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Musik

Mei Hong Lin: Tanz als Emanzipation

Die Choreographin Mei Hong Lin ist Taiwanerin und gleichzeitig eine deutsche Künstlerin. Erstmals war ihre Arbeit beim renommierten Taiwan International Festival zu sehen.

(Foto: Staatstheater Darmstadt)

"Erstaunlicherweise bin ich sehr aufgeregt", sagt die Darmstädter Choreographin Mei Hong Lin, "das hätte ich nicht gedacht, denn eigentlich ist es für uns Alltag, Vorstellungen zu machen." Seit sechs Jahren arbeitet sie als Direktorin des Tanztheaters am Staatstheater Darmstadt. Ihre Tanzabende sind meist ausverkauft. Das Publikum schätzt ihre Tanzsprache, weil sich darin westlicher und östlicher Stil zu vereinen scheinen. Mei Hong Lin kommt aus Taiwan – und aus Deutschland, sie lebt mittlerweile länger in Europa als in ihrer Heimat.

Bühnenbild Schwanengesang (Foto: Staatstheater Darmstadt)

Schwanengesang: das Tanzensemble des Staatstheaters Darmstadt in Taipei

Was ist Heimat?

Weil sie das Land so früh schon verlassen hat, war Mei Hong Lin in Taiwan bis zu ihrem "Schwanengesang"-Gastspiel nahezu unbekannt. Im Alter von knapp 16 Jahren ging sie für ein Tanzstipendium nach Rom. Dann studierte sie an der Essener Folkwangschule bei Pina Bausch. Danach ist sie in ihre Heimatstadt Ilan, die etwa 80 km südöstlich der Hauptstadt Taipei liegt, nur noch für Familienbesuche zurückgekehrt. Privat, nie als Künstlerin. Was das Gastspiel in Taiwan jetzt zeigt: Heimat ist nicht mehr nur da, wo man geboren ist. Heimat ist ein Ort des Verstandenwerdens. Mei Hong Lin sucht in beiden Welten nach künstlerischer Identität.

Sinnlich und expressiv

"Schwanengesang" erzählt die berühmte Geschichte des trauenden Witwers Hugo, der sich nach dem Tod seiner Ehefrau Marie in die Stadt Brügge zurückzieht, dort die Tänzerin Mariette kennen lernt, deren Anblick ihn in Erinnerungen an Marie schier vergehen lässt. Die unheilvolle Geschichte von Bruges-la-morte – hier im Nationaltheater von Taipei unweit des Chiang-Kai-Shek-Memorials getanzt vom Tanzensemble des Staatstheaters Darmstadt.

Bühnenbild Schwanengesang (Foto: Staatstheater Darmstadt)

Erzählerisches, expressives Tanztheater von Mei Hong Lin

Tanz und Klang verfehlen ihre Wirkung beim Publikum nicht. Der Applaus ist euphorisch, das Publikum jubelt. Die taiwanische Journalistin Su Ling-Yao vom Fernsehen TBS bringt die Sache auf den Punkt: "Für normale Leute birgt das Stück schon einige Schwierigkeiten. Das Publikum hier ist es gewöhnt, dass Theaterstücke ein Happy End haben. Das hier ist sehr tiefgehend und berührt die Seele. Aber ich denke, dass die Gebildeten das hier sehr gut verstehen können", sagt die junge Frau. Es ist typisch für Mei Hong Lin, solche Geschichten zu tanzen. Sie macht Tanztheater, sehr erzählerisches, expressives Tanztheater - immer mit einer klaren, eindeutigen Botschaft. Weil ihre Sprache Tanz ist, sind ihre Botschaften überall auf der Welt entschlüsselbar. Kunst hat keine Grenzen sagt sie: "Als Künstler zeigt man, was man reflektiert, ich zeige, was tief in mir ist, eben auch ganz unbewusste Sachen. Meine Tanzcompagnie ist sowieso schon ganz international: 16 Tänzer, 14 Nationalitäten. Deswegen glaube ich nicht, dass man in einem bestimmten Land ganz besonders sein muss."

Gefeiert wie ein Star

Mei Hong Lin (Foto: Staatstheater Darmstadt)

Mei Hong Lin


Mehr als zehn Kamerateams, über 30 Interviews haben die Arbeit von Mei Hong Lin in Taipei dokumentiert. Sie habe den richtigen Geist, sagen die Macher des Taiwan International Festivals. So viel Aufmerksamkeit wie in Taipei bekommt sie in Darmstadt nicht. Dass sich Mei Hong Lin so gut eignet als nationales Symbol Taiwans, hat auch politische Gründe. Taiwan emanzipiert sich von Zentralchina über solche Kontakte. Man sucht nach neuen Ausdrucksformen - nach einer Sprache, die man nicht unterdrücken kann. Tanz spielt dabei eine große Rolle, seit der Choreograph und Dissident Lin Hwai-min 1973 seine Tanzcompagnie Cloud Gate 2 gründete und damit tanzend gegen den Diktator Chiang Kai-Shek rebellierte. Das Gastspiel von Mei Hong Lin in Taipei ist darum mehr als nur ein Stück importiertes Theater: Es ist die Geschichte einer Emanzipation, einer Individualisierung.

Autorin: Natascha Pflaumbaum
Redaktion: Gudrun Stegen