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Kultur

Mein Berlinale-Tagebuch: der dritte Tag

Auf Festivals begegnen sich manchmal Filme. Sie sprechen quasi miteinander. Ab und zu können das auch Filme aus verschiedenen Kinoepochen sein. Jochen Kürten hat an seinem dritten Festivaltag zwei dieser Filme gesehen.

Portraitbild von Jochen Kürten

Berlinale Jochen Kürten

Liebe überwindet Grenzen. Das könnte man als Motto über den dritten Festivaltag stellen. Man könnte aber auch zu ganz anderen Überschriften kommen – je nachdem, welchen individuellen Festivalpfad man beschritten hat. Meine Überschrift am Samstag heißt so. Nicht etwa, weil ich Angelina Jolies Regiedebüt "In the Land of Blood and Honey" gesehen habe, das von einem Serben und einer Bosnierin handelt, deren Zuneigung während des Bosnien-Krieges auf eine harte Probe gestellt wird. Angelina Jolie hat auf jeden Fall die meiste Aufmerksamkeit bekommen, das hat mit ihrem Starnimbus zu tun. Ihr Film hingegen wird von den allermeisten, die ihn gesehen haben, sehr kritisch bewertet.

Deutsches und Englisches

Mein Motto bezieht sich auf einen deutschen und einen britischen Film. "Barbara" von Christian Petzold war der erste heimische Wettbewerbsbeitrag in diesen Tagen. Und "The Life and Death of Colonel Blimp" ist ein Film mit legendärem Ruf aus dem Jahre 1943, der hier bei der Berlinale nach aufwendiger Restaurierung in einer Sondervorführung gezeigt wurde.

Zunächst zum Deutschen. Christian Petzold ist ein guter Bekannter des Festivals. Und seine (Dauer-)Hauptdarstellerin Nina Hoss ebenso.

Szene aus Barbara mit Ronald Zehrfeld und Nina Hoss

Szene aus dem Petzold-Film "Barbara".

"Barbara" wurde als erster "historischer" Stoff des Regisseurs angekündigt, was ein wenig seltsam wirkt, ist die Handlung doch im Jahre 1980 in der DDR angesiedelt. Aber nun gut, DDR, 80er Jahre - das ist für viele tatsächlich schon ferne Historie. Das merke ich, als sich meine beiden Sitznachbarn vor dem Film unterhalten: "In der DDR war ich noch nie, das ist mir so was von fremd…". Nina Hoss spielt eine junge Ärztin, die nach einem Ausreisantrag in ein Provinzkrankenhaus strafversetzt wird und auch noch die Stasi auf dem Hals hat. Sie unterhält aber noch heimlichen Kontakt zu ihrem Geliebten im Westen und plant die Flucht über die Ostsee. Im Krankenhaus lernt sie dann einen Arzt kennen und lieben.

Ein ästhetisches Vergnügen

Petzold macht daraus einen Film, der aussieht wie alle Filme von diesem Regisseur. Ein sehr zurückgenommener filmischer Rhythmus, kaum Musik, lange Einstellungen. Die Darsteller sagen meist nur das Nötigste, blicken ernst und sind ansonsten verschwiegen. Dazu sieht und hört man oft den Wind in den Baumwipfeln rauschen oder die Meeresbrandung. Das sind Petzolds Markenzeichen. Bei den Kritikern hat er viele Fans, beim zahlenden Publikum ist das eher übersichtlich. Doch "Barbara" nimmt mich gefangen, wohl auch, weil er zu dieser ganz bestimmten Zeit spielt und man als Zuschauer natürlich weiß, dass die Situation für viele Menschen dramatisch war. Flucht, Stasi, Misstrauen allerorten, das ist schon etwas anderes als das, womit sich die Petzold-Helden sonst so rumschlagen müssen. Hier bekommt das ganze Dramatik. Der asketische Stilwillen des Regisseurs wirkt weniger manieriert als sonst. Für mich der beste Film bisher im Wettbewerb.

The Life And Death Of Colonel Blimp (Foto: Reliance MediaWorks/ITV Studios Global Entertainment Ltd.) Internationale Filmfestspiele Berlin

Ausschnitt aus dem Film "The Life And Death Of Colonel Blimp" aus dem Jahr 1943.

Das Schöne an Festivals ist ja, dass bestimmte Filme miteinander korrespondieren, manchmal innerhalb weniger Stunden. "The Life and Death of Colonel Blimp" ist einer der Höhepunkte der Berlinale. Das britische Regieduo Emeric Pressburger und Michael Powell hat die Freundschaft eines britischen und eines deutschen Offiziers während der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts 1943 verfilmt. In drei weit ausholenden Episoden werden dabei Begegnungen der beiden geschildert, eine Frau spielt dabei natürlich auch noch eine wichtige Rolle. Eine deutsch-britische Freundschaft über drei Kriege hinweg. Das Ganze auch noch gedreht, während deutsche Bomben auf England fielen. Churchill hat sich damals vehement gegen den Filme stark gemacht und versucht , ihn zu verhindern.

Rekonstruktion durch Martin Scorsese

Wir verstehen heute, warum. Der von Adolf Wohlbrück gespielte Deutsche wird feinfühlig und sympathisch dargestellt. Powell/Pressburger ging es eher um einen antimilitärischen denn einen antideutschen Film. Niemand geringeres als US-Starregisseur Martin Scorsese hat sich um die aufwendige Rekonstruktion dieses Farbfilm-Klassikers gekümmert. Dafür hat er einen kleinen Bären verdient.

Bei Christian Petzold entscheidet sich Barbara am Ende dafür, im Land zu bleiben, also in der DDR, die hier aber nicht schön geredet wird. Und bei Powell/Pressburger ist schon früh klar, dass es hier um Freundschaft über Nationengrenzen hinweg geht. Zwei Filme aus zwei verschiedenen Epochen, die gegen gängige Kinobilder arbeiten. Zwei Filme gegen den Strich. Zwei unbedingt lohnende Kinobesuche.

Autor: Jochen Kürten
Redaktion: Marko Langer