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Filme

Mein Berlinale-Tagebuch, 7. Tag

Die Berlinale ist nicht nur ein Fest des aktuellen Films. Sie erlaubt auch tiefe Einblicke in die Geschichte des Kinos. Es begegnen einem legendäre Gestalten der Filmhistorie, dagegen sehen viele neue Filme alt aus.

Jochen Kürten (Foto: DW)

Jochen Kürten

Am Sonntagabend durfte ich einen ganz besonderen Berlinale-Moment miterleben. Da tauchte plötzlich eine Schauspielerin leibhaftig im Kino auf, die ich nur auf der Leinwand erwartet hatte. Darauf war ich nicht vorbereitet, denn eigentlich stand auf meinem Programm der frühe Klassiker "Zeit mit Monika", der im Rahmen der Ingmar Bergman-Retrospektive gezeigt wurde. Der schwedische Regisseur hatte den Film im Jahre 1953 gedreht, das war damals ein Durchbruch für Bergman. Und es war auch der Beginn der Karriere der blutjungen Hauptdarstellerin, der 21-jährigen Harriet Andersson. Die stellte sich vor die Leinwand und plauderte gut gelaunt über die Dreharbeiten, über ihre Zusammenarbeit mit dem berühmten Regisseur, über ihre späteren Rollen in den Filmen Bergmans. Die schwedische Schauspielerin und langjährige Lebensgefährtin des Schweden müsste im kommenden Jahr 80 Jahre alt werden, rechnete ich im Kopf. Ich war ganz fassungslos, weil die Harriet Andersson doch soviel Lebensenergie und Charme versprühte, dass sie mir wesentlich jünger erschien.

Das war einer jener Momente, die ein Festival so liebenswert, so aufregend machen. Es war zudem eine Begegnung in einem kleinen, intimen Kreis, der nichts mit den pompösen Starauftritten der Schauspieler zu tun hat. Eine Begegnung jenseits des Roten Teppichs, auf dem die Akteure nur in Sekundenbruchteilen an einem vorbeirauschen und belanglose Worte in die Mikrofone der Boulevardreporter sprechen.

Flirrende Erotik und das Spiel der Jugend

Es war aber auch ein besonderer Moment, weil ich außerdem auch noch in den Genuss des wunderschönen Films "Zeit mit Monika" kam, einem wunderschönen Frühwerk des Meisterregisseurs, in dem die junge Andersson die Hauptrolle spielte und der auf auf einer schwedischen Ostseeinsel gedreht worden war. Er entfacht einen flirrenden Reigen aus Erotik, ein Spiel aus Wasser und Meer, aus Wind und Wetter. Obwohl er in Schwarz-Weiß gedreht wurde, ist es ein Film, der farbiger nicht sein könnte. Selten genug bietet sich die Gelegenheit, solche Ausnahmefilme im Kino zu sehen, dazu mit einer hervorragenden Kopie und guter Projektion. Diese Einblicke in die Filmgeschichte erlaubt jedes Jahr die Retrospektive der Berlinale und - wenn ich ehrlich bin -, ist sie immer ein Hauptgrund für mich, zum Festival zu fahren und dabei auch viele mittelmäßigen Filme in Kauf zu nehmen. Ein Festival ist ja nur bedingt ein Filter des Weltkinos, die Reihen und Sektionen müssen gefüllt werden, da kommt schon einiges zusammen, das danach schnell wieder aus dem Gedächtnis verschwindet.

Bizim Büyük Çaresizligimiz (Our Grand Despair), Regie: Seyfi Teoman (im Bild: Fatih Al, Günes Sayin, Ilker Aksum) (Foto: Internationale Filmfestspiele Berlin)

Ein sympathischer Film: Bizim Büyük Çaresizligimiz (Our Grand Despair), Regie: Seyfi Teoman

Was aus den beiden Beiträgen des Festivalmittwochs wird, das können erst die Zeitläufte zeigen. Der türkische Beitrag "Bizim Büyük Çaresizligimiz" ("Our Grand Despair") ist ein überaus sympathischer Film über zwei Freunde, die eine junge Frau in ihre WG in Ankara aufnehmen, nachdem sie zuvor ihre Eltern bei einem Autounfall verloren hat. Beide verlieben sich in das junge attraktive Mädchen, beide natürlich vergeblich. Regisseur Seyfi Teoman erzählt seine Geschichte in einem langsamen Rhythmus, mit sehr viel Sympathie für seine Figuren. In ein paar Jahren wird man sich an den Film wahrscheinlich trotzdem nicht mehr erinnern. Auch Wolfgang Murnbergers "Mein bester Feind" ist eines jener Leinwandwerke, die vermutlich keine tiefe Spuren im internationalen Kino hinterlassen werden. Es handelt sich einmal mehr um eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Kino, diesmal geht es um die unglaubliche Geschichte eines Juden, der in die Rolle eines SS-Offiziers schlüpft, um seine Haut zu retten. Es geht um Kunstdiebstahl, um Freundschaft, um Treue und Verrrat. Moritz Bleibtreu darf diesmal in beiden Kostümen agieren, in dem Aufzug eines KZ-Häftlings und in der Uniform der SS.

Moritz Bleibtreu als Victor Kaufmann (l), Georg Friedrich als Rudi Smekal und Ursula Strauss als Lena in einer Szene des Films `Mein bester Feind´. Der Film von Wolfgang Murnberger läuft außer Konkurrenz im Wettbewerb der Berlinale 2011 (Foto: Filmladen/Petro Domenigg dpa)

Filmszene aus "Mein bester Feind" von Wolfgang Murnberger

Murnberger hat das straff und temporeich inszeniert, gepaart mit bitter-galligem Humor. Allerdings frage ich mich, ob nicht Nationalsozialismus und Holocaust nur als Fassade für eine dramatisch aufgeputschte Räuberpistole benutzt werden (Der Film enstand nach dem Roman "Wie es Victor Kaufmann gelang, Adolf Hitler doch noch zu überleben"). Da blitzen die Uniformen, die Deutschen sind ausreichend böse gezeichnet, grausam und sadistisch, wie man das aus dem Kino mit Nazi-Thematik zu Genüge kennt. Bleibtreu ist im Film auch noch nach Folterszenen und Haft im Konzentrationslager gut gescheitelt, spricht mit klarer, fester Stimme und verliert auch in höchster Not nicht seine gestochen, elegante Schönschrift, wenn er unter Druck etwas zu Papier bringen muß. Der Nationalsozialismus wird hier einmal mehr zum unterhaltsamen Kulissenspiel. Die Hochglanz-Dekors wirken der Glaubwürdigkeit entgegen. Besonders zwingend ist das nicht, weder so satirisch überspitzt wie bei Ernst Lubitsch oder Charlie Chaplin, noch so erschütternd und mitleiderregend wie in den wenigen gelungen Spielfilmen über die Zeit. Wie so viele neue Werke, die hier in diesen Tagen bei der Berlinale laufen, wird auch "Mein bester Feind" im großen Meer der Filmgeschichte versinken. Und kein Schauspieler des Films wird sich in ein paar Jahrzehnten vor einen gut gefüllten Kinosaal stellen und darüber berichten, wie das damals bei den Dreharbeiten gewesen ist.

Autor: Jochen Kürten
Redaktion: Angela Müller

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