1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Mehr Markt in Kuba

Kuba ist eines der fruchtbarsten Länder der Karibik, weltweit bekannt für Zuckerrohr, Rum und Zigarren. Doch die Landwirtschaft erlebt seit 20 Jahren den Niedergang. Jetzt soll der Markt mehr Bedeutung bekommen.

Antonio hat Geburtstag, es ist sein 62. Der hagere Mann in Gummistiefeln und rosafarbenem Basecap ist schon seit dem frühen Morgen auf den Beinen, trägt eine Gießkanne nach der anderen vom Wasserhahn zu den Beeten seines Gartens. In den meisten wachsen hellgrüne Salatköpfe, hier und da eine Tomatenpflanze oder eine Reihe Zwiebeln. Antonios Garten liegt mitten in Mantanzas, einer kleinen Stadt im Norden Kubas. Der Stadtgarten ist begrenzt von einer Straße und grauen tristen Plattenbauten.

Es ist zehn Uhr vormittags. Antonio leert zügig die Gießkannen über den Salatköpfen aus. Auf diesem Stückchen Land habe er früher Baseball gespielt, erzählt er, mit seinem Bruder, der eigentlich nur der Nachbarsjunge war. Damit war Schluss, als sein Vater das Brachland übernommen und einen Garten daraus gemacht hat.

Stadtgarten. Foto: Stefanie Schmidt

Antonios Garten: notgedrungen bio

Der gehört dem kubanischen Staat, Antonio darf die Fläche und das Wasser kostenfrei nutzen. Die Samen für sein Gemüse zieht er selbst. Woher sollte er sie sonst auch nehmen, fragt er. Saatgut von Produzenten zu kaufen, ist dem Stadtgärtner zu teuer, ebenso wie Dünger und Pestizide. So ist sein Gemüse zu 100 Prozent unbehandelt. "Bio" aus der Not heraus. Antonios Garten ist ein "Organiponico" - einer von vielen auf der Insel.

Die grüne Revolution

Die Wiege dieser Stadtgärten liegt in der Hauptstadt Havanna. 100 km entfernt, wo die Straßen breiter, die Häuser höher und die Gärten größer sind, bis zu 10 Hektar. Sie versorgen die Hauptstädter mit Lebensmitteln wie Bohnen, Tomaten, Süßkartoffeln und die Touristen mit dem, was sie von der Karibik erwarten: Mangos oder Bananen.

Entstanden sind sie in der 'perioda especiale', den Jahren nach 1993. Der Zusammenbruch der Sowjetunion ließ auch die kubanische Landwirtschaft einbrechen: Aus dem 'Bruderland' kamen keine Maschinen, kein Dünger, kein Benzin mehr. Die hochintensive Landwirtschaft brachte nur noch die Hälfte ein, riesige Felder wurden kaum noch genutzt. Dafür aber jeder kleinste Fleck in den Städten: urbane Landwirtschaft als Reaktion auf eine Mangelsituation.

Tabakanbau. Foto: Grit Hoffmann

Tabakfelder bei Vinales

Was heute in den Metropolen des Westens als 'urban gardening' hip und angesagt ist, ist in Kuba seit langem pure Notwendigkeit: Die Selbstversorgung der Menschen mit Obst und Gemüse. Denn immer noch ist die Landwirtschaft nicht in Schwung gekommen. Trotz des günstigen Klimas ist sie eine der unproduktivsten in der Region. Überall Brachland. Den bäuerlichen Kooperativen fehlen Düngemittel, Saatgut, Maschinen. Das Land muss 70 Prozent seiner Lebensmittel importieren.

Nur von einem gibt es genügend im Land: Tabak. Fährt man von Havanna gen Südwesten, wird es wird grüner und hügeliger. Die Region ist besonders fruchtbar. Der kleine Ort Vinales ist umsäumt von Feldern, aus denen Bergkuppen herausragen und auf denen schnurgerade aufgereiht die Tabakpflanzen stehen.

Tabak aus Vinales

Auf einem der Felder steht 'El Mulo'. Das 'Maultier' ist von großer und kräftiger Statur, hat einen Schnauzbart, Gummistiefel und einen hellen Schlapphut. Benito Camejo ist der größte Tabakbauer von Vinales. Er schaut zufrieden auf die großen, festen Blätter auf den Feldern.

