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Wissen & Umwelt

Mehr Salz und Paraffin in der Ostsee

Der Zustand der Ostsee ist besorgniserregend. Industrie und Landwirtschaft beeinträchtigen durch Schadstoff- und Nährstoffeinträge das Ökosystem. Doch ein Wetterphänomen könnte für eine Erholung des Binnenmeeres sorgen.

Am 12. Dezember bekam Günther Nausch erste Signale. Die Messboje im Arkonabecken zeigte den Einstrom ungewöhnlich salzhaltiger Wassermassen an. Das Frühwarnsystem überwacht den Wasseraustausch zwischen Nord- und Ostsee und misst den Temperatur- und Salzgehalt in zwei und 43 Metern Wassertiefe. Die Daten schickt das Gerät per Satellit an das Leibniz-Institut für Ostseeforschung (IOW). Nur wenig später hatten Nausch und seine Kollegen Gewissheit: Es war zum größten Salzwassereinbruch seit 60 Jahren gekommen und zum drittgrößten seit Beginn der Aufzeichnungen 1880.

Ostsee-Phänomen Salzwassereinbruch

"Voraussetzungen war die drei Wochen anhaltende Ostwind-Periode im Herbst. Dadurch wurde erst Wasser aus der Ostsee hinausgetragen. Der Wasserstand sank um bis zu 60 Zentimeter deutlich unter den Normalpegel ab“, erklärt Günther Nausch, promovierter Meereschemiker am IOW: "Seit dem 5. Dezember drehte der Wind bei Sturmstärken und über einen längeren Zeitraum auf West, Nordwest und transportierte dabei sehr salzhaltiges und sauerstoffreiches Wasser aus der Nordsee über die schmale Verbindung in die Ostsee."

Dr. Günther Nausch (Foto: Leibniz-Institut für Ostseeforschung).

Günther Nausch nimmt eine Wasserprobe

Aufgrund der hohen Dichte und des Gewichts setzte sich salzhaltiges Wasser in tieferen Gewässerbereichen ab, in denen mitunter kein Sauerstoff vorhanden ist. Dieser Einstrom ist die einzige Möglichkeit, die Tiefen der Ostsee mit Sauerstoff zu belüften. Eine gute Nachricht für Günther Nausch, denn er hegt die Hoffnung, dass sich in den sogenannten "toten Zonen" wieder Lebewesen ausbreiten. "Die Sauerstoffanreicherung verbessert auch die Aufwuchsbedingungen für Fischpopulationen wie den Dorsch", freut sich Günther Nausch. "Der Dorsch hält sich in mittleren Wasserschichten auf, die einen gewissen Salzgehalt haben müssen. Wird der unterschritten, kann er dort nicht mehr leben."

Haie und Tintenfische, Seeanemonen und Kaltwasserkorallen benötigen Gewässer mit höherem Salzanteil und sind daher in der Ostsee nicht zu beobachten.

Der hohe Süßwassergehalt der Ostsee

In die Ostsee fließt viel Süßwasser, da mehr Regen fällt als Wasser über dem Land verdunstet. Auch zahlreiche Flüsse, die in dem weltgrößten Brackwassermeer münden, bedingen den charakteristisch niedrigen Salzgehalt von 0,3 bis 1,8 Prozent. Nordseewasser ist mit 3,5 Prozent Anteil deutlich salzhaltiger. Aufgrund des Gefälles der Ostsee nimmt der Salzgehalt sogar von Westen nach Osten deutlich ab.

Einsatz von Wasserschöpfern und CTD-Sonde auf dem Forschungsschiff Meteor. Eigner ist das BMBF, Heimathafen ist Hamburg

Wasserschöpfer auf dem Forschungsschiff Meteor

Paraffin als größter Verschmutzer

Bei der Vorstellung des Jahresberichts zum Zustand von Nord- und Ostsee sagte Monika Breuch-Moritz, Präsidentin des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), Paraffin habe Öl als größten Verschmutzer der Küsten an Ost- und Nordsee abgelöst. Fast zwei Drittel der Verschmutzungen verursachten Paraffin, das die Industrie zur Imprägnierung von Papier, Textilien, Holz und auch in der Pharmazie und Kosmetika verwendet wird. Da es noch erlaubt ist, Paraffin-Tanks auf hoher See auszukippen, landet die wachsartige Masse oft an Stränden, wo sie das Gefieder von Vögeln verkleben kann.

Erwärmung der Nordsee

Die Bundesbehörde registrierte auch die höchste gemessene Temperatur der Nordsee seit 1969. Mit 11,4 Grad war das Gewässer im Durchschnitt 1,5 Grad wärmer als im langfristigen Mittel. Der Temperaturanstieg hat negative Auswirkungen auf den Sauerstoffgehalt.

Dorsch (Foto: by-nc-sa/Joachim S. Müller).

Kommen mehr Dorsche zurück in die Ostsee?

Günther Nausch wird sich mit den Folgen des Salzeinbruchs auf die sauerstoffarmen Zonen in der Ostsee beschäftigen. Der Salzwassereinbruch sei so intensiv gewesen, dass der Effekt bis zu drei Jahren anhalten kann, hofft Nausch. Insgesamt gelangten vier Gigatonnen Salz in die Ostsee. Wie sich diese Wassermassen weiter verbreiten und welchen Effekt sie haben werden, untersuchen die IOW-Forscher in den kommenden Monaten.

Über die Trägheit des Systems haben die Wissenschaftler längst Gewissheit: Rund 30 Jahre dauert es, bis das Süßwasser, das über Flüsse in das Meer gelangte, die Ostsee in Richtung Nordsee verlässt.

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