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Fokus Osteuropa

Meilenstein in den deutsch-polnischen Beziehungen

Nach dem Mauerfall im November 1989 unterbrach Bundeskanzler Kohl seinen Polen-Besuch. Wenige Tage später besuchte er mit Premier Mazowiecki in Kreisau eine Messe mit großer Symbolkraft für die Beziehungen beider Länder.

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Tadeusz Mazowiecki und Helmut Kohl in Kreisau 1989

In dem kleinen Ort in Niederschlesien, auf dem Gut der Familie von Moltke, trafen sich in den Jahren 1942 bis 1943 Menschen, um über die Zukunft Deutschlands und Europas nach dem Ende des Nationalsozialismus zu beraten. Viele von ihnen, die als "Kreisauer Kreis" in die Geschichte eingingen, wurden nach dem Attentat auf Hitler 1944 hingerichtet, obwohl sie daran nicht direkt beteiligt waren.

Geste des Friedens

1989 rückte das verfallene Gut in Kreisau zum zweiten Mal in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit: Am 12. November gaben sich dort der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl und der erste frei gewählte polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki anlässlich des Mauerfalls ein Zeichen des Friedens. Durch die Wahl des Ortes für die Versöhnungsmesse wurde der deutschen Widerstandsbewegung auf polnischer Seite Annerkennung verschafft. Sie war vor 20 Jahren in Polen noch kaum bekannt.

Tadeusz Mazowiecki ahnte damals nicht, welch starke Symbolkraft vom Kreisauer Friedenszeichen ausgehen wird. "Das war zunächst eine ganz einfache Geste. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gibt man sich während der katholischen Messe einander ein Zeichen des Friedens. Bischof Nossol kam auf uns zu und tauschte mit mir und dem Bundeskanzler Kohl den Friedensgruß aus. Danach haben wir beide uns umarmt. Und das war sehr herzlich. Aber zum Symbol der Versöhnung ist diese Geste erst später geworden. Wir beide, als Staatsoberhäupter und Christen, hatten den politischen und auch moralischen Willen, unsere Völker zu versöhnen."

Langer Weg zur Versöhnung

Die ersten persönlichen Kontakte zu Deutschen hatten 1956 Vertreter der katholischen Intelligenzija in Polen, unter ihnen Stanislaw Stomma und Tadeusz Mazowiecki, aufgenommen. Die ersten Meilensteine auf diesem Weg waren 1961 das Memorandum der Evangelischen Kirche über die für Polen entscheidende Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze und einige Jahre später der Brief polnischer katholischer Bischöfe mit dem ungewöhnlichen Aufruf: "Wir verzeihen und bitten um Verzeihung."

Die deutsch-polnische Versöhnungsmesse in Kreisau hatte eine große moralische Symbolkraft für die deutsch-polnischen Beziehungen. Die Polen richteten damals ihre Aufmerksamkeit auf die endgültige Annerkennung der Oder-Neiße-Grenze, sagt Mazowiecki:. "Trotz der Grenzverträge, die Willi Brandt und Wladyslaw Gomulka unterzeichnet hatten, galt in Deutschland immer noch die Doktrin, dass die Grenzfrage erst in einem Friedensvertrag zu regeln sei. Es war jedoch klar, dass es keinen Friedensvertrag mehr geben wird. Es kam für uns daher nicht in Frage, die Grenzfrage ruhen zu lassen. Wir wollten die polnischen Westgebiete nicht von Stalin, sondern auf Grund der bilateralen Verträge anerkannt bekommen."

Grenzfrage erzeugte lange Zeit Misstrauen

Diese endgültige Regelung der Grenzfrage hatte sich der erste frei gewählte polnische Premier zur Aufgabe gemacht. Heute betont er, Polen wollte mit dem Drängen auf die Regelung der Grenzfrage den "Deutschen bei der Wiedervereinigung auf keinen Fall schaden. Im Gegenteil: Wir waren der Meinung, dass durch die Annerkennung der Untastbarkeit der Grenze im Zuge der Wiedervereinigung der Wille Deutschlands zum friedlichen Zusammenleben mit anderen Völkern transparenter wird und den Vereinigungsprozess begreifbar macht. Es gab doch in Europa Ängste vor einem großen Deutschland. Und es wurde, wie schon zuvor, in diesem Zusammenhang die Frage gestellt, ob Deutschland europäisch bleibt oder Europa deutsch wird."

Durch die Regelung der Grenzfrage im deutsch-polnischen Vertrag vom 14. November 1990 seien diese Zweifel zerstreut worden, betont Mazowiecki. Die Messe in Kreisau ein Jahr zuvor sei der entscheidende Schritt zu deutsch-polnischen Versöhnung gewesen: "Ich bin überzeugt, dass der Grenzvertrag eine gute Grundlage für die deutsch-polnischen Beziehungen geschaffen hat. Deutschland war Polens Anwalt beim Beitritt zur EU und NATO. Dadurch haben sich unsere Beziehungen gut entwickelt und auch zurzeit sind sie gut. Es kommt zwar hin und wieder zu Verstimmungen. Ich gebe nicht auf, immer wieder darauf hinzuweisen, dass es viel einfacher ist, die historisch so belasteten deutsch-polnischen Beziehungen zu verderben, als aufzubauen. Aber wir können zurzeit zufrieden auf sie blicken."

Autorin: Barbara Cöllen
Redaktion: Bernd Johann