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Europa

Mehr Religion an türkischen Schulen

Der Nationale Bildungsrat der Türkei empfiehlt eine Bildungsreform: Unter anderem soll es für Erstklässler islamischen Religionsunterricht geben. Nicht nur die Eltern von Schulkindern streiten über die Pläne.

Wenn Ayten etwas Zeit findet, liest sie ihren vier Kindern religiöse Kurzgeschichten oder Suren aus dem Koran vor. Die 35-jährige gläubige Muslima, die ihren echten Namen nicht nennen möchte, nimmt die religiöse Erziehung ihrer Kinder sehr ernst. Doch sie steht als berufstätige Mutter unter Zeitdruck. "Der Job und die Kinder - das macht mir schwer zu schaffen“, sagt sie im DW-Gespräch.

Über die jüngsten Reformpläne des Nationalen Bildungsrats der Türkei freut sie sich: Dazu gehört ein verpflichtender Religionsunterricht im sunnitischen Islam schon ab der ersten Klasse, statt wie bisher ab dem vierten Schuljahr. Zudem soll der Religionsunterricht von einer auf zwei Stunden pro Woche ausgeweitet werden.

Eingang einer Imam-Hatip-Schule in Kirklareli, Türkei (Foto: Wikipedia)

Der Bildungsrat will Osmanisch als Pflichtfach an religiösen Imam-Hatip-Schulen einführen

Zu den umstrittenen Empfehlungen des Nationalen Bildungsrats gehört auch eine "Werteerziehung" im Kindergarten: Hier sollen Kinder zwischen drei und sechs Jahren unter anderem allgemeine Informationen über den Koran bekommen und den Unterricht mit dem arabischen Wort "Bismillah" ("Im Namen Gottes") beginnen. Außerdem sehen die Reformpläne vor, dass an den religiösen Imam-Hatip-Schulen die osmanische Sprache als Pflichtfach unterrichtet wird. An anderen Schulen soll Osmanisch - die Vorgängersprache des modernen Türkisch, mit arabischen Schriftzeichen - als Wahlfach eingeführt werden.

Gespaltene Stimmung in der Bevölkerung

"Unter den heutigen Umständen finde ich es sogar sehr gut, dass die Kinder schon früh mit dem sunnitischen Islam vertraut gemacht werden. Dadurch kann man sie vor fanatischen und falschen Strömungen der Islamisten schützen", meint die vierfache Mutter Ayten. "Die Türkei grenzt ja schließlich an muslimische Krisenländer und die Grenzen sind offen. Die türkische staatliche Religionsbehörde 'Diyanet' sollte den Unterricht überwachen." Die Werteerziehung im Kindergarten finde sie ebenfalls notwendig. "Denn heute ist alles so hektisch und viele Familien haben kaum noch Zeit, ihren Kindern bestimmte Werte beizubringen", sagt Ayten. Auch Osmanisch als Wahlfach hält sie für eine gute Idee: "Es wird ja für die allgemeinbildenden Schulen nicht zum Pflichtfach, aber wenn man sich für die türkische und osmanische Geschichte interessiert, dann hat man zumindest diese Option."

Das sieht Özlem Özden, die Mutter eines Drittklässlers, ganz anders. "Staat und Religion sollen getrennt sein. Der Staat darf sich doch nicht so stark in die religiöse Erziehung der Kinder einmischen." Sie habe selbst noch nicht richtig mit der religiösen Erziehung ihres Kindes angefangen: "Mein Sohn kann einige Suren aus dem Koran auswendig, aber für eine richtige religiöse Erziehung ist es aus meiner Sicht noch zu früh." Mit dem Religionsunterricht sollte erst begonnen werden, wenn die Kinder 15 oder 16 Jahre alt sind, meint Özlem Özden. "In dem Alter können sie selbst entscheiden, ob sie einen tieferen Einblick in die Religion haben wollen oder nicht. Lieber sollte eine zweite Fremdsprache eingeführt werden, statt den Religionsunterricht zu intensivieren und Osmanisch zu lehren", kritisiert die Mutter.

"Soziale Umgestaltung der türkischen Jugend"

Zur geplanten Bildungsreform gehört auch die Abschaffung des Unterrichts zum Umgang mit alkoholischen Getränken an Berufsschulen für Tourismus und Hotelwesen. Der Gastronomiesektor in der Türkei werde diese Änderung aber nicht zu spüren bekommen, meint Pelin Cakar, Managerin des Istanbuler Luxuslokals Lucca. "Wenn die Schulen diese Ausbildung im Servieren und Zubereiten von alkoholischen Getränken nicht mehr anbieten, dann müssen wir das den jungen Menschen selbst beibringen."

Cengiz Aktar, Politologe aus Istanbul (Foto: DW)

Politologe Aktar warnt vor einer Indoktrination der Jugend

Doch es gehe um viel mehr als Alkohol: Die Regierung wolle die türkische Jugend "sozial umgestalten", sagt der Politikwissenschaftler und Kolumnist Cengiz Aktar, der unter anderem am Istanbul Policy Center (IPC) arbeitet. Sein größter Kritikpunkt ist die geplante Intensivierung des Religionsunterrichts: "Es wird keine Theologie gelehrt, sondern es ist eine ganz gezielte Ausbildung im sunnitischen Islam, eine Indoktrination", so Aktar im DW-Gespräch. Man müsse bedenken, dass in der Türkei nicht nur Muslime lebten - und dass auch unter den Muslimen nicht alle ihre Religion praktizierten. "Die Regierung will ihre religiöse Doktrin und ihre Dogmen in die Köpfe der Jugend einpflanzen", befürchtet der Politikwissenschaftler.

Auch die türkische Opposition kritisiert die Pläne des Bildungsrates stark. Dadurch werde die türkische Gesellschaft rückschrittlich, so Kemal Kilicdaroglu, Vorsitzender der größten türkischen Oppositionspartei CHP. "Die Entscheidungen des Rates zielen darauf, Kinder großzuziehen, die die Welt nicht in Frage stellen", wird Kilicdaroglu von der türkischen Zeitung "Hürriyet" zitiert.

Die Vorschläge des Bildungsrates gehen als Empfehlung an das türkische Bildungsministerium. Ob sie dann auch umgesetzt werden, hängt von der Entscheidung des Ministeriums ab. Kilicdaroglu hofft, dass sie vielleicht abgelehnt werden. Doch das scheint unwahrscheinlich. "Die Entscheidungen des Bildungsrates betreffen Projekte, an denen wir ohnehin schon arbeiten", erklärte Bildungsminister Nabi Avci.

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