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Fokus Osteuropa

Mehr Sicherheit mit oder ohne Atomwaffen?

Atomwaffen sind ein unkalkulierbares Risiko und alles andere als ein Sicherheitsgarant, meint Daniel Scheschkewitz. Atomwaffen sichern den Frieden, weil ihre Abschreckung Konflikte vermeidet, meint Ingo Mannteufel.

Themenbild Pro und Contra (Grafik: DW)

PRO: Für eine atomwaffenfreie Welt

Noch nie war die Chance für eine atomwaffenfreie Welt größer. Die Supermächte wollen abrüsten. Andere sollten dem guten Beispiel folgen, denn nur so kann man Nuklearterrorismus verhindern - meint Daniel Scheschkewitz:

Portrait von Daniel Scheschkewitz (Foto: DW)

Daniel Scheschkewitz

Amerika hat der Welt schon immer große Visionen angeboten. 30 Jahre nach den Protestmärschen der Friedensbewegung in Europa hat US-Präsident Barack Obama das Ziel einer atomwaffenfreien Welt ausgerufen. Er tat gut daran.

Denn noch immer sind Atomwaffen ein unkalkulierbares Risiko und alles andere als ein Sicherheitsgarant. Sie belasten die Volkswirtschaften der Besitzerländer und ihre bloße Existenz führt zu einem globalen Besitzstreben nach der gefährlichsten aller Waffen. Ein weltweiter atomarer Rüstungswettlauf zeichnet sich ab, bei dem immer mehr Staaten ihre Atomwaffenarsenale als Drohpotenzial aufbauen und einer internationalen Kontrolle entziehen. Staaten, von denen niemand sagen kann, ob und unter welchen Bedingungen sie einen Einsatz dieser Massenvernichtungswaffen riskieren würden.

Die Ultima Ratio der gegenseitigen Abschreckung, die zur Zeit des Kalten Krieges eine Anwendung der Atombombe durch die Supermächte weitgehend ausschloss, besteht nicht mehr. Stattdessen nähert sich die Welt einem Punkt, jenseits dessen auch das Horrorszenario des Nuklearterrorismus noch Wirklichkeit werden könnte: Pakistan hat über das berüchtigte Netzwerk des Nuklearwissenschaftlers A.Q. Khan sein nukleares Wissen längst weitergegeben. Eines Tages könnten auch Terroristen zu den skrupellosen Empfängern gehören. Selbstmordattentäter haben bereits mehrfach Anschläge auf die Fertigungsanlagen pakistanischer Atomwaffen versucht. Bisher scheiterten sie - das Risiko bleibt. Mindestens ebenso schlimm: Totalitäre Staaten wie Nordkorea oder der Iran sind zuletzt in den Besitz von Atomwaffen gelangt oder stehen kurz davor – mit unabsehbaren Folgen für das regionale Gleichgewicht, aber auch für Europa.

Atomwaffen in den Händen dieser Staaten oder von Terroristen sind allemal so gefährlich wie die atomare Hochrüstung der Supermächte während des Kalten Krieges. Jetzt, da die USA und Russland zur Abrüstung bereit sind, ist die Zeit gekommen, um eine internationale Ächtung von Atomwaffen durchzusetzen. Der Anfang ist mit dem neuen START-Vertrag gemacht. Der Vertrag zum Stopp von Nukleartests wird früher oder später kommen, ein weltweites Verbot der Herstellung von waffenfähigem, spaltbarem Material liegt in der Luft.

Diese historische Chance wird sich so schnell nicht wieder bieten. Deutschland hat sich erfreulicherweise klar zur Vision einer nuklearwaffenfreien Welt bekannt. Wenn nicht jetzt - wann dann?

Contra: Gegen eine atomwaffenfreie Welt

Die Forderung nach "Global zero" klingt gut. Doch eine Welt ohne Atomwaffen wäre unsicherer, weil ein neuer konventioneller Rüstungswettlauf droht - meint Ingo Mannteufel:

Portrait von Ingo Mannteufel (Foto: DW)

Ingo Mannteufel

Atomwaffen sind die fürchterlichsten Waffen der Menschheitsgeschichte. Und sie sind auch die absurdesten Waffen: Ein Einsatz würde aufgrund der globalen ökologischen Folgen fast jeden treffen. Es wäre daher besser gewesen, diese Waffen erst gar nicht zu entwickeln. In jedem Fall ist zu hoffen, dass sie niemals eingesetzt werden.

Der Ruf nach "Global zero" macht sich daher in jeder Sonntagsrede gut. Doch eine "atomwaffenfreie Welt" ist nicht erstrebenswert. Denn es stiege nicht nur die Wahrscheinlichkeit großer Kriege zwischen den Großmächten. Vielmehr würde ein gigantischer Rüstungswettlauf beginnen.

Denn in einer Welt mit Atomwaffen ist relativ klar, dass ein Konflikt zwischen Atommächten vermieden werden sollte. Die gegenseitige Abschreckung der totalen Vernichtung zwingt jeden Politiker einer Atommacht mit einem Ansatz an Verstand, einen Konflikt mit einer anderen Atommacht zu vermeiden. Es ist paradox, aber die Existenz von Atomwaffen hat zur Folge, dass zwischenstaatliche Konflikte zwischen den führenden Mächten nicht militärisch ausgetragen werden. Stattdessen werden sie "eingefroren", wie im "Kalten Krieg" zwischen den USA und der Sowjetunion.

In einer atomwaffenfreien Welt wären dagegen plötzlich wieder Kriege auch zwischen Staaten wie den USA, Russland, China und Indien denkbar, weil das Konzept der atomaren Abschreckung nicht mehr funktionieren würde. Schlimmer noch: Das Sicherheitsdilemma würde die Großmächte in einer atomwaffenfreien Welt zu einem neuen Rüstungswettlauf zwingen. Jeder würde, aus Misstrauen vor dem anderen, seine konventionelle Rüstung stärken. Erst recht, falls der Verdacht aufkäme, ein Staat besitze dennoch Atomwaffen. Die einzigen Profiteure einer atomwaffenfreien Welt wären also die Hersteller konventioneller Waffen. Eine Welt ohne Atomwaffen wäre unsicherer als jetzt.

Die Zahl der Atomwaffen sollte reduziert werden, ohne das Potenzial der atomaren Abschreckung völlig zu verlieren. So traurig es ist: Die absurden Atomwaffen sichern den Frieden. Die Menschheit muss lernen, mit der Atombombe zu leben.

Autoren: Daniel Scheschkewitz, Ingo Mannteufel
Redaktion: Markian Ostaptschuk / Nicole Scherschun

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