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Deutschland

Mehr Migranten als deutsche Diplomaten

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier möchte, dass auch der diplomatische Dienst die Vielfalt Deutschlands als Einwanderungsland spiegelt. Kulturelle und regionale Kompetenzen von Migranten sind gefragt.

Es geht doch! Serap Ocak, die Legationsrätin Erster Klasse im Auswärtigen Amt, sagt zwar, dass sie in ihren Job als Diplomatin irgendwie "hineingestolpert" sei, aber danach "war der Migrationshintergrund nie ein Problem". Neben Ocak sitzt Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) auf dem Podium eines Saales im Ministerium und hört seiner Mitarbeiterin mit türkischen Eltern gerne zu. Er nickt anerkennend, als sie sagt, dass sie einen Mehrwert ins Auswärtige Amt bringe. Davon will Steinmeier gerne noch mehr. Weil es zeitgemäß sei: "Wir sind noch nicht auf dem Stand der Diversity-Diskussion wie bei den Wirtschaftsunternehmen." Deutschland sei ein Einwanderungsland und die damit verbundene Vielfalt müsste sich auch im diplomatischen Dienst zeigen. Außerdem sieht er die künftige Welt als dauerhaft von Krisen gekennzeichnet. "Dafür wollen wir die besten, intelligentesten und neugierigsten Menschen an Bord haben."

Außenminister Steinmeier Foto: Heiner Kiesel

Frank-Walter Steinmeier (2. v. r.) mit den Machern der "weltweitwir"-Aktion im Auswärtigen Amt

Es geht um kulturelle und regionale Kompetenzen. Steinmeiers Haus wirbt deswegen mit dem Slogan "weltweitwir" gezielt bei Deutschen mit ausländischen Wurzeln nach Mitarbeitern. Damit das klappt, durften interessierte junge Menschen ins Auswärtige Amt kommen und mitdiskutieren, wie es attraktiver gemacht werden könnte, sich für den diplomatischen Dienst zu bewerben. Das Ergebnis der Workshops: mehr Anstrengung bei der Transparenz des Bewerbungsverfahrens und der Aufgaben, die man als Diplomat wahrnehmen soll. Die Gespräche machten deutlich, dass das Amt insgesamt in der Bevölkerung, aber besonders auch bei den Menschen mit Migrationshintergrund, als ziemlich geschlossen und elitär wahrgenommen wird. "Eine Karriere dort ist für viele ein Traum, aber der Traum ist zu weit weg", fasst eine Referentin zusammen.

Gerechte Bewerbungsverfahren

Wenigstens bei einigen Details kann der Außenminister vermeintliche Hemmschwellen senken. Eine Teilnehmerin fragt ihn, was er denn von deutschen Diplomatinnen mit Kopftuch halte. Der SPD-Politiker gibt sich offen: "Ein Kopftuch ist kein prinzipielles Hindernis!" Überhaupt, so Steinmeier, dürfe man keine Angst davor haben, wenn in Asien ein Diplomat auftrete, der dort nicht als typisch deutsch angesehen werde.

Ahmad Miari Foto: Heiner Kiesel

Ahmad Miari kann sich eine Karriere als deutscher Diplomat gut vorstellen

Aber wenn seine Gesprächspartner darauf bestehen, dass vielleicht das gutbürgerliche deutsche Allgemeinwissen einen recht hohen Stellenwert bei der Bewerbung für den Dienst einnehme, oder der sprachliche Fokus eindeutig bei Französisch und Englisch liege und damit andere alternative Sprachkompetenzen wenig Gewicht hätten, bleibt Steinmeier hart: "Sie dürfen nicht glauben, dass wir das Niveau senken werden." Das Auswahlverfahren sei anspruchsvoll, "aber wir hoffen, dass wir nicht ungerecht sind."

Es wird an diesem Tag Aufbruchstimmung verbreitet, aber auch beständige Sorge, dass man die Zielgruppe der Deutschen mit ausländischen Wurzeln mit dem Bild des elitären diplomatischen Dienstes verschreckt. Ahmad Miari findet das übertrieben. Überhaupt fragt sich der 24-Jährige, dessen Eltern Palästinenser sind, was der Begriff "Migrationshintergrund" in den Reden soll: "Ich bin Berliner, mit Schöneberger Hintergrund." Er könnte sich sehr wohl vorstellen, Diplomat zu werden. Angst vor einem elitären Haus hat er nicht. "Ich studiere an einer internationalen Business School und habe auch schon in verschiedenen Instituten im Ausland gelernt." Ob er es sinnvoll findet, dass Steinmeier jetzt gezielt Migrantenkinder anwerben will? Miari zuckt mit den Achseln: "Das machen doch viele Unternehmen derzeit aus PR-Gründen."

Khulud Sharif-Ali (rechts) mit Freundin Foto: Heiner Kiesel

Khulud Sharif-Ali (r.) ist mit ihrer Freundin ins Auswärtige Amt gekommen: Sie würde Deutschland gerne im Ausland vertreten

Kulturelle Vielfalt kommt nicht von allein

Am Image des Auswärtigen Amtes soll jetzt gearbeitet werden, es ist viel guter Wille zu spüren. Ob das reichen wird? Die Soziologin Jahsa-Rebecca Wiles ist sich da nicht ganz sicher. Sie hat an der Informationsveranstaltung im Auswärtigen Amt teilgenommen und findet, dass die Aktion eine sehr positive Note hat. Aber: "Ich finde, dass diese großen Bereiche von Inklusion und Diversity mehr professionelle Begleitung brauchen, als das, was hier zum Ausdruck gebracht wurde." Lange eingeübte Sichtweisen ließen sich nicht einfach per Dekret auflösen, warnt die Soziologin. Die Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes müssen also an ihrem Selbstverständnis arbeiten - und das geht vielleicht nicht von alleine.

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