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Deutschland

Mein Deutschland: Abi geschafft - wo war der Stress?

Meine Tochter hat gerade in Köln ihr Abitur gemacht. Wie anders war das doch bei mir in China. In den vergangenen Monaten habe ich neue Begriffe gelernt wie "chillen", "Mottowoche" oder "auf Lücke lernen".

Nur ungern denke ich an mein eigenes Abiturjahr in China zurück. Von morgens bis abends habe ich für die landesweit einheitliche Hochschulaufnahmeprüfung Gaokao gepaukt. Schließlich wollte ich unbedingt zu den vier Prozent Abiturienten gehören, die studieren durften. Um die damals gerade in Mode gekommenen US-Fernsehserien machte ich einen großen Bogen - denn es hieß, sie machten süchtig. Auch für Jungs hatte ich keine Zeit. Unser Lehrer ließ verlautbaren: Wer jetzt mit einer Liebesgeschichte anfange, brauche sich bei ihm nicht mehr blicken lassen. Und was der Lehrer sagte, war Gesetz.

Danhong Zhang Kommentarbild App

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Inzwischen soll der Wettbewerbsdruck noch zugenommen haben. Zwar können heutzutage zwei Drittel der Abiturienten in China studieren. Doch gilt es, einen Platz an einer der wenigen Eliteuniversitäten zu erkämpfen. Bernhard Krittian, ehemaliger Vize-Direktor eines Karlsruher Gymnasiums, kennt das harte Leben der chinesischen Schüler nur zu gut. Der Mathematik- und Physiklehrer ging 2011 nach seiner Pensionierung für drei Jahre nach Shanghai, um eine Klasse der Oberstufe auf ein Studium in Deutschland vorzubereiten. "Die Schule, an der ich war, begann um sieben Uhr morgens mit dem Unterricht. Um neun Uhr abends kamen die Schüler aus der Schule und machten Hausaufgaben bis Mitternacht oder später", erzählt er. Bereits am Sonntagnachmittag seien sie ins Internat zurückgekehrt, weil abends wieder Unterricht war. "Manchmal kamen sie schon am Samstag wieder in die Schule, wenn der Lehrer mit dem Ergebnis einer Klausur unzufrieden war." So oder so ähnlich geht es im Abiturjahr wohl an allen Schulen in China zu.

Abiturjahr mit viel Ferien und Freizeit

Ich wette, dass deutsche Schüler solch ein Lernpensum nicht eine Woche lang durchhalten würden. Und die Eltern hätten Sitzblockaden oder Hungerstreiks organisiert, noch bevor ein solcher Stundenplan in die Tat umgesetzt würde. Nicht, dass ich das chinesische System gutheiße. Aber nach elf Jahren eher lässiger Schullaufbahn dachte ich, dass hierzulande wenigstens im Abiturjahr den Kindern etwas mehr abverlangt würde. Weit gefehlt!

Wie immer haben die Schüler nur zwei lange Tage in der Woche, das heißt Unterricht bis drei oder vier Uhr nachmittags. An den restlichen Tagen haben sie bereits um die Mittagszeit schulfrei. Den langen Sommerferien folgen bald die Herbst- und Weihnachtsferien. Dann sind noch rund drei Monate bis zur Abiturprüfung. Endspurt? Von wegen - in der Karnevalswoche im Februar ist Lernen verpönt. Auch in der so genannten "Mottowoche" im März wird weitgehend auf Unterricht verzichtet.

Deutschland Abiturienten Feier Verkleidung Abschluß

Mottowoche: Fünf Tage lang kommen die Schüler nur verkleidet und feiern sich selbst

Immer ausgiebiger wird gefeiert

Mottowoche. Diese Sitte existiert erst seit rund zehn Jahren, nimmt aber immer größere Ausmaße an. Dabei einigen sich die Schüler vorher auf ein Abitur-Motto, bei dem der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind. So lautet das Motto an der Schule meiner Tochter: "Abi heute, Captain Morgan (eine Rum-Marke) - endlich rum!" Dementsprechend verkleiden sich die Schüler an einem Tag der Mottowoche als Piraten. Auch an den anderen Tagen gibt es klare Kleidungsvorgaben wie "Assi", "Hippie" oder "Schlafmütze". Tagsüber treiben die Schüler ihre Späßchen mit den Lehrern, abends marschieren sie los, um "Kriege" gegen andere Schulen zu führen.