Tabakbauer. Foto: Grit Hoffmann

Tabakbauer Benito Camejo

2014 wird ein gutes Jahr werden, sagt er. Im April kann er ernten: 50.000 Pflanzen, etwa 3000 Kilogramm Tabakblätter. Zehn Prozent behält er für sich, 90 Prozent muss er dem Staat verkaufen. Zum fixen Preis von 1700 Pesos für 50 Kilogramm, etwas mehr als 50 Euro. Warum er sich dennoch Mühe mache, besonders guten Tabak zu produzieren? Für hohe Qualität, sagt er, gebe es hohe Aufschläge.

Tabak ist neben Rum einer der Exportschlager Kubas. Er wird in staatlichen Fabriken zu Zigarren verarbeitet. Getrocknet, gepresst, gerollt - und dann ins Ausland verschifft. Zunehmend geht er nach China, der Großteil aber immer noch nach Europa. Das bringt dem Staat Devisen und Benito den Besuch von Touristen, die sich Zigarrenproduktion und Tabakanbau in Kuba einmal selbst ansehen wollen.

Ein weißer Kleinbus rollt auf den Hof. Zwanzig deutsche Gäste steigen aus, verschwinden in der großen Scheune. Sie betrachten die akkurat zum Trocknen aufgehängten, braunen Tabakblätter und staunen, wie flink Benito aus ihnen eine Zigarre rollt. Einige rauchen noch in der Scheune Probe.

Tabakanbau. Foto: Grit Hoffmann

Tabak ist für Kuba ein wichtiger Devisenbringer

Später werden die Gäste von Benitos Frau einen Kaffee serviert bekommen und einen CUC Trinkgeld auf den kleinen Teller legen. Das sind für den Bauern wichtige Einnahmen - in der 'richtigen' Währung, dem konvertiblen Peso, dem CUC. Unverzichtbar für Benito und die Bauern. Denn ihren Lohn bekommen sie in kubanischen Pesos CUP ausgezahlt, Ersatzteile für ihre Maschinen kommen aber aus dem Ausland und müssen in CUC bezahlt werden.

Reformen braucht das Land

Ein Land, zwei parallele Währungen - dieses Prinzip soll bald abgeschafft werden. Raul Castro, der Bruder des Commandante Fidel Castro, will Kuba einer 'actualización' unterziehen, einer Aktualisierung. Zu ihr gehören auch Reformen im Landwirtschaftssektor: Zwei Millionen Hektar Brachland sollen wieder bewirtschaftet werden.

Das Land soll unabhängiger von den Lebensmittelimporten werden, die jedes Jahr 1,7 Milliarden US-Dollar verschlingen. Statt riesiger Staatsbetriebe dürfen sich die Bauern in kleineren Kooperativen zusammenschließen. Sie sollen ihre Produkte künftig selbst verkaufen können, zum Beispiel direkt an Hotels. Noch aber können viele Bauern dieses Potential nicht ausschöpfen, weil ihnen Kenntnisse fehlen, wie sie ihre Betriebe verwalten und Märkte besser analysieren können.

Stadtgärtner. Foto: Stefanie Schmidt

Antonio ist im Hauptberuf Nachtwächter

Antonio muss sich um den Absatz seiner Salatköpfe nicht sorgen. Der Stadtgärtner in Mantanzas wird seine gesamte Ernte schnell verkaufen, fünf Beete in drei Tagen. Ein Salatkopf kostet einen Peso, umgerechnet drei Eurocents. Er verkauft sein Gemüse direkt an die Bewohner seines Viertels.

Eine Bewässerungsanlage würde die tägliche Arbeit leichter machen, sagt er. Doch die ist viel zu teuer. Auch sie käme aus dem Ausland und müsste in CUC bezahlt werden. Antonio aber hat keinen Zugang zu der begehrten Zweitwährung, seine Salatköpfe sind keine exotischen Zigarren, die Touristen und Trinkgelder anlocken. Der Garten bringt ihm einen Zuverdienst. Von seiner eigentlichen Arbeit kann er schwer leben. Die beginnt jetzt am Nachmittag: Er ist Nachtwächter in einem Pflegeheim.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema