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Kultur

Mehr Freiheit für türkische Frauen

In der Türkei sind die Zeiten bald vorbei, in denen der Mann allein das Sagen in der Familie hat. Kürzlich wurde ein neues Zivilrecht verabschiedet, das mit Beginn des kommenden Jahres in Kraft treten soll.

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Neues Zivilrecht räumt Frauen mehr Rechte ein

Nach den neuen Bestimmungen muss eine Ehefrau beispielsweise nicht länger ihren Mann um Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten gehen will. Der Mann darf auch nicht mehr allein bestimmen, wo das Paar wohnt oder in welche Schule die Kinder gehen sollen. Mit anderen Worten: In der Türkei werden den Frauen in Zukunft die selben Rechte eingeräumt, wie sie seit langem in Europa gelten. Nur: Wie wird es in der Praxis aussehen? Viele türkische Frauen glauben, dass sich das Gesetz nur in den Städten durchsetzen wird. Die Leute auf dem Lande werden ihm kaum Bedeutung beimessen.

Diskrepanz zwischen Stadt und Land

So ist es wohl. Die Metropole Istanbul gibt sich schon heute modern und offen: Tausende leben in wilder Ehe, Homosexuelle halten Händchen auf den Straßen, in den Bars treffen trifft man auf Transvestiten - über sie verliert das neue Gesetz übrigens kein Wort. Istanbuls Szene lebt längst wie sie will.

In türkischen Dörfern ist die Situation eine andere. Da treten die jungen Frauen häufig nur verschleiert auf die Straße. Die türkische Väter dürfen ihre 15-, manchmal sogar 14jährigen Töchter noch verheiraten. Das neue Recht räumt damit auf: Heirat erst ab 18, wenn die Kinder volljährig sind. Dann kann auch der Vater seine Töchter nicht mehr zu einer Heirat zwingen. Vielleicht der in der Praxis wichtigste Punkt. Das Gesetzbuch nennt die Frau nun nicht mehr "Weib" und den Mann nicht mehr "Oberhaupt".

Am empfindlichsten getroffen fühlen sich die Männer am Geldbeutel. Nach einer Scheidung wird künftig nicht mehr alles automatisch ihm gehören, sondern es gilt das Zugewinnprinzip: fifty - fifty für alle in der gemeinsamen Zeit erworbenen Güter, vom Haus bis zum Auto. 125 Frauenorganisationen hatten sich dafür zu einer gemeinsamen Plattform zusammengeschlossen. Sie kämpfen dafür, dass dieses Recht auch rückwirkend gilt. Wie sensibel dieser Punkt ist, zeigten die zu 95 % männlichen Abgeordneten, als sie genau darüber abstimmen sollten: Die Herren hatten sich in die Parlamentskantine verdrückt, das Hohe Haus war beschlussunfähig; der Punkt bleibt vorerst ungeklärt.