Sie deutete auf ihren Hund: "Ich muss mit ihr raus, trotzdem es so regnet." Wie bitte? Als ein satzverbindendes Adverb kann "trotzdem" zwar einen Zusammenhang zwischen zwei Sätzen herstellen, aber doch keinen Nebensatz einleiten. Das können nur die Konjunktionen, auch Bindewörter genannt, wie "weil", "bevor", "nachdem", "obwohl" - das ist es. "Obwohl es regnet", so müsste der Nebensatz beginnen.

Einmal war ich bei einer älteren Dame zum Essen eingeladen. Als mein Teller leer war, sagte sie: "Ess noch etwas, mein Kind!" Der durchaus noch vorhandene Appetit war nach dieser Aufforderung wie weggefegt. Die imperative Form von "essen" heißt ohne wenn und aber "iss" oder "esst", je nach dem, ob eine einzelne oder mehrere Personen gemeint sind.

Auch Moderatoren machen Fehler

Ist mein Respekt vor den Muttersprachlern erst mal verschwunden, gibt es kein Halten mehr. Sogar Moderatoren kann man nicht als Vorbilder nehmen. Zwischen "gewohnt sein" und "gewöhnt sein" wissen längst nicht alle zu unterscheiden. Während ich es gewohnt bin, früh ins Bett zu gehen, hat er sich daran gewöhnt, die Nacht durchzumachen. Also ist er daran gewöhnt. Vor Kurzem hörte ich eine Fersehmoderatorin sagen: "Die Temperaturen werden sehr kalt sein." Moment mal: Temperatur kann hoch oder niedrig sein und das Wetter kalt oder warm. Verwechseln sollte man die Wörter auch im Sendefieber nicht.

Während die Radio- und Fernsehmacher noch darauf hoffen können, dass sich ein Fehler versendet, sollte man annehmen, dass Journalisten in den Printmedien eine größere Sorgfalt an den Tag legen. Fehlanzeige! Auf Ausdrücke wie "Sommer diesen Jahres" stolpere ich immer wieder. Nur weil "der Sommer letzten Jahres" korrekt ist, ändert das noch lange nichts an der Tatsache, dass "dies" so etwas wie ein bestimmter Artikel ist und demnach im Genitiv "dieses Jahres" heißt.

Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod

Apropos Genitiv: Das ist ein anderes leidiges Thema. Statt "deinetwegen" und "wegen des schlechten Wetters" sagen viele Deutsche "wegen Dir" und "wegen dem schlechten Wetter". Stur bleibe ich bei meinem Genitiv, schließlich will ich nicht alles umsonst gelernt haben.

Zhang Danhong Kommentarbild App

DW-Redakteurin: Zhang Danhong

In China habe ich auch gelernt, dass beim Vergleich der Komparativ mit dem "als" und nur mit dem "als" verwendet wird, wohingegen beim Gleichstand der Positiv, also die Grundform eines Adjektivs, mit dem "wie" ein Pärchen bildet. Aber diese Regel ist vielen Deutschen herzlich egal. Sonst würden einem nicht ständig Sätze wie "Er ist besser wie Du" oder noch schlimmer "Sie ist älter als wie Du" um die Ohren fliegen. Am schlimmsten empfinde ich die Verwandlung des Vollverbs "tun" in eine Art Hilfsverb. Dann entsteht ein grammatikalisch monströses Konstrukt.

Ein traumatisches Erlebnis hatte ich in einer Frauenarztpraxis, als ich im fünften Monat schwanger war. Mir wurde empfohlen, ab sofort das Bett zu hüten, da die Gefahr einer Frühgeburt bestand. Vor der Assistentin seufzte ich: "Schade, dass ich nicht mehr tanzen kann." Sie lächelte mich an: "Tun Sie tanzen?" Mir blieb die Spucke weg. Warum kann sie nicht einfach sagen: "Tanzen Sie?" Ist das zu kurz? Klingt das unfertig?

Fragwürdiges Deutsch selbst in der Literatur

Es entwickelte sich bei mir eine Art Allergie gegen dieses allgegenwärtige "Tun", bis ich im Roman "Ein liebender Mann" von Martin Walser auf einen Satz stieß. Da schrieb der alte Goethe an seine letzte Flamme Ulrike: "Vielleicht bin ich der Einzige, der Deine Einzigartigkeit erlebt. Vorstellbar ist es nicht. Aber denken tu ich das gern." Dieser Satz ließ mich nicht mehr los. Ich suchte nach alternativen Ausdrucksweisen. Vergeblich.

Bedauerlicherweise unterlaufen sogar einem Meister der deutschen Sprache wie Martin Walser auch Fehler eines Sterblichen. Im selben Roman schreibt er: "Als er die Augen für einen Augenblick geöffnet gehabt hatte, hatte er gespürt, dass es wehtat, etwas sehen zu müssen." Mir tat es auch weh, diese Zeilen zu lesen. Es ist wohl eine Eigenart der Rheinländer, nach einem vollendeten Imperfekt oder Plusquamperfekt noch ein "gehabt" dranzuhängen. Der Grund erschließt sich mir nicht. Aber: Ist Walser nicht am Bodensee geboren und groß geworden?

Dass ich an Walsers Werk rumnörgele, soll die Tatsache nicht verdecken, dass ich den Roman in vollen Zügen genossen habe. Die deutsche Sprache ist voller Schönheit und Präzision. Sie zu pflegen und sauber zu halten, sollte eigentlich Pflicht jeden Bürgers sein.

Tröstlich ist es für mich, dass meiner Tochter die deutsche Sprache ebenfalls am Herzen liegt. So erzählt sie mir, dass sie im Sportunterricht regelrecht agressiv wird, wenn jemand zu ihr sagt: "Werf den Ball!" Dann brüllt sie zurück: "Erst, wenn Du 'wirf' sagst." Wahrscheinlich hatte sie damals schon in meinem Bauch gespürt, wie mir bei der Frage "Tun Sie tanzen?" übel wurde.

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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