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Bundeswehr

"Mehr Suizide bei der Bundeswehr"

Alarmruf des Wehrbeauftragten der Bundeswehr. Hellmut Königshaus fürchtet angesichts immer neuer Belastungen eine "Abwärtsspirale", die sogar zu einem "Zusammenbruch des Systems" führen könne.

Archivbild Bundeswehr-Soldaten nahe Kundus, Afghanistan 2011 (Foto: dpa)

Auslandseinsätze wie hier in Afghanistan zehren an den Kräften

Suizide, scheiternde Beziehungen, familiäre Probleme - der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus, warnt vor einer weiteren "Abwärtsspirale" bei der Bundeswehr angesichts immer neuer Belastungen. "Wenn wir diese Spirale nicht unterbrechen, dann wird das zum Zusammenbruch des Systems führen", sagte er am Freitag in Berlin. Grund könne Materialknappheit ebenso wie Personalmangel sein.

Nach seinem Eindruck, so der Beauftragte des Parlaments, gibt es auch eine "steigende Zahl von Suiziden und Suizidversuchen". Das bereite ihm Sorge. Über jeden dieser Fälle muss die Bundeswehr offizielle Berichte erstellen. Darin stehe dann meist "Ursache im privaten Bereich". Häufig seien die Gründe aber in dienstlichen Belastungen begründet. Dazu könnten auch schon zu viele Auslandseinsätze oder eine heimatferne Stationierung gehören. Königshaus, der der FDP angehört und seit viereinhalb Jahren Wehrbeauftragter des Bundestages ist, äußerte sich bei einer Veranstaltung der "Gemeinschaft Katholischer Soldaten" zum Thema "Zwischen Kumpel und Schleifer. Vorgesetzte in der Bundeswehr heute". Soldatische Angehörige unterschiedlicher Bereiche der Bundeswehr teilten am Rande der Veranstaltung die Bewertungen.

Hilfloses Personal

Im Vorfeld hatte der ansonsten meist zurückhaltende Verband eine "Überlastung und Verunsicherung unter Vorgesetzten und Untergebenen" beklagt. Diese äußere sich "in Akten von Hilflosigkeit und gelebter Sprachlosigkeit". "Anforderungen der Inneren Führung werden als fakultativ begriffen und als Dienstbeschwernis abgelehnt. Damit wird Personal verwaltet, nicht geführt, und verheizt, nicht umsorgt." Als Innere Führung wird seit den 1950er Jahren das Leitbild der Bundeswehr bezeichnet, das den Soldaten als Staatsbürger in Uniform sieht und hohe Erwartungen an die Führung der Soldaten umreißt. Dazu gehört beispielsweise, dass die Mitglieder der Bundeswehr nicht blind gehorchen, sondern auch lernen, sich kritisch mit ihren Aufgaben auseinanderzusetzen.

Hellmut Königshaus Wehrbeauftragter (Foto: dpa)

Wehrbeauftragter Hellmut Königshaus

Königshaus sprach von einer im Grunde steilen Aufwärtsentwicklung, was Führungskultur bei der Bundeswehr angehe. Es gebe aber Ausrutscher. Hinzu komme, dass im Zusammenhang mit Auslandseinsätzen in Ausnahmefällen "gewisse Vorgesetzte" auf "Innere Führung und solchen Schnickschnack verzichten" wollten.

Knapp zehn Prozent aller Eingaben, die ihn erreichten, hätten Beschwerden über Führungsverhalten zum Inhalt, so der Wehrbeauftragte.

Schimmelentfernung wichtiger als getrennte Toiletten

Er berichtete weiter, dass ihn immer wieder Beschwerden von Soldatinnen über anzügliche Bemerkungen durch männliche Kollegen erreichten. Die Bundeswehr sei auch gut zehn Jahre nach Dienstantritt der ersten weiblichen Soldaten in vielen Bereichen räumlich nicht darauf eingerichtet, dass Frauen in ihren Reihen seien. Auch der Chef des Stabes Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Professor Winfried Heinemann, äußerte sich zu diesem Thema. Sicher seien Fälle sexueller Belästigung bei der Bundeswehr die Ausnahme. Ein strukturelles Problem sei jedoch die mangelnde Ausstattung mit getrennten Toiletten für Männer und Frauen. Wenn es aber in einer Kaserne reinregne und der bauliche Zustand schlecht sei, dann wollten die Kameraden erst einmal lieber eine schimmelfreie Stube als weitere Toiletten.

Beziehungen und Ehen leiden mit

Mehrere Soldaten und der Wehrbeauftragte äußerten sich bei der Veranstaltung in drastischen Worten über die Auswirkungen der dienstlichen Beanspruchung auf Familie, Ehe und Partnerschaft. Königshaus lobte bei diesem Thema die Sensibilität der jetzigen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

Bundeswehr-Kita in Lüneburg
(Foto: dpa)

Familie und Bundeswehr - keine leichte Kombination

Er erlebe bei Besuchen an Standorten Einheiten oder Teileinheiten, "in denen fast keiner mehr in geordneten Familienverhältnissen" lebe. Es gebe glaubhafte Berichte, dass nach längeren Auslandseinsätzen bei jedem zweiten Soldaten die Beziehung zerbrochen sei. Auch Heinemann bestätigte, Trennungen und Scheidungen kämen bei Soldaten drastisch häufiger vor als bei vergleichbaren Gruppen der Gesamtgesellschaft.

Major Tobias Brösdorf, Mitglied des 14. Beirats für Fragen der Inneren Führung, sagte, er selbst seit seit zweieinhalb Jahren Fernpendler. Das sei eine Belastung, ein Wochenende sei zu kurz für die Familie. "Aber ich will meiner Familie nicht zumuten, 16 Schulsysteme in 16 Bundesländern auszuprobieren." Königshaus appellierte angesichts solcher Beschwerden an die Spitze des Verteidigungsministeriums, auf die Kultusministerkonferenz zuzugehen und auf eine bessere Vereinbarkeit der schulischen Systeme in den Bundesländern zu drängen. Auch wenn Deutschland ein föderales System habe, solle der Bund sich für eine "einheitliche Schulkarrieremöglichkeit" einsetzen. Sonst treffe jeder Umzug zwischen Bundesländern, nicht nur bei Soldaten, die Schwächsten, die Kinder.