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Kultur

Mehr Lebensqualität in Amsterdams "Problemviertel"

Der überwiegend von türkischen und marokkanischen Einwanderern bewohnte Amsterdamer Stadtteil Slotervaart ist im Umbruch - dank couragierter Sozial- und Bildungsprogramme und der Sanierung ganzer Straßenzüge.

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Ahmed Marcouch, Bezirksbürgermeister von Amsterdam-Slotervaart, weiß wo der Schuh drückt

Das West-Amsterdamer Stadtviertel Slotervaart ist für viele Niederländer nicht gerade ein Musterbeispiel für wirtschaftlichen Aufschwung, Wohlstand und gelebte Toleranz. Slotervaart steht vielmehr als Synonym für "sozialen Brennpunkt", "muslimisches Problemviertel" oder "Migrantenghetto", von dem viele Niederländer lieber nicht soviel wissen wollen.

Ende einer multikulturellen Illusion

Amsterdam - Slotervaart

Wohnblock im Amsterdamer Problembezirk Slotervaart

Hier reihen sich kilometerweit gesichtslose Wohnblocks aus den 1960er Jahren aneinander, der Putz bröckelt von den tristen Hochhausfassaden herunter, auf denen zahllose Satellitenschüsseln angebracht sind.

Das Gros der Einheimischen hat sich bereits vor Jahrzehnten aus dem Stadtviertel verabschiedet und mit ihnen die Illusion von einem "Harmonieus Samenleven", von einem oberflächlichen, harmonischen Zusammenleben der Kulturen.

"Acht-bis-Acht-Uhr"-Aktionsprogramm

Alltag in Slotervaart: Bereits am frühen Vormittag finden sich auf dem zentralen Platz des Stadtteils, dem Allebéplein, viele junge marokkanische und türkische Jugendliche zusammen. Dass sie regelmäßig die Schule schwänzen, ist bereits seit Jahren der Normalfall.

Doch dieser Entwicklung will die Gemeinde nun Einhalt gebieten. Zum Beispiel mit Hilfe des so genannten "Acht-bis-Acht-Uhr"-Programms, von dem man sich eine bessere Kontrolle und Betreuung der Einwandererkinder verspricht.

Sozialarbeiter in Amsterdam - Slotervaart

Sozialarbeiter Said in Amsterdam - Slotervaart

Der Marokkaner Said ist Sozialarbeiter im Kiez. Regelmäßig fährt er am frühen Morgen im Team mit seinen zehn anderen Kollegen auf dem Hollandrad zu den Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken. "Wir haben mit der Schule vereinbart, dass sie sich bei uns melden, wenn ein Kind nicht in der Klasse erschienen ist. Dann fahren wir zu der betreffenden Familie und fragen dort nach", berichtet der 40-jährige Sozialarbeiter.

Manchmal stellen er und seine Kollegen fest, dass einige Familien nicht einen einzigen Wecker im Haus haben. Da viele Eltern keine Jobs haben, kommt es vor, dass sie länger schlafen und niemand die Kinder weckt, um sie zur Schule zu bringen.

Gewaltprävention

Durch zusätzliche Nachhilfestunden, Lern- und Freizeitangebote sollen die Kinder nach der Schule weitergebildet werden - im Idealfall bis acht Uhr abends. Damit will man verhindern, dass sie bereits im frühen Alter auf die "schiefe Bahn" kommen, kriminell werden, erzählt Said.

Weitere Infos zu den Niederlanden

Mit einem zusätzlichen "Tutoren-Programm“ werden Jugendliche, die sich nach der Schule beruflich orientieren, ein Jahr begleitet und beschäftigt. Auch versuchen Slotervaarts Sozialarbeiter, die Leute zu erreichen, die sich auffällig abschotten und die man nur schwer erreicht.

Strategien gegen "Parallelgesellschaften"

Die Methode ist simpel: Man geht zu einem der Hochhäuser, drückt die Klingel eines Bewohners und fragt, ob man nicht einmal hineinkommen könne, um mit der Person zu sprechen. Damit will man herausbekommen, was sich hinter verschlossener Tür abspielt.

In Zusammenarbeit mit der Polizei erstellen die Sozialarbeiter Listen, auf denen verzeichnet ist, welche Familien auffällig geworden sind und wessen Kinder eventuell kriminell werden könnten.

Diese präventiven Maßnahmen gelten als zukunftsweisende Modelle, auf die sich Politiker und Sozialarbeiter des Problemviertels nicht ohne Grund verständigten: Denn lange Zeit hatte man die steigende Kriminalität in Slotervaart, die Perspektivlosigkeit der jungen Migranten und die grassierende Gewalt der Jugendgangs unterschätzt - wegschauen statt handeln.

Gewalt im Kiez

Amsterdam - Slotervaart

Metrostation Lelylaan im Amsterdamer Problembezirk Slotervaart

Schließlich kam es zur Explosion: 1998 gab es erstmals heftige Krawallen zwischen marokkanischen Jugendlichen und der Polizei auf dem Allebéplein. Es folgten weitere Ausschreitungen im Oktober 2007. Ausgelöst hatte die Unruhen ein 22-jähriger Marokkaner, der zwei Polizisten an der Metrostation Lelylaan in Slotervaart mit einem Messer attackierte und daraufhin von einem der Beamten aus Notwehr erschossen wurde.

Lange hatte der als schizophren geltende Jugendliche völlig unauffällig in Slotervaart gelebt, genau wie zuvor auch Mohammed Bouyeri, der Mörder Theo van Goghs, der in Slotervaart aufwuchs und dort zum radikalen Muslim wurde.

Muslimischer "Super-Cop" Marcouch

Künftig mit harter Hand durchzugreifen versprach Ahmed Marcouch, ein einfacher marokkanischer Polizeibeamte, der es schließlich zum Bezirksbürgermeister von Slotervaart brachte.

Marcouch

Ahmed Marcouch, Bezirksbürgermeister von Amsterdam-Slotervaart

"Meine Motivation war, die Dinge hier zu verändern", erinnert sich Marcouch. "Als Polizist wird man mit vielen kriminellen Handlungen konfrontiert, aber auch mit den enormen sozialen Problemen im Viertel, die allerdings nicht in unseren Zuständigkeitsbereich, sondern in den der Regierung fallen. Und unsere Vorgesetzten sagten uns auch immer: Unser Job ist es, Diebe zu schnappen. Aber ich wollte die Gesellschaft verändern, indem man über die Probleme mit den Einwanderern, der so genannten 'Allochtonen’, heran geht. Und die einzige Möglichkeit bestand darin, in die Politik zu gehen."

Vieles hat sich inzwischen zum Besseren verändert, seitdem "Super-Cop“ Marcouch eine "Null-Toleranz"-Politik gegenüber kriminellen Jugendlichen predigt, zahlreiche Sozial- und Bildungsprogramme für die junge Generation aufgelegt hat und die Sanierung der tristen Trabantenstadt vorantreibt. Bisher mit beachtlichem Erfolg: Nicht zuletzt auch deshalb, weil dem gläubigen Muslim Marcouch von vielen türkischen und marokkanischen Jugendlichen mehr Vertrauen oder zumindest Respekt gezollt, wird als seinem holländischen Amtsvorgänger.

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