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Politik

Mehr Soldaten sollen Afghanistan befrieden

Die NATO reagiert auf die Gewalteskalation im Süden Afghanistans mit einer Aufstockung ihres Truppenkontingents. Doch Experten bezweifeln, dass dieser Krieg allein mit einem Mehr an Soldaten zu gewinnen ist.

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Bundeswehr Panzer "Wiesel" in Afghanistan

Die NATO will mindestens 2000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan schicken. Das teilte ein Sprecher am Freitag (8.9.2006) am Rande einer zweitägigen Konferenz des Militärischen Komitees der NATO in Warschau mit. Damit will das Militärbündnis der Gewalteskalation vor allem im unruhigen Süden des Landes Herr werden, wo die NATO-geführte Internationale Schutztruppe (ISAF) Ende Juli das Kommando von den US-Truppen übernommen hatte. Seither verübten Taliban sowie Drogenbosse und "Warlords" etliche Angriffe auf die NATO-Truppe, die rund 18.000 Soldaten umfasst. Erst am Freitag fand in Kabul der schwerste Selbstmordanschlag seit fünf Jahren statt.

"Bald irakische Verhältnisse"

Afghanistan Selbsmordattentat in Kabul Autobombe

Ein Selbstmordattentäter tötete am Freitag mindestens 18 Menschen

Der Oberbefehlshaber der Allianz für Europa, General James Jones, hatte zuvor zugegeben, dass die Allianz von der Heftigkeit gegen des Widerstandes gegen die ISAF überrascht worden sei. Markus Kaim, NATO-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, betont dagegen: "Wenn man in das einstige Herrschaftsgebiet der Taliban vorstößt, ist es kaum verwunderlich, dass diese nicht kampflos das Feld räumen." Und Michael Pohly, Afghanistan-Experte an der Freien Universität Berlin, warnt: "Wenn man in Afghanistan so weitermacht wie bisher, dann herrschen dort schon sehr bald irakische Verhältnisse."

Die hohe Konzentration von Taliban-Kämpfern in den südlichen Provinzen Kandahar und Helmand hatte den britischen General David Richards, der im Süden das Kommando führt, davon überzeugt, dass die militärische Operation nun Vorrang hätte. Deshalb startete die ISAF am vergangenen Samstag (2.9.2006) die "Operation Medusa", bei der sie sich erstmals einen direkten Schlagabtausch mit den Taliban liefert. Bislang töteten die ISAF-Soldaten rund 300 Aufständische.

Konflikt zwischen militärischen und zivilen Zielen

Doch mehr Soldaten und militärisches Gerät allein sind noch lange keine Erfolgsgarantie. "Was die Amerikaner, aber auch die Europäer nicht verstanden haben: Das Militärische ist nur ein Aspekt, man muss auch die Köpfe und Herzen der Menschen gewinnen", sagt Islamforscher und Afghanistan-Experte Pohly.

Dabei können militärische Ziele und ziviler Wiederaufbau durchaus miteinander in Konflikt geraten. SWP-Experte Kaim nennt als Beispiel den Drogenanbau in Afghanistan: "Die Opiumproduktion ist für viele Bewohner Afghanistans die wirtschaftliche Lebensgrundlage. Andererseits finanziert der Drogenanbau auch die Taliban, die es wiederum militärisch zu bekämpfen gilt."

Staatliche Autorität kommt in Provinzen nicht an

Drogenernte in Afghanistan

Mohn säen, Geld ernten - Drogenanbau in Afghanistan

Laut einer Studie des Wiener UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) von vergangener Woche wurde die Schlafmohn-Anbaufläche Afghanistans in diesem Jahr um 59 Prozent ausgeweitet. Besonders expansiv ist der Anbau dabei in der südafghanischen Provinz Helmand, einer Taliban-Hochburg. Einschließlich der Opiumderivate entstand dem Land am Hindukusch aus dem Drogenanbau ein Exporterlös von 2,7 Milliarden US-Dollar, was 52 Prozent des Bruttoinlandproduktes entspricht.

Der rekordverdächtige Drogenanbau in Afghanistan zeigt nicht zuletzt auch, wie sehr sich die ISAF, aber auch die afghanische Führung bislang auf die Hauptstadt Kabul konzentriert haben. In den Provinzen konnten staatliche Autorität und Ordnung bislang nicht durchgesetzt werden. "Hier rächt sich, dass man mit Präsident Karsai einen Mann der Amerikaner genommen hat, einen Mann, der in den Provinzen Afghanistans keine Reputation und Autorität besitzt. Der Fisch stinkt vom Kopf her", urteilt Afghanistan-Experte Pohly.

Was geschieht im Süden?

Der NATO bleiben angesichts dieser katastrophalen Voraussetzungen für ihre Mission in Afghanistan nur zwei Möglichkeiten: ein Scheitern eingestehen und die Provinzen sich selbst und den Taliban überlassen, oder aber auch im umkämpften Süden für "Recht und Ordnung" zu sorgen. Dazu würden aber 2000 Soldaten mehr wohl kaum ausreichen, ist Militär-Experte Kaim überzeugt.

Doch die Unterstützung für den ISAF-Einsatz ist in vielen Ländern angesichts der zu erwartenden Opfer brüchiger denn je. So hat die Bundesregierung ihre ablehnende Haltung zu einer Entsendung deutscher Soldaten in den Süden Afghanistans abermals untermauert: "Es bleibt dabei: Unser Schwerpunkt ist die Nordregion", sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Donnerstag (7.9.2006) in Berlin. NATO-Experte Kaim hält dagegen: "Wenn man einen Erfolg des ISAF-Einsatzes ernsthaft will, dann kann man sich nicht dauerhaft nur im vergleichsweise ruhigen Norden Afghanistans einrichten."

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