1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Mehr Kultur war nie!

Die Kulturhauptstadt Essen hat sich selbst übertroffen und ein Feuerwerk von Musik, Tanz und Theater hervorgebracht. Viele Filmjubiläen krönten das Jahr und die Protestkultur in Deutschland erreichte eine neue Blüte.

Feuerwerk an der Zeche Zollverein zum Kulturhauptstadtjahr Foto: AP Photo/Frank Augstein

In Sachen Kultur war das Jahr 2010 etwas ganz Besonderes. Essen und das Ruhrgebiet waren gemeinsam mit Istanbul und der ungarischen Stadt Pécs Europäische Kulturhauptstadt. Das Ruhrgebiet übertraf sich selbst und stellte unter dem Titel "Ruhr2010" - trotz Finanzkrise und trotz knapper Kulturetats - ein Maximalprogramm auf die Beine. Und der größte Erfolg, so Fritz Pleitgen, Geschäftsführer der Ruhr 2010: “Die Menschen haben die Kulturhauptstadt zu ihrer Sache gemacht und so viel Lust auf Kultur gezeigt, wie wir das vor einem Jahr nicht erwarten konnten.“

Komponist Hans Werner Henze Foto: Rainer Jensen/dpa

Hans Werner Henze

Die Zahlen sprechen für sich: Mehr als 10 Millionen Besucher hat Ruhr2010 angelockt. Ein Jahr mit einer Flut von 5500 Veranstaltungen in größtmöglicher Vielfalt: Theater, Musik, Kunstausstellungen und vieles mehr, präsentiert in 53 Städten.

Hans Werner Henze wurde die wohl umfangreichste Werkschau gewidmet, die bislang für einen lebenden Musiker gestaltet worden ist. Henze, 1926 in Gütersloh geboren, ist einer der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart. Mehr als 200 Konzerte, Opernvorstellungen und Ballettaufführungen gab es ihm zu Ehren.

Multikulti war Programm

Tanzcafé im MELEZ-Zug / Foto: WAZ FotoPool/Christoph Wojtyczka*

Tanzcafé im MELEZ-Zug

Aber das Kulturhauptstadtjahr bot weit mehr als nur klassische Kunst. Beim Projekt MELEZ ging es um "die Kunst des Zusammenlebens". "Integration" war eines der großen Themen von Ruhr2010. Konkret war MELEZ ein Zug, der durch Deutschland tourte. Die Waggons hatte man umgebaut und bunt bemalt, sie wurden abwechselnd zum Atelier, zum Tonstudio oder zur Ausstellungshalle, je nach Kunstaktion. Der Zug und die Bahnhöfe verwandelten sich in Bühnen, Konzertsäle und Partyräume. Für die künstlerische Direktorin der Ruhr2010 Asli Sevindim, eine Riesenshow und Testfall zugleich: "Im Grunde versuchen wir mit künstlerischen Mitteln, mit Theater, Tanz und Graffiti, aber auch mit Volkstänzen und Filmen der Frage nachzugehen, wie Menschen gut zusammenleben können? Menschen, die kulturell und religiös völlig unterschiedlich sind."

Lebendiges Stilleben

Autobahn-Fest auf der A 40 Stilleben Foto: DW

Gemütliche Autobahn

Wie man Menschen erreichen und verbinden kann, zeigte sich nirgends besser als beim Projekt "Stilleben" – die wohl spektakulärste Aktion des Kulturstadtjahres und eines der größten Straßenfeste der Welt. Dafür wurde die Autobahn A 40, die Hauptverkehrsader der Metropole Ruhr zwischen Duisburg und Dortmund, auf 60 Kilometern Länge einen ganzen Sonntag lang gesperrt. Drei Millionen Menschen kamen, ein Drittel davon Fahrradfahrer, und alle haben auf dem sogenannten Ruhrschnellweg gefeiert. Jeder, der sich um einen der 20.000 Tische beworben hatte, musste ihn unter ein Motto stellen, ob Kabarett, türkischer Tanz oder Kaffeeklatsch. Alltagskultur in allen Facetten.

Tragischer Ausgang

Blumen und Kerzen stehen am Sonntag, 25. Juli 2010, in Duisburg an der Stelle, wo am Samstag, 24. Juli 2010, bei der Loveparade eine Massenpanik zum Tot von 21 Teilnehmern führte. Foto: apn Photo/Hermann J. Knippertz

Trauer nach der Loveparade

Dem großen Sommerfest auf der Autobahn folgte ein anderes Mega-Event, das mehr als eine Million Menschen nach Duisburg zog: die Loveparade. Die Sonne schien, das freundliche Wetter zog viele Kurzentschlossene an.

