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Deutschland

Mein Deutschland: Abenteuer Deutsche Bahn

Vor 25 Jahren hat das Zeitalter der Hochgeschwindigkeitszüge bei der Deutschen Bahn begonnen. Zhang Danhong nutzt den ICE gerne und widmet dem Bahnfahren eine Kolumne. Auch wenn es nicht immer ganz so schnell vorangeht.

Diese Kolumne schreibe ich - wo denn sonst - in einem ICE, der 300 Kilometer in der Stunde sausen könnte. Ja, könnte, denn im Moment steht der schicke Zug am Kölner Hauptbahnhof. Wegen einer technischen Störung verzögere sich die Abfahrt um wenige Minuten, heißt es.

Wenn ein Zug an einem Bahnhof stecken bleibt, liegt das oft an einer technischen Störung; wenn er aber während einer Fahrt zum Stillstand kommt, dann könnte es eine Signalstörung sein. Eine Zeitlang musste oft ein Schaden der Oberleitung als Erklärung für hoffnungslose Verspätungen herhalten. Ich hielt das damals für eine versteckte Kritik der Bahn-Mitarbeiter an ihrer Konzernspitze. Kurz danach ist der Bahn-Chef tatsächlich zurückgetreten.

Neulich hörte ich eine neue Version der Entschuldigung: Stromstörung. Die Folgen dieser Störung wurden netterweise angesagt: "Gleich werden die Klimaanlage und das Licht ausgeschaltet." Stockdunkel wurde es im Abteil. Auf einmal fiel mir ein, dass sich der Zug gerade auf dem Territorium der aus Kölner Sicht verbotenen Stadt befand - Düsseldorf. Das kann kein Zufall sein! Die Fahrgäste reagierten gelassen und klatschten beinahe vor Begeisterung, als ein Dämmerlicht im Gang anging. Dann ertönte die nächste Ansage: "Verehrte Fahrgäste, wegen einer technischen Störung verzögert sich die weitere Fahrt um unbestimmte Zeit. Bitte steigen Sie in den gegenüber stehenden Zug um."

Bahnfahren fördert soziale Kontakte

Fluchtartig stieg ich aus, um den Zug auf der anderen Seite des Bahnsteigs nicht zu verpassen. Auf der Anzeigetafel des Zuges las ich jedoch als Ziel einen Ortsnamen, von dem ich noch nie gehört hatte. Und der auch überhaupt nicht in Fahrtrichtung Köln liegt. Ein junger Mann zögerte ebenfalls. Schnell trafen wir eine Entscheidung: Er hielt die Tür offen, ich rannte zur Schaffnerin. "Fährt der Zug nach Köln?" fragte ich. Die Schaffnerin zeigte auf die Anzeigetafel: "Wie kommen Sie darauf? Steht da irgendwo Köln?" Willkommen in der Kafka-Welt! Als wir endlich in der Domstadt ankamen, sagten der junge Mann und ich "Tschüs" wie alte Freunde.

Zhang Danhong Kommentarbild App

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Das ist ein Grund, warum ich trotz allerlei Störungen die Bahn doch dem Auto vorziehe - sie schweißt wildfremde Menschen zusammen. So bin ich letztens während einer Fahrt nach München in eine Junggesellenabschiedsfeier geraten. Der zukünftige Bräutigam, der von seinen Freunden in einen grellpinken Anzug verpackt worden war, verteilte kleine Likörfläschchen an alle männlichen Mitfahrenden im Waggon. Es herrschte eine ausgelassene und angeheiterte Stimmung wie auf dem Oktoberfest.

Bahnreisende Männer neigen zu Extremen: Entweder sind sie extrem leise - sie lesen oder dösen vor sich hin - oder sie grölen unter alkoholischem Einfluss herum. Frauen sind eher in der Lage, auch im Zug zivilisierte Konversation zu pflegen. Mehr noch: Die Bahn macht sie noch gesprächiger als im Alltag. So habe ich mir oft ganze Lebensgeschichten von nebenan sitzenden Frauen anhören müssen, die sich vorher auch nicht kannten.

Bahnfahrkarte mit Flugticket verwechselt

Jede Fahrt mit der Deutschen Bahn ist ein Abenteuer. Man weiß nie, was einen erwartet. Manchmal endet sie in einem Alptraum. So stellte ich einmal am Frankfurter Flughafen fest, dass das Flugticket meiner Tochter soeben von dem Schaffner in der Bahn abgerissen wurde. Das war die Zeit, bevor die elektronischen Tickets eingeführt wurden. Von der Fluggesellschaft erhielten wir ein ganzes Heft mit den Fahrkarten für die Bahn sowie Hin- und Rücktickets für den Flug. Diese Praxis öffnete Schludrigkeiten der Schaffner Tür und Tor.

Das Geld für das doppelt bezahlte Ticket forderte ich schriftlich von der Bahn zurück. Alle drei Monate erreichte mich Post von der Deutschen Bahn - mit der Bitte um Geduld und einem Trostgutschein von fünf Euro für das Bordbistro. Nach zwei Jahren geschah das Wunder - die Bahn entschuldigte sich und erstattete mir den vollen Preis.

Es geht auch pünktlich - manchmal

Als Wunder empfinde ich es inzwischen, wenn die Bahn ausnahmsweise pünktlich ist. Die ganzen Widrigkeiten wie Schnee im Winter und Regen im Sommer machen ein Fahren nach Plan zu einem schier unmöglichen Unterfangen. Außerdem ist und bleibt eine Reise ein Abenteuer - warum also soll ausgerechnet die Fahrt mit der Bahn reibungslos sein?

Mit dieser Einstellung war ich vergangenes Jahr in China fast peinlich berührt, als der Zug auf die Minute genau abfuhr und ebenso pünktlich am Ziel ankam. Richtig langweilig - ohne jede Überraschung.

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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