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Welt

Mehrheit weltweit gegen Atomkraft

Die Katastrophe in Fukushima hat weltweit zum Umdenken in der Energiepolitik geführt. In Asien hat sich die Zahl der Atomkraftgegner sogar verdoppelt. Die Regierungen hinken dem Meinungsumschwung oft hinterher.

Teilnehmer einer Demonstration gegen Atomkraft (Foto: dapd)

Demonstrant in Deutschland

Nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima befragte das weltweit tätige Marktforschungsunternehmen Ipsos Bürger in 24 Ländern zu ihrer Meinung gegenüber Atomkraft. Das repräsentative Ergebnis ist eindeutig: In 21 Ländern lehnen die Bürger die Atomkraft zur Energiegewinnung mehrheitlich ab. Nur in Indien, USA und Polen gibt es laut Umfrage noch eine Mehrheit für die Atomkraft.

In den befragten Ländern lebt rund 60 Prozent der Weltbevölkerung. Über die Hälfte von ihnen, insgesamt 55 Prozent, sind gegen Atomkraft. Viele der Befragten begründeten ihre ablehnende Haltung mit der Reaktorkatastrophe in Japan. 16 Prozent haben ihre kritische Haltung zur Atomenergie erst nach der Katastrophe in Fukushima entwickelt. Den größten Stimmungsumschwung gab es in Asien: In Südkorea, Japan, China und Indien verdoppelte sich die Zahl der Atomkraftgegner.

Neujustierung der Atompolitik in Asien

Dabei hatte in den vergangenen Jahren kein anderer Kontinent so auf den Ausbau der Atomkraft gesetzt wie gerade Asien. Das nukleare Feuer sollte den wachsenden Energiehunger klimafreundlich stillen. Japan deckte mit seinen 55 Atomreaktoren vor dem Unglück rund 29% des Strombedarfs und plante den Bau von 14 weiteren Reaktoren. In Südkorea liefern 21 Atomreaktoren sogar rund 35% des Stroms, 11 neue Reaktoren sind in Planung. Aber auch die aufstrebenden Nationen China und Indien verfolgten ehrgeizige Ausbaupläne. Der Atomstromanteil in diesen Ländern liegt derzeit bei rund 2 Prozent. Um den zunehmen Energiebedarf zu decken, wurden in Indien 23 Atomkraftwerke geplant. In China wollte man sogar neue 77 Atomkraftwerke bauen.

Stand die Mehrheit der Bevölkerung in all diesen Ländern weitgehend hinter den ehrgeizigen Ausbauplänen, so war die Katastrophe in Fukushima nicht nur für die Japaner ein großer Schock und verursacht ein Umdenken. In Südkorea, das die Versorgung mit Atomstrom bisher am weitesten vorangetrieben hatte, kippte die Stimmung am stärksten. Lehnten vor Fukushima nur rund 20% der Befragten die Kernkraft ab, so waren es laut Umfrage nach Fukushima über 60 Prozent.

Schlagartig wurde nach dem Super-Gau auch vielen asiatischen Politiker bewusst, dass solch ein Unfall auch im eigenen Land möglich ist - zumal, weil in anderen Staaten geringere Sicherheitsstandards als in Japan gelten. Selbst China verhängte zunächst ein Moratorium bezüglich des Baus neuer Atomkraftwerke. Doch auch wenn asiatische Regierungen den Ausbau der erneuerbaren Energien weiter forcieren - an den grundsätzlichen Plänen, den Energiebedarf künftig auch mit Atomkraft zu decken, halten die Staaten bislang fest.

Angst vor Energiearmut in den USA

Die USA decken 20 Prozent ihres Strombedarfs mit Atomenergie. Mit rund 100.000 Megawatt (MW) Leistung sind die USA zwar der weltweit größte Atomstromproduzent. Doch seit 20 Jahren wurden keine neuen Kraftwerke mehr gebaut. Die USA sind 1979 selbst nur knapp einer großen Reaktorkatastrophe entgangen: Durch eine Verkettung von Pannen geriet damals ein Atomkraftwerk bei Harrisburg über Wochen außer Kontrolle. Der Reaktorkern schmolz, doch die befürchtete Wasserstoffexplosion blieb glücklicherweise aus.

Trotz des Risikos setzt die US-Regierung selbst nach Fukushima verstärkt auf Atomstrom. Am Bau von vier neuen Kraftwerken wird fest gehalten. Die Angst vor einer Energieknappheit sitzt bei den Amerikanern tief. Laut der Tageszeitung USA Today sehen 53 Prozent die Energiesicherheit bei einem sofortigen Atomausstieg gefährdet.

Deutscher Atomausstieg wegweisend in der EU?

Das zerstörte Atomkraftwerk von Tschernobyl (Foto: AP)

Die Erfahrung von Tschernobyl prägt das Denken in Europa, viele Atomkraftwerke werden abgeschaltet.

Für Europa war bereits das Reaktorunglück von Tschernobyl am 26.4.1986 eine Zäsur. Einige Regierungen in Westeuropa beschlossen den Atomausstieg, Reaktoren wurden stillgelegt, Bauvorhaben gestoppt. Mit der Katastrophe von Fukushima bekam diese ablehnende Haltung neuen Auftrieb. Der Traum von einer Renaissance der Atomkraft aus Klimaschutzgründen, genährt vor allem von der Atomlobby, zerplatzte. Deutschland, zweitgrößter Atomstromproduzent in der EU, beschloss den beschleunigten Ausstieg aus der Atomkraft aus. Rund ein Drittel des atomaren Kraftwerkparks, der 22 Prozent des deutschen Stroms lieferte, wurde kurzerhand stillgelegt. Bis 2022 sollen auch die verbleibenden Kraftwerke abgeschaltet werden.