Köln Graffiti vor Gymnasium Schulkrieg Abi-Gag (Foto: DW)

Ausnahmezustand an den Gymnasien

Dabei werden schon mal Wände beschmiert oder Feuerwerkskörper in die Menge geschleudert. Aber meist wird eher mit harmlosen Waffen wie Wasserbomben gekämpft. "Werden alte Rechnungen beglichen?" frage ich die Schüler. "Nein. Die Feindschaft entsteht erst in dieser Woche", klärt mich ein Mädchen auf. "Es geht doch letztendlich um Spaß", grinst ein anderes Mädchen. Wer keine Aggression gegen andere Schulen verspürt, darf es sich auch in der eigenen Schule mit Grillen und Trinken gemütlich machen und sich mit vorbeischauenden Polizisten verbrüdern. Ich wage die Aussage, dass sich die Schüler noch nie so gerne in der Schule aufgehalten haben wie in der Mottowoche - ihrer letzten Schulwoche.

Gepaukt wird eigentlich nie

Danach geht es in die Osterferien. Als cool gilt, wer im Osterurlaub ganz auf Arbeitsblätter verzichtet. Direkt nach den Ferien beginnen auch schon die Abiturprüfungen. Außer Spaß nichts gelernt? Das zu behaupten, wäre übertrieben. Zwischen den Geburtstagsparties oder sonstigen Treffs, zwischen den Fahrstunden für den Führerschein und Gelegenheitsjobs wird sicherlich etwas Mathe geübt oder Kafka analysiert. Aber vom Pauken kann nicht die Rede sein.

"Muss man auch nicht", behauptet meine Tochter. Denn es gebe wenig auswendig zu lernen, viel mehr gehe es ums Analysieren, das man entweder könne oder nicht könne. "Wenn nicht, dann hilft auf den letzten Metern auch kein Pauken mehr." Eine plausible Erklärung für das chillige Leben der deutschen Abiturienten. Da man bei den Prüfungen meist die Wahl zwischen drei Themen hat, kann man sogar auf ein unliebsames Thema pfeifen. Im Schülerjargon heißt das "auf Lücke lernen".

Schwach in Mathematik

Was für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, wenn man dies mit dem harten Leben chinesischer Schüler vergleicht! Nie im Leben habe ich mir so viel Detailwissen, darunter auch unsinniges Wissen angeeignet wie im Abiturjahr. So konnte ich noch Jahre nach dem Gaokao die Stationen des deutschen Bauernaufstandes im Jahr 1524 auswendig. "Die Schüler haben alles gemacht, was die Schule verlangt", ist auch die Erfahrung von Bernhard Krittian. Durch unermüdliches Trainieren in Mathematik hätten die Chinesen grundlegende Rechenfähigkeiten erworben, die den meisten deutschen Schülern fehlten. "Wenn ich an meinen Unterricht in Deutschland denke, so war es nicht möglich, einen Gedankengang durchzuziehen. Es waren immer Unterbrechungen, weil den Schülern die Rechenfähigkeiten zum Verständnis gefehlt haben. Das ist mir in China nie passiert."

Bernhard Krittian mit seinen chinesischen Schülern (Foto: privat)

Zusammen mit seinen chinesischen Schülern baute Bernhard Krittian eine digitale Modelleisenbahn auf

Laut einer Studie des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik erreichen zwei Drittel der Hochschulberechtigten nicht das Matheniveau, das am Ende der Schulzeit von ihnen erwartet wird. Mit anderen Worten: Die Mehrheit der Abiturienten hierzulande kapituliert einfach vor Mathematik.

Nicht nur in Mathe, der deutsche Schüler gebe auch sonst oft zu schnell auf, sagt der pensionierte Schulleiter Krittian: "Ein deutscher Schüler beginnt frühzeitig zu klagen über Ansprüche, über Umstände." Manche Klagen werden aber durchaus originell vorgetragen. So empfindet ein Schüler aus Münster es als äußerst unfair, die Prüfungsfragen vorher nicht zu erfahren. Er stellt einen Antrag an das Schulministerium von Nordrhein-Westfalen und beruft sich dabei auf das Informationsfreiheitsgesetz.

Stark im Argumentieren

Immerhin hat er in der Schule gelernt, zu argumentieren. Das zähle zu den Stärken der deutschen Schüler, sagt Krittian. "Sie haben während der Schulzeit gelernt, zu urteilen, ihre Meinung zu äußern und Position zu beziehen." Den chinesischen Schülern fehle es, über die Dinge, die sie lernen, nachzudenken. "Sie haben keine Erfahrung im Leben gesammelt; sie kennen nicht mal die Stadt, in der sie leben. Sie haben keine Jugend gehabt, in der sie sich entwickeln konnten."

Aber so leicht lässt sich die Jugend nicht den Spaß verderben - auch früher schon nicht. So haben meine Mitschüler und ich, die sich brav an die Vorgaben des Lehrers gehalten haben, im Studium einiges nachgeholt - und uns mit doppeltem Elan in Liebesabenteuer gestürzt.

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.