Doch die größte Techno-Party der Welt endete in einer Tragödie. Die besondere Lage des Festival-Geländes wurde zum Verhängnis. Die Besucher mussten sich durch einen 20 Meter breiten Zugang drängen. Zu eng für die Massen, die man unterschätzt hatte. Als eine Panik ausbrach, kamen 21 Menschen ums Leben, 500 wurden verletzt.

Zur Trauer um die Toten kam ein wochenlanger makabrer Streit um die Verantwortung, die keiner übernehmen wollte. Weder die Veranstalter, noch der Oberbürgermeister, der das Sicherheitskonzept abgesegnet hatte, noch die Polizei. Schnell und deutlich wurde dagegen entschieden, dass es nie wieder eine Loveparade geben sollte.

Sarrazins Szenario

Thilo Sarrazin vor einem Plakat seines Buchtitels Foto: AP Photo/Gero Breloer

Umstrittene Thesen

Für eine neue Runde in der Debatte um die Integration von Zuwanderern sorgte ein Buch, das Deutschlands Zukunft in dunklen Farben malt: "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin, Bundesbankvorstand, ehemaliger Berliner Finanzsenator und SPD-Mitglied. Sarrazin behauptet, quantitativ würden sich die Deutschen selbst abwickeln, da es zuwenig Nachwuchs gebe. Außerdem würde das Intelligenz-Niveau in Deutschlands Bevölkerung sinken. Denn Migranten seien - statistisch betrachtet - dümmer als die Deutschen, würden sich aber stärker fortpflanzen. Dass Sarrazin außerdem noch die Behauptung eines jüdischen Gens aufstellt, sichert im Aufsehen und Schlagzeilen. Kritiker werfen ihm Rassismus und Sozialdarwinismus vor. Gegen Sarrazin wird ein Parteiausschlussverfahren beantragt und viele fordern, er solle aus dem Bundesbankvorstand entlassen werden. Das erledigt der umstrittene Autor dann einige Wochen später selbst und tritt von seinem Amt zurück. An seinen Thesen aber hält er fest und findet dafür auch durchaus Anhänger.

Copy and paste - Literatur

Helene Hegemann; Autorin des Buches Axolotl roadkill Foto: Mae Ost; Rechte beim Verlag Ullstein Zugeliefert von: Gabriela Schaaf

Helene Hegemann

Zuvor hatte während der Leipziger Buchmesse im März ein anderes Buch für Debatten gesorgt: "Axolotl Roadkill". Hinter dem kryptischen Titel verbirgt sich ein Blick in das ausschweifende Leben der Jugendszene. Autorin ist die 17-jährige Helene Hegemann. Sprachmächtig und lebensnah, urteilten die begeisterten Kritiker. Dann aber stellte sich der pralle literarische Erlebnisbericht als zum großen Teil geklaut heraus, und zwar von einem Blogger im Internet. In den Feuilletons wurde daraufhin das Urheberrecht in Zeiten des Internets diskutiert.

Sprache als Heimat

Die Schriftstellerin und Gewinnerin des Buchpreises 2010, Melinda Nadj Abonji in Frankfurt am Main unmittelbar nach der Bekanntgabe des Juryurteils. Foto: Fredrik von Erichsen dpa/lhe

Melinda Nadj Abonji gewinnt den Deutschen Buchpreis

Eindeutig selbst geschrieben hat ihre Bücher die ungarische Serbin Melinda Nadj Abonji, die bei ihrer Großmutter in der Schweiz aufgewachsen ist. Während der Frankfurter Buchmesse erhielt die 42-jährige den Deutschen Buchpreis für ihren autobiografischen Roman "Tauben fliegen auf". In ihrer bewegenden Geschichte einer Emigration erzählt sie von der Sehnsucht nach der Welt der Heimat. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat damit erstmals jemanden geehrt, dessen Muttersprache nicht Deutsch ist.

Kinoerfolge und TV-Dauerbrenner

Der oesterreichische Regisseur Michael Haneke freut sich über eine Lola bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises am Freitag, 23. April 2010 in Berlin. Sein Film Das Weisse Band war der grosse Gewinner des Abends. (apn Photo/Herbert Knosowski)----Austrian director Michael Haneke displays his Lola award during the award ceremony of the German Film Award in Berlin, Germany, Friday, April 23, 2010. Haneke's film Das Weisse Band, The White Ribbon, won in several categories. (apn Photo/Herbert Knosowski)

Michael Haneke

Auf der Leinwand und im Fernsehen gab es jede Menge Superlative und Jubiläen. Der deutsch-österreichische Schauspieler Christoph Waltz wurde bei der Oscar-Vergabe zum besten Nebendarsteller des Jahres gekürt. Der 54-Jährige bekam den Preis für seine Rolle als SS-Standartenführer in Quentin Tarantinos Kriegsfilm "Inglourious Basterds". Der österreichische Regisseur Michael Haneke erhielt zwar keinen Oscar, dafür aber gleich zehn Lolas beim 60. Deutschen Filmpreis für sein Schwarz-Weiß-Drama "Das weiße Band".