Diese tiefgreifende Entscheidung im größten EU-Land löste bei den europäischen Nachbarn sowohl Begeisterung als auch Entsetzen aus. Während die Mehrheit der EU-Bürger die Atomkraft ablehnt und etwa die Italiener in einem Referendum ihre Ablehnung gegen Atomstrom bekräftigten, ist dieser Entschluss für die Atomindustrie und große Energieunternehmen eine Katastrophe: Ihre Gewinnerwartungen brechen ein.

Stimmungswechsel im Atomland Frankreich

Andre-Claude Lacoste (Foto: EPA/EMMA FOSTER )

Andre-Claude Lacoste von der französischen Atomsicherheitsbehörde hält schweren Atomunfall auch in Frankreich für möglich

Besonders in Frankreich, das 75 Prozent seines Strombedarfs mit Atomkraft deckt und über eine sehr große, exportorientierte Atomindustrie verfügt, hat die Katastrophe von Fukushima und die deutsche Energiewende weitreichende Folgen. Der nationale Atomkonsens bröckelt. Missstände werden angeprangert. Und der Chef der Atomsicherheitsbehörde räumt ein, dass auch in Frankreich ein schwerer Unfall nicht auszuschließen ist. Über zwei Drittel der Franzosen lehnen inzwischen die Atomkraft ab und wollen den Ausstieg. Zwar unterstützt der konservative Präsident Sarkozy die Atomwirtschaft anscheinend unbeirrt weiter. Doch neben den erstarkten Grünen fordert nun selbst Parteichefin Martine Aubry von den Sozialisten den Atomausstieg.

Die Eltern dieser Zwillingsbrüder wurden vor der Zeugung verstrahlt. Der Vater half bei den Aufräumarbeiten in Tschernobyl, die Mutter lebte in einer verstahlten Region. Eine Entschädigung für das Leid bekommen sie nicht. Minsk, BELARUS; Twin bothers Michael and Vladimir Lariga, 16 years old. Michael, with hydrocephaly is five minutes older than Vladimir who is deaf. Their mother lived in Bragin one of the most contaminated places and their father worked as a liquidator, evacuating people from the area. His genetic material was diagnosed as badly damaged.Chernobyl in the Ukraine became the site of the most infamous nuclear disaster accident of all. In 1986 the explosion of the nuclear reactor affected the lives of millions in Western Russia, Belarus and the Ukraine. (Foto: dpa / Robert Knoth)

Die Eltern dieser ukrainischen Zwillingsbrüder wurden vor der Zeugung verstrahlt. Der Vater half bei den Aufräumarbeiten in Tschernobyl, die Mutter lebte in einer verstahlten Region. Eine Entschädigung für das Leid bekommen sie nicht.

Russland hofft weiter auf das große Geschäft

Russlands Führung ist an einer schnellstmöglichen Überwindung der neuen Krise der Nuklearenergie interessiert. Zwar ordneten Präsident Medwedew und Premierminister Putin eine umfassende Überprüfung der Sicherheitsbedingungen aller betriebenen und geplanten Atomanlagen an. Doch angesichts der enormen, wirtschaftlichen Bedeutung der Kernenergie hält die Führung an den strategischen Plänen zum Ausbau der russischen Atomwirtschaft derzeit fest.

Von der Atomwirtschaft erhofft sich die Regierung einen Schub für die gesamte Wirtschaft. So soll die staatliche Holding "Rosatom" nicht nur Kernkraftprojekte in Russland vorantreiben, sondern auch die internationale Kooperation ausbauen. Nach Ansicht von Anton Chlodkow, Direktor des Zentrums für Energiewirtschaft und Sicherheit, kann die russische Atomwirtschaft bis 2030 ein Auftragsvolumen von mehr als 100 Milliarden Dollar erwarten. Dieses Geschäft nicht zu gefährden sei Regierungsziel. Laut Umfrage von Ipso lehnen jedoch 62 Prozent der Russen die Atomkraft ab. Die Erfahrung von Tschernobyl sitzt tief.

Neue Atomkraftwerke sind volkswirtschaftlich unrentabel

Eisiger Wind bläst der internationalen Atomindustrie aber nicht nur wegen der Katastrophe von Fukushima entgegen. Experten warnen schon seit langem vor den enormen volkswirtschaftlichen Kosten. Weltweit ist nirgends das Risiko eines Reaktorunfalls versichert. Die Kosten der Unfälle von Tschernobyl oder Fukushima trägt vor allem die Gemeinschaft. Aber auch ohne diese Kosten sind neue Atomanlagen eigentlich unrentabel. Nach Angaben der Atomexpertin Rebecca Harms, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament, kostet heute ein neues Atomkraftwerk rund 7 Milliarden Euro. Hinzu müssen nach Einschätzung von Experten Rückbaukosten von rund 1 Milliarde Euro und 600 Millionen Euro für die Endlagerung des Atiommülls pro Kraftwerk kalkuliert werden. Demgegenüber sind schon heute Wind- und Sonnenkraftwerke kostengünstiger. Nicht umsonst sehen deshalb viele Bürger die Zukunft in dem Ausbau der Erneuerbaren Energien. Laut Umfrage des Marktforschungsunternehmen Ipsos in 24 Ländern wünschen sich über 90 Prozent der Bürger Strom aus Sonne, Wind und Wasser.

Autor: Gero Rueter
Redaktion: Matthias von Hein

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