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Wirtschaft

Mehr Jobs trotz weniger Kohle

Die Bundesregierung will weniger Kohlestrom und so den CO2-Ausstoß senken. Die Arbeiter der Kohlebranche bangen um ihre Jobs. Für den gesamten Arbeitsmarkt ist der Energieumbau nach aktuellen Studien jedoch positiv.

In Deutschland wird derzeit heftig um die geplante Reduktion der Kohleverstromung gerungen. Mit einer CO2-Abgabe für alte Kohlekraftwerke will die Bundesregierung den besonders klimaschädlichen Braunkohlestrom verteuern. Damit sollen alte Kohlekraftwerke zunehmend aus dem Markt gedrängt werden, Deutschland weniger CO2 emittieren und so die festgelegte Reduktion von Klimagasen um 40 Prozent bis 2020 erreicht werden.

Zugleich will die Regierung mit der Klimaschutzabgabe Gaskraftwerke wieder konkurrenzfähig und rentabel machen. Derzeit stehen in Deutschland und den Nachbarländern klimafreundliche Gaskraftwerke still.

Jobverlust in der Kohleindustrie

Deutschland Berlin Demonstration von Verdi und IGBCE Klimaabgabe

Protest gegen CO2-Abgabe. Kohlearbeiter bangen um Jobs.

Besorgt über die CO2-Abgabe zeigen sich Arbeitnehmer aus der Kohlebranche sowie Politiker und Gewerkschaftsvertreter aus den Regionen. "Tausende Arbeitsplätze gingen unnötig verloren", sagt Michael Vassiliadis, Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Industrie und warnt vor einem Strukturbruch in den Braunkohleregionen. Die Regierung solle stattdessen den Klimaschutz vor allem bei der Gebäudesanierung und im Verkehrssektor voranbringen, fordert Vassiliadis. Frank Bsirske, Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, warnte sogar vor dem Verlust von bis 100.000 Arbeitsplätzen.

In den Braunkohlekraftwerken und Tagebauen gibt es rund 22.000 Beschäftigte, im Steinkohlebergbau 12.000. Das Bundesumweltamt (UBA) hält auch deshalb die Zahl von 100.000 verlorenen Arbeitsplätzen in der Kohlewirtschaft für falsch: "Sie entbehrten jeder Grundlage". Nach

Berechnung des UBA

könnten durch die geplante Klimaabgabe im Extremfall 4700 Arbeitsplätze in der Kohlebranche bis 2020 verloren gehen.

Mehr Jobs durch Energiewende

Nach Angaben des statistischen Bundesamtes gibt es in der konventionellen Energiewirtschaft rund 215.000 Beschäftigte. Einen Verlust von rund 15.000 Arbeitsplätzen gab es seit 2006 vor allem durch die Schließung von unrentablen Steinkohlebergwerken. Während nun auch in der Braunkohlewirtschaft der Verlust von Arbeitsplätzen droht, entstehen im Bereich der Erneuerbaren Energien neue Jobs.

Nach Angaben des

Fortschrittsbericht zur Energiewende

des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWI) stieg die Bruttobeschäftigung im Sektor der Erneuerbaren Energien zwischen 2004 und 2013 um über 200.000 auf 371.000. "Die Erneuerbaren Energien sind inzwischen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Dies zeigen die Beschäftigungszahlen", heißt es im Bericht. In der Wind- und Solarbranche entstehen diese Jobs vor allem in der industriellen Produktion und lokalem Handwerk und bei der Biomasse in der Landwirtschaft.

Im Gegensatz zur klassischen Energiewirtschaft wird der Sektor der erneuerbaren Energie beim Bundesamt für Statistik bisher jedoch nicht erfasst. "Die Datenlage ist ein Problem, die Erneuerbaren können durch ihre Vielfalt in keinem Wirtschaftszweig oder Berufsgruppe abgebildet werden", betont Markus Janser vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) im Fachmagazin

neue energie.

Jobbilanz in der Summe positiv

Mehr Jobs durch die Energiewende gibt es nach Angaben des Fortschrittsberichts auch in der Bauwirtschaft. "Der positive Effekt ist insbesondere auf wachsende Effizienzmaßnahmen im Gebäudebereich zurückzuführen", schreiben die Autoren. Nach Angaben der Forscher gab es deshalb im Bausektor seit 2010 zwischen 32.000 und 51.000 zusätzliche Jobs.

Windkraft in Schleswig-Holstein Jess Jessen

Jess Jessen vor Umspannwerk für Windstrom. Der Landwirt managt Bürgerwindparks. In der strukturschwachen, norddeutschen Region sind die Erneuerbaren ein Jobmotor.

In einer weiteren Studie für das BMWI wurde in einem komplexen Rechenmodell die positiven und negativen Effekte für den deutschen Arbeitsmarkt zusammengerechnet und eine Gesamtbilanz erstellt. Die über 200 Seiten umfassende Studie "Beschäftigung durch Erneuerbare Energien in Deutschland: Ausbau und Betrieb – heute und morgen" ist noch unveröffentlicht, der DW liegt sie bereits vor.

Demnach entstanden durch die Energiewende in der Gesamtbilanz bisher rund 50.000 zusätzliche Jobs. Bis 2020 rechnen die Forscher im mittleren Trendszenario mit einem Plus von rund 73.000 Arbeitsplätzen. Bei einem hohen Exportanteil von erneuerbaren Technologien könnten sogar 150.000 zusätzliche Arbeitsstellen entstehen.

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Gerät jedoch der weltweite Ausbau der Erneuerbaren Energien ins Stocken, "fallen die Exportmöglichkeiten für Deutschland entsprechend gering aus und die gesamtwirtschaftlichen Effekte, insbesondere die Nettobeschäftigung, sind negativ", heißt es im Bericht. Bis 2050 rechnen die Forscher - in Abhängigkeit des Exports - mit 180.000 bis 270.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen.

Strukturwandel mit gesamtwirtschafltichem Vorteil

Nach Ansicht des Bundesumweltamtes ist ein Strukturwandel in den deutschen Braunkohlerevieren "absehbar und für den Klimaschutz unausweichlich". Umweltministerin Barbra Hendricks (SPD) fordert die Kritiker der Kohleabgabe auf, sich dem Wandel nicht entgegenzustemmen. Stattdessen "müssen wir ihn sozial gestalten", so Hendricks.

UBA und Wirtschaftministerium betonen im Zusammenhang mit der kontroversen Debatte auch die gesamtwirtschaftlichen Vorteile, die mit einer reduzierten Kohleverstromung verbunden sind: So ließen sich Umwelt- und Gesundheitskosten in Milliardenhöhe vermeiden. Nach Berechnungen des Bundesumweltamtes lagen die volkswirtschaftlichen Kosten durch die Kohleverstromung im Jahr 2014 bei über 26 Milliarden Euro.

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