Menschen stehen an, um sich Tickets fuer die Berlinale zu kaufen. foto: apn Photo/Herbert Knosowski

Anstehen auf der Berlinale

Eine würdige 60 stand dieses Jahr auch vor den Berliner Filmfestspielen. Sie zeigten sich einmal mehr als internationales Kulturevent und zugleich als großer Publikumsrenner. 300.000 Eintrittskarten wurden verkauft, für die viele Cineasten in langen Schlangen vor den Verkaufsschaltern standen.

Auch im deutschen Fernsehen gab es 2010 Großes zu feiern oder zumindest lang bewährtes. Anfangs von allen Kritikern verrissen, ist sie inzwischen erfolgreiche 25 Jahre alt geworden, die Lieblingsserie der Deutschen: die "Lindenstraße". Gezeigt wird weder Luxus noch Glamour, sondern das Leben in einem fiktiven Münchener Vorstadtviertel. Gedreht übrigens in Kölner Filmstudios.

Logo der ARD-Tatort-Krimi Serie Foto: DW

Kult am Sonntagabend

Gleich 40 Jahre vollen Erfolg ohne jede Verschleißerscheinung hat Deutschlands beliebteste Sonntagabendbeschäftigung: 1970 wurde der erste Tatort ausgestrahlt mit der legendär gewordenen Titelmusik von Saxofonist Klaus Doldinger. Teams aus ganz Deutschland verleihen der Serie regionales Flair. Die Täter werden immer gefasst.

Viele Verluste in der Theaterwelt

Der Regisseur Christoph Schlingensief, AP Photo/Markus Schreiber

Christoph Schlingensief

Für Spannung in Deutschlands Theaterwelt sorgte dagegen vor allem das knappe Geld. In diesem Jahr wurden die Etatkürzungen mehr diskutiert als die Aufführungen.

Doch das Theater musste auch menschliche Verluste ertragen. Für Bestürzung und Trauer sorgte der Tod von Christoph Schlingensief.

Und in der Wagner-Stadt Bayreuth ging eine Ära zu Ende. Der jahrzehntelange Schauspielhaus-Patriarch Wolfgang Wagner starb am 21. März mit 90 Jahren. Seine beiden Töchter, die Halbschwestern Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier, hatten allerdings schon zuvor die Leitung übernommen.

Wir sind dagegen

Gegner des Projektes Stuttgart 21 demonstrieren in der Nähe des Bundeskanzleramtes in Berlin. Foto: Rainer Jensen dpa

Die Deutschen gehen wieder auf die Straße

Zu neuer Blüte brachte es im Jahr 2010 die Protestkultur. Sie wurde nicht nur reichlich ausgebaut, sondern von der Gesellschaft für Deutsche Sprache auch noch mit dem passenden "Wort des Jahres" ergänzt: "Wutbürger". Es beschreibt ein Grundgefühl, an politischen Entscheidungen nicht mehr teilzuhaben. Und deshalb gingen viele Menschen auf die Straße zum Beispiel, um gegen "Stuttgart 21" zu protestieren, ein milliardenteures Bauprojekt der Deutschen Bahn. Und auch gegen die Atommülltransporte aus Frankreich nach Norddeutschland gingen in diesem Jahr so viele Menschen wie noch nie auf die Straße.

Die deutsche Saengerin Lena Meyer-Landrut Foto: AP Photo/Kerstin Joensson

Lena Meyer-Landrut gewinnt in Oslo

Und auch das darf man nicht vergessen: einen Erfolg in der Popmusik, der im Jahr 2010 für ein großes Medienecho und ein wenig mehr Nationalstolz sorgte. Mit ihrem Song "Satellite" hatte im Mai die 19-Jährige Lena Meyer-Landrut für Deutschland den 55. Eurovision Song Contest in Oslo gewonnen. 28 Jahre nach dem Sieg von Nicole mit "Ein bisschen Frieden" der zweite Sieg Deutschlands in der Geschichte des Wettbewerbs.

Autor: Günther Birkenstock
Redaktion: Gudrun Stegen