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Kultur

Mein Berlinale-Tagebuch: der zweite Tag

Am zweiten Berlinale-Tag kam Jochen Kürten weit herum: Er unternahm einen filmischen Streifzug von Hollywood bis in den Senegal, und dazwischen einen Abstecher in die Neue Nationalgalerie.

Portraitbild von Jochen Kürten

Berlinale Jochen Kürten

Manchmal ist Berlin wirklich der Nabel der Kulturwelt. Zumindest für ein paar Stunden. Am Freitag hat die Berlinale nach dem verhalten aufgenommenen Auftaktfilm richtig begonnen. Das heißt, volles Programm, ab 9 Uhr, erste Vorstellung, Berlinale-Palast. Und am Freitag konnte man dann auch, das war natürlich Zufall, einen ersten Blick in die große Gerhard Richter-Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie werfen. Das bot sich an. Zwischen den Filmen. Ist ja wirklich nur einen Steinwurf weit entfernt.

Gefällt mir. Gefällt mir nicht.

Was macht man sonst schon in diesen Zeiten zwischen zwei Filmen? Die Lieblingsbeschäftigung der meisten ist das pausenlose Reden über Filme. Einen Kaffee hier, einen Tee dort, wie fandest Du den Film, wie hat´s Dir gefallen? Gefällt mir. Gefällt mir nicht. Schon lange vor Facebook gibt es diese Gesprächskultur, ganz real. Die Unterhaltungen gehen dann so: Hast Du den Film schon gesehen? Welchen meinst Du? Na, den von Regisseur soundso. Ach, Du meinst den, wo die soundso mitspielt? Nee, das ist doch der andere, ich mein den von dem, der hier letztes Jahr auch schon einen Film hatte usw…..

Besucher in der Gerhard Richter-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin (Foto: Axel Schmidt/dapd)

Gerhard Richter-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie

In Endlosschleifen kann man diesen Gesprächen lauschen, Daumen rauf, Daumen runter. Was ist also die Alternative in diesen Zwischenstunden? Ich stapfe durch die eisige Kälte zur Nationalgalerie. Die Journalisten dort wirken ein wenig intellektueller, mehr ältere Damen und Herren. Aber vielleicht liegt das auch an Gerhard Richter. Ein ausführlicher Blick auf die Bilder ist natürlich kaum möglich, der nächste Film ruft.

Arbeiten wie die alten Meister…

Aber ein Ohr für den Künstler und seinen Direktor habe ich schon. Udo Kittelmann, Chef der Nationalgalerie, sagt, man solle sich die Bilder anschauen, das sei wichtiger als über sie zu reden. Gerhard Richter hat gemeint, man könne auch heute noch so malen wie die alten Meister. Das werde allerdings nicht mehr gemacht, weil sich der Diskurs verändert hat, die Bewertung eben dieser Kunst. Das ist interessant. Zwei Aussagen, die ich mit zur Berlinale nehme.

Szene aus Extrem laut und unglaublich nah (Foto: 2011 Warner Bros.)

Extrem laut und unglaublich nah von Stephen Daldry

Im Kino ist das doch anders. Hier wird noch oft so gefilmt wie früher. Geradezu klassisch, konventionell. Hollywood macht das bis zum Exzess. Oft ist das  langweilig, vorhersehbar. Doch manchmal auch schlicht und einfach schön und unterhaltsam. Am Freitag lief ein Film aus Hollywood im Wettbewerb. “Extrem laut und unglaublich nah“ nach dem Roman von Jonathan Safran Foer. Es geht um einen Jungen, der seinen Vater am 11. September im World Trade Center verloren hat und der nun versucht, damit zurecht zu kommen.

Emotionen aus Hollywood

Auch wenn sich Regisseur Stephen Daldry bemüht, das mit schnellen Bildfolgen und lauten Monologen aufzupeppen, so merkt man dem Film doch seine Herkunft an. Dafür sorgen schon Schauspieler wie der pausbäckige Tom Hanks und die schön geliftete Sandra Bullock. Die auf der Leinwand vorgelebten Emotionen setzen sich nahtlos im Berlinale-Palast fort. Das hört man. Es ist Taschentuchzeit. Nicht wegen der Kälte. Im Kino ist es warm.

Szene aus Aujourd'hui (Foto: Mabeye Deme)

Aujourd´hui von Alain Gomis

Hollywood eben, schön und schrecklich zugleich. Geht runter wie Öl, kaum ein Zuschauer verlässt den Saal vor dem Film-Ende, was ja auch ein Kriterium ist. Die beiden anderen Wettbewerbsfilme verzeichneten da schon einen wesentlich größeren Schwund. "Aujourd’ hui“ (Frankreich/Senegal) macht sich Gedanken über das Afrika von heute. Ein junger Mann, der offenbar nicht mehr lange zu leben hat, blickt zurück, begegnet noch einmal alten Weggefährten, der Familie, Freunden, Geliebten.

Verzicht auf Klischees

"A moi Seule“, auch aus Frankreich, erzählt die Geschichte eines vierzehnjährigen Mädchens, das den Klauen eines pädophilen Kindesentführers entkommt. Beide Filme beschäftigen sich ernsthaft mit ihrem Thema, loten die Charaktere aus, verzichten auf Klischees und Konventionen, spielen auch ein wenig mit filmischen Formen. Doch man muss sich auf sie einlassen. Das erfordert Geduld. Auf einem Festival fällt das manchmal schwer. Alte und neue Meister, Kunst und Kino lassen sich nicht vergleichen. Manchmal aber ist es inspirierend, wenn man zwischen den Filmen nicht nur über Filme redet.

Autor: Jochen Kürten
Redaktion: Regina Mennig

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