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Asien

"Mehr Indien, weniger China"

Der langjährige Asien-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, Urs Schoettli, fordert eine neue Asienpolitik von Seiten der Bundesregierung. Seine These: Nicht nur China sollte im Fokus stehen, sondern auch Indien.

Flaggen Indiens und Chinas (Grafik: DW)

"Der Aufruf 'Mehr Indien, weniger China' zielt darauf, den Stellenwert Indiens in der deutschen Außenpolitik zu erhöhen", schreibt der Schweizer Journalist Urs Schoettli zu Beginn seines gerade in Buchform erschienenen gleichnamigen Aufrufes. Schoettli sieht Indien verkannt und China zu positiv behandelt. In der Volksrepublik verbergen sich viel größere politische Risiken als auf dem Subkontinent, so der Autor: "Während China wegen seiner versteinerten Staatsstrukturen mit wachsenden politischen Ungewissheiten konfrontiert ist", so Schoettli, "sind die politischen Unwägbarkeiten in Indien in den letzten Jahren kleiner geworden. In der Indischen Union ist eine Systemkrise kein Thema. Eher bewegen sich die politischen Risiken in einer ähnlichen Bandbreite wie etwa in der Bundesrepublik". Diese liege zwischen einer Mitte-Links- und einer Mitte-Rechts-Koalition.

In Indien sei ein Systemzusammenbruch anders als in China nicht zu erwarten, meint Schoettli. Dort gebe es keine tragfähige Alternative zur Demokratie. Angesprochen auf den Aufstand der Maoisten, die Premierminister Manmohan Singh selbst als größte Bedrohung des Landes bezeichnete, sieht Schoettli im Gespräch mit der Deutschen Welle diesen Aufstand nur als "Ordnungsproblem in den indischen Bundesstaaten Orissa und Westbengalen". Für den gesamtindischen Zusammenhalt seien die Maoisten "keine Herausforderung".

Wen Jiabao (l.) und Manmohan Singh am feierlich gescmückten Tisch (Foto: AP)

Zu Besuch bei Indiens Premier Singh: Chinas Regierungschef Wen (Mitte links) im Dezember 2010

Verschiedene Systeme

Schoettli, der während seiner Korrespondententätigkeit für die angesehene Neue Zürcher Zeitung (NZZ) in Neu Delhi, Hongkong, Peking und Tokio lebte und heute als Berater tätig ist, sieht weitere Vorteile Indiens im Rechtswesen und in der Zivilgesellschaft: "Es geht um grundsätzlich rechtsstaatliche Werte und Institutionen, die in China höchstwahrscheinlich ohne Beseitigung des bestehenden Systems nicht übernommen werden könnten." In der Volksrepublik seien Anwälte "eigentlich nur Berater". In Indien hingegen "besteht die Sicherheit, dass man sich als ausländischer Investor in einem Maß auf die lokale Rechtsordnung verlassen kann, wie es im Falle Chinas nicht gegeben ist."

Schoettli bestreitet nicht, dass Indien bei den Lebensbedingungen der großen Bevölkerungsmehrheit viel schlechter abschneidet als China. Ausdrücklich lobt er Deng Xiaopings Reform- und Öffnungspolitik. Doch werde beim Blick auf Chinas Erfolge nur allzu leicht die katastrophale Politik des "Großen Sprungs nach vorn" (1958-1960) und der "Großen Proletarischen Kulturrevolution" (1966-1976) übersehen. Diese seien immer noch nicht aufgearbeitet worden. Zu den damaligen Exzessen in China wäre es laut Schoettli nicht gekommen, "wenn es in der Volksrepublik Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit gegeben hätte". Damit stellt sich Schoettli gegen diejenigen, die die wirtschaftliche und soziale Modernisierung gegenüber der Errichtung von Rechtsstaat und Demokratie bevorzugen. Wegen der Pressefreiheit in Indien hält es Schoettli für unmöglich, dass es dort zu Unrecht im großen Stil oder zu einer Massenhungersnot wie in China nach dem "Großen Sprung nach vorn" kommen könnte.

Vielschichtiger Wettbewerb

Urs Schoettli (Foto: NZZ)

Urs Schoettli

Schoettli behandelt auch geostrategische Fragen. Dabei räumt er dann selbst schnell ein, dass sein Aufruf "Weniger China" vor allem rhetorisch-provokant gemeint ist. "China zugunsten von Indien zu vernachlässigen, wäre eine Kurzsschlusshandlung und könnte wohl von niemandem, der in Wirtschaft und Politik eine Führungsposition hat, verantwortet werden." Im Interview sagt er dann, "Weniger China" sei vor allem als Aufruf zur Vorsicht und zur wirtschaftlichen und politischen Diversifizierung gemeint. Geopolitisch werde Indien gegenüber China stets die zweite Geige spielen. Trotzdem sollte es ebenbürtiger behandelt werden als bisher.

Schoettli prognostiziert eine Intensivierung des indisch-chinesischen Wettbewerbs um knappe Ressourcen und Absatzmärkte in Übersee, sieht Indien nicht zu einer globalen Macht aufsteigen, sondern nur zur einzigen maritimen Großmacht neben den USA im Indischen Ozean. Umgekehrt sieht er China noch lange nicht zu einer den USA ebenbürtigen Supermacht werden.

Mangelnde Analyse

Leider geht Schoettli kaum auf die bisherige deutsche Politik gegenüber China und Indien ein. Hier fehlt jegliche Analyse deutscher Asienpolitik. Und bei seinem Blick auf Indien fehlt eine Auseinandersetzung mit dem Kastensystem, dem wohl größten Hindernis der dortigen Demokratie. Darauf angesprochen verweist Schoettli auf den indischen Bundesstaat Bihar. Der bildete wegen seiner ausgeprägten Kastenpolitik bei vielen Entwicklungsindikatoren jahrzehntelang das Schlusslicht. Doch in den vergangenen Jahren sei dort eine erfolgreiche Wende vollzogen worden.

Schoettlis Indien-Bild erscheint insgesamt zu positiv, seine China-Einschätzungen erklären manche der dortigen Erfolge nicht. Trotzdem liefert er gute Anstöße. Und zugleich scheint ihn Chinas neue innenpolitsche Repressionswelle ein Stück zu bestätigen. Die Angst der kommunistischen Führung vor einem Übergreifen des arabischen Frühlings auf China beweist, dass dort wirklich die politischen Reformen noch ausstehen. In dieser Hinsicht ist Indien tatsächlich weiter.

Autor: Axel Wagner
Redaktion: Adrienne Woltersdorf

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