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Filme

Mein Berlinale-Tagebuch, 2. Tag

Manchmal ist der Hype bei der Berlinale zu groß. Dann schwärmen Moderatoren über Filme, ohne sie gesehen zu haben. Bis die Blase platzt, wie im ersten Wettbewerbsfilm, schreibt Jochen Kürten in seinem Berlinale-Tagebuch.

Jochen Kürten (Foto: DW)

Jochen Kürten

Natürlich freuen sich alle, wenn's los geht. Die Macher des Festivals, die Regisseure und Schauspieler, die Journalisten und die ganz normalen Zuschauer. Doch wenn man sich anschaut, wie am ersten und zweiten Tag berichtet wird über das Festival, dann treibt das manchmal schon seltsame Blüten.

Ein Beispiel: Am Abend der Eröffnung wird der Regisseur Wim Wenders von einem bekannten Moderator des deutschen Fernsehens interviewt. Das schaue ich mir am Abend an. Wenders neuer Film "Pina" läuft erst am Sonntag im Wettbewerb. Manche Journalisten haben ihn schon gesehen, in einer Pressevorführung ein paar Tage vor der Berlinale. Doch zurück zu unserem Interview mit Wenders.

Das gestaltet sich folgendermaßen: Der Moderator ist überaus freundlich zum berühmten Regisseur, man spricht über den Film, der der verstorbenen Choreografin Pina Bausch gewidmet ist. Das sei ja alles ganz großartig, eine wunderbare Frau, ein toller Film übers Tanzen, dazu die 3D-Technik - der Fernsehmann ist fast auf den Knien. Ganz zum Schluss des Interviews gesteht er dann etwas kleinlaut, den Film noch gar nicht zu kennen, sich aber riesig darauf zu freuen. Ende des Gesprächs.

Zachary Quinto, JC Chandor (Foto: Berlinale)

"Margin Call": Zachary Quinto am Set mit Regisseur JC Chandor

Das ist durchaus symptomatisch. Bei vielen Berichten über das Festival, vor allem denen im Fernsehen, ist die Begeisterung darüber, überhaupt dabei zu sein, mit berühmten Filmschaffenden zu sprechen, auf dem Roten Teppich zu stehen und abends mit Stars und Sternchen bei dem Festivalpartys zu plaudern, derart überschäumend, dass alles andere in den Hintergrund gedrängt wird. Auch bei der feierlichen Eröffnung wurden schon unendlich viele Interviews mit den geladenen Gästen gesendet, die alle in die Kameras lächeln und sagen, wie toll der Film ist, der gleich läuft, dass das schon bizarre Züge annimmt.

Nun gut, wir leben in einer Medienrepublik, das Medium ist die Botschaft, die Form wichtiger als der Inhalt, geschenkt... Doch ab und zu muss einfach mal daran erinnert werden, dass vieles von dem, was an die Öffentlichkeit dringt von so einem Kulturereignis, nur sehr wenig mit dem zu tun hat, um was es eigentlich geht. Hinter dem schönen Schein der Oberfläche verschwindet inzwischen allzuviel. Um Filme geht es in der Regel kaum noch - bei einem Filmfestival!

Von Zynikern und Verzweifelten: Die Finanzkrise im Kino

Insofern war der erste Wettbewerbsbeitrag gut gewählt. "Margin Call" von US-Regisseur JC Chandor hat sich den Vorabend der Weltfinanzkrise vorgenommen. Auch da geht es also um Luftnummern, um geplatzte Blasen und viel Schaum vor dem Mund. Wir sehen die Manager und Analysten, die Bosse und Angestellten einer großen Investmentbank in New York - und zwar genau während des Zeitpunkts, an dem die Akteure zu der Erkenntnis kommen, dass ein Finanzdesaster ungeahnten Ausmaßes unmittelbar bevorsteht.

Der Film zeigt, wie die verschiedenen Protagonisten damit umzugehen versuchen. Wie manche trotz des Desasters schon an die kommenden Geschäfte denken, wie andere einen Rest Moral in sich entdecken. Wir sehen Zyniker und eiskalte Finanzjongleure, Gutherzige und Verzweifelte. All das zeigt JC Chandor, indem er ein breites Personenspektrum präsentiert, dafür aber auf allen typischen Hollywoodschnickschnack mit Liebesdramen und emotionalem Feuerwerk verzichtet.

Das gibt dem Ganzen eine hohe Glaubwürdigkeit. "Margin Call" erlaubt einen überaus intelligenten Blick auf die finanzielle Talfahrt der Weltwirtschaft und zeigt in einigen Sequenzen, wie abgehoben die Akteure doch vom übrigen Rest der Menschheit agieren. Der Film spielt zum größten Teil in den höchsten Etagen eines New Yorker Wolkenkratzers, die Erdung haben diese Banker schon lange verloren.

El Premio von Paula Markovitch (Foto: Berlinale)

Szene aus "El Premio" von Paula Markovitch

Es hat in jüngster Zeit einige Filme über die Weltfinanzkrise gegeben, der bekannteste ist sicherlich "Wall Street - Money Never Sleeps". Als hätte man aus "Wall Street" mit seinem emotionalem Overkill und dem spektakulären Auftritt eines Michael Douglas die Luft rausgelassen, so präsentiert sich "Margin Call". Nicht so martialisch wie Oliver Stones Blick auf die Wall Street, ist der Berlinale-Film "Margin Call" um einiges intelligenter und differenzierter - und hat mit Jeremy Irons und Kevin Spacey auch ganz hervorragende Schauspieler.

Der zweite Beitrag im Wettbewerb an diesem Freitag, das argentinische Debüt "El Premio" von Paula Markovitch hatte es dagegen ein wenig schwer. Was unbedingt auch mit der Dynamik eines solchen Festivals zu tun hat, das muss man wissen. "El Premio" spielt zur Zeit der argentinischen Militärdiktatur in den 1970er Jahren. Eine junge Frau und deren siebenjährige Tochter haben sich in eine abgelegene Region am Meer zurückgezogen um den Häschern in Buenos Aires zu entgehen. Der Vater, so ist zu vermuten, ist entweder tot oder hält sich im Untergrund auf.

Die junge Regisseurin hat aus dem Stoff einen ganz stillen, sehr langsamen Film gemacht, der sich auf den Blickwinkel des kleinen Mädchens konzentriert. Das ist wunderbar in Szene gesetzt, zerrt aber mit seinen lang ausgereizten Einstellungen auch an den Nerven des Publikums. Wir Journalisten sehen die Filme ja in der Regel am frühen Morgen und am Mittag. Schon nach wenigen Minuten verlassen dann auch die ersten Kollegen den Saal, viele folgen. Man muss schon einigermaßen ausgeschlafen sein, um die zwei Stunden durchzustehen. Das hat der Film aber nicht verdient. Er hat seine Qualitäten. Aber das gehört eben zum Risiko einer Festivalteilnahme. Dass Journalisten einschlafen oder den Film nicht bis zum Ende durchhalten. Oder ihn gar nicht sehen. Dann kann man später immer noch mit dem Regisseur zusammensitzen und begeistert plaudern - auch das lernt man hier.

Autor: Jochen Kürten

Redaktion: Dirk Eckert

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