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Deutschland

Mehr Männer gesucht

Männer werden als Kind schon auf Mann geeicht, singt Herbert Grönemeyer in seinem Hit "Männer". Aber stimmt das auch? Schließlich wird oft beklagt, dass zu wenig Männer in den Bereichen Bildung und Erziehung arbeiten.

Kinder und Erzieherinnen singen in einem Kindergarten in Crostwitz ein Ständchen (Foto: DW)

Deutsche Kindergärten: Viele Erzieherinnen, wenig Erzieher

Grundschule und Kindergarten - das sind Frauendomänen. Die aktuelle Jungenförderung will allerdings mehr Männer in sogenannte Frauenberufe bringen, denn der Männermangel dort wirkt sich aus: als Vorbildmangel für die Jungen. Um dem zu begegnen, wurde das Projekt "Neue Wege für Jungs" gestartet. Es soll Jungen zwischen elf und sechzehn Jahren durch Praktika und Schnuppertage an soziale und pflegerische Berufe heranführen. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds.

Neue Wege: Für Männer oft schwer zu gehen

Eine Geschäftsfrau mit Baby auf dem Arm und einer Tasse Kaffee in der Hand (Foto: dpa)

Kind und Karriere: 80 Prozent der Mädchen glauben, das geht

Der Soziologe Miguel Diaz begleitet das Projekt als Fachreferent. Er behauptet, Männer seien in der Berufswahl zu unflexibel: "Ich will vielleicht mal salopp formulieren: Frauen können ihren Mann stehen, aber Männer nicht ihre Frau. Das bedeutet, dass es für Männer schwieriger ist, Geschlechtergrenzen zu überschreiten." Viele Jungen würden noch in traditionellen Rollen denken und sich als Alleinernährer ihrer zukünftigen Familie sehen, sagt Diaz. Die Mädchen dagegen haben laut der letzten Shell-Jugendstudie zu 80 Prozent die alte Rollenverteilung abgelegt.

Es muss sich jedoch noch zeigen, ob Jungen durch solche Projekte tatsächlich neue Wege einschlagen. Eine repräsentative Umfrage unter 4000 Jungen, die bei "Neue Wege für Jungs" mitgemacht haben, zeigt, dass sie grundsätzlich offen sind für eine 'Jungen-untypische' Berufsplanung: Jeder dritte Befragte konnte sich vorstellen, später in helfenden und pflegenden Berufen zu arbeiten.

Jugendtherapeut: Schule ist was für Mädchen

Porträt de Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (Foto: AP)

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder: Getrenntes Lernen erwägen

Dabei gibt es auch Kritiker der neuen Jungenförderung. Der Jugendtherapeut Wolfgang Bergmann sagt: "Ich warne davor, es zu übertreiben. Wir haben in der Pädagogik so einen Hang, immer alles perfekt zu machen." Jungenförderung besteht für Bergmann nicht in der männlichen Vorbildsuche. Den entscheidenden Nachteil sieht er im Schulsystem. Das sei auf die Mädchen zugeschnitten, die weniger Schwierigkeiten hätten mit Disziplin und Anpassung. Der Kinderspychologe plädiert deshalb für getrennten Unterricht: "Es gibt Phasen im Kinderleben, da ist getrenntes Lernen für beide Seiten besser", behauptet er. In einem Interview der Wochenzeitung "Die Zeit" hat auch Bundesfamilienministerin Kristina Schröder bei Thema Jungenförderung laut über getrennten Unterricht nachgedacht. Sie will zunächst aber wissenschaftliche Belege zum Thema abwarten.

Große Verantwortung für wenig Geld

Mit einem Transparent stehen streikende Erzieherinnen im Mai 2009 in Halle (Saale) vor einer Kita (Foto: dpa)

Erzieherinnen streikten im vergangenen Jahr für mehr Lohn


Die wesentliche Talente und Fähigkeiten eines Kindes werden in den ersten fünf bis sechs Lebensjahren angelegt, sagen Experten.Das zeigt die hohe Verantwortung, die auf das Personal von Kindertageseinrichtungen übertragen wird. Trotzdem werden Erzieherinnen (und Erzieher) eher schlecht bezahlt. Rund 1200 Euro Netto verdienen sie bei Berufsantritt. Nur bei Leitern einer Einrichtung kommt ein Gehaltssprung dazu.

Dass vor allem in Kitas nur wenige Männer arbeiten, liegt sicherlich nicht nur am geringen Gehalt. Für Miguel Diaz sind diese Arbeitsfelder in Deutschland geschlechtspezifisch kodiert. "Es gibt Berufe wie Primarschullehrer, der in anderen Ländern, wie in Spanien, 40 Prozent Männeranteil hat. Da stecken andere Geschlechter- und Berufskonzepte dahinter", behauptet er. In Deutschland stagniert die Zahl der Grundschullehrer bei 10 Prozent. Mehr Männer in den Kitas und Schulen würden demonstrieren, dass die Kinder- und Jugendbildung nicht nur eine Aufgabe der Frauen ist. Und warum sollen männliche Vorbilder nicht auch den Mädchen nützen?

Autorin: Stefanie Zießnitz
Redaktion: Hartmut Lüning

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