Mehr Flüchtlinge, weniger Spenden | Deutschland | DW | 22.10.2016
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Spendenbereitschaft

Mehr Flüchtlinge, weniger Spenden

Die Zahl der Flüchtlinge nimmt weltweit zu. Doch bei den Spendenaufrufen zum Jahresende, die jetzt verschickt werden, steht das Thema nicht im Vordergrund. Warum die Hilfsbereitschaft hierzulande abnimmt.

Hurrikan-Opfer statt Kriegs-Flüchtlinge. Kinder und Kleinbauern statt Binnenvertriebene. In Deutschland ebbt die finanzielle Hilfe für Flüchtlinge ab. Nach dem Höhepunkt der Hilfe Ende 2015 rechnen Experten in diesem Jahr mit einem deutlichen Rückgang von Spendeneinnahmen.

"In diesem Jahr ist die Diskussion über Flüchtlinge viel differenzierter und kontroverser als 2015, das wirkt sich negativ auf die Spendenbereitschaft aus", erklärt Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI). Will heißen: Die Einnahmen sind rückläufig.

Das DZI vergibt hierzulande das Spendensiegel an Hilfsorganisationen, die bereit sind, sich einer Prüfung ihrer Finanzen zu unterziehen, und legt einmal im Jahr eine Spendenbilanz vor. Geschäftsführer Wilke befürchtet, dass 2016 nicht nur die Einnahmen, sondern auch die Anzahl der Spender sinken werden.

Burkhard Wilke (DZI)

Die Deutschen könnten mehr spenden, meint DZI-Geschäftsführer Burkhard Wilke

Spendenbereitschaft sinkt

"Im vergangenen Jahr haben aufgrund der Flüchtlingskrise erstmals Menschen gespendet, die normalerweise gar nicht spenden, und die dürften in diesem Jahr weitgehend weggeblieben sein," so Wilke. Außerdem sei es aufgrund der schwindenden religiösen Bindung der Bevölkerung schwerer und aufwendiger geworden, für Spendenbereitschaft zu werben.

Zahlen der Organisation "Aktion Deutschland hilft" belegen den Trend. In dem bekannten Bündnis haben sich 24 Hilfsorganisationen zusammen geschlossen, um bei Katastrophen ihre Hilfe zu koordinieren. Die Einnahmen des Bündnisses sind sowohl für Flüchtlinge in Deutschland als auch für Flüchtlinge weltweit rückläufig.

So gingen auf dem Höhepunkt der Krise im vergangenen Jahr in den Monaten September bis Dezember insgesamt 15,7 Millionen Euro an Spenden für Menschen ein, die sich weltweit auf der Flucht befanden. In den ersten drei Quartalen 2016 kamen nur noch 1,6 Millionen Euro zusammen - auch wenn die Zahl der Flüchtlinge weltweit weiter steigt.

Bei der Hilfe für Flüchtlinge in Deutschland verläuft die Entwicklung bei dem Bündnis der Hilfsorganisationen ähnlich. Die Spenden schrumpften im selben Vergleichszeitraum von September 2015 bis Dezember 2015 von 3,6 Millionen Euro auf 524.000 Euro in den ersten neun Monaten 2016.

Infografik Geldspenden für Katastrophen

2010 war die Hilfsbereitschaft für Haiti nach dem Erdbeben groß. Beim Hurrikan in diesem Jahr blieb die Resonanz aus

Rekordjahr 2015

"Alle Auswertungen deuten darauf hin, dass die Einnahmen 2016 um etwa sechs Prozent einbrechen werden", sagt Andreas Lohmann, Leiter der Spendenabteilung des katholischen Hilfswerkes Misereor. Doch nach dem "exorbitant gutem Jahr 2015" sei dies eine ganz normale Schwankung.

Im Jahr 2015 kam in Deutschland nach Angaben des DZI eine Rekordsumme in Höhe von 6,7 Milliarden Euro an Spenden aus privaten Haushalten zusammen (siehe Grafik). 117 Millionen davon waren für die Flüchtlingshilfe im In- und Ausland bestimmt, 116 Millionen für die Erdbeben-Opfer in Nepal.  

Die Zahlen vom Bündnis "Aktion Deutschland hilft" beschreiben daher lediglich einen Trend. Erste Angaben zu den vermutlichen Spendeneinnahmen 2016 werden am 17. November vorliegen, wenn der Deutsche Spendenmonitor seine Umfrageergebnisse veröffentlicht. Die endgültige Spendenbilanz für 2016 erscheint im April 2017.

Infografik Spendenaufkommen in Deutschland

Rekordjahr 2015: Im Jahr der Willkommenskultur zeigten die Deutschen sich großzügig

Kleinbauern statt Kriegsopfer

Unter den Hilfsorganisationen scheint sich die aktuelle Spendenmüdigkeit für Flüchtlinge hierzulande herumgesprochen zu haben. Denn bei den Spendenaufrufen zum Jahresende, die in diesen Tagen verschickt werden, steht diesmal die Unterstützung traditioneller Projekte der Entwicklungszusammenarbeit im Vordergrund.

So wirbt die Deutsche Welthungerhilfe für die Unterstützung von Kleinbauern in Laos, Caritas International für die Resozialisierung ehemaliger Kindersoldaten im Ostkongo, und die Aktion für Deutschland sammelt Spenden für Kinder in Katastrophengebieten.

"Viele haben das Gefühl, dass langfristige Projekte mehr bewirken als kurzfristige Spenden für Flüchtlinge", meint Simone Pott, Pressesprecherin der Welthungerhilfe. Viele ältere Spender engagierten sich hierzulande ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit, unterstützten finanziell aber klassische Entwicklungsprojekte.

Im Schatten der Nothilfe

Wie viele Hilfsorganisationen setzt die Welthungerhilfe auf eine Doppelstrategie. Beim Weihnachtsmailing steht ein langfristiges Hilfsprojekt im Vordergrund, im Netz wird aktuell um Hilfe für die Bevölkerung geworben, die aus Mossul flieht, und für die Opfer des Hurrikans auf Haiti.

Afrika Mali Kleinbauern Landwirtschaft Anbau Gemüse (Imago)

Grüne Oase in Timbuktu: Im "Garten des Friedens" in Mali bauen Frauen unterschiedlicher Ethnien für ein Landwirtschaftsprojekt gemeinsam Gemüse an

Trotz der großen medialen Aufmerksamkeit für Katastrophen und Kriege fließen nach DZI-Angaben immer noch 90 Prozent aller Spenden aus Deutschland in traditionelle Hilfsprojekte. "Katastrophen wie Syrien oder Haiti sind nur ein kleiner Teil der Nothilfespenden, und diese wiederum sind nur ein kleiner Teil des gesamten Spendenaufkommens", erläutert DZI-Chef Wilke.

Nach Ansicht des Experten könnte das Spendenaufkommen in Deutschland und damit auch die Hilfe für Flüchtlinge allerdings wesentlich höher sein. Laut einer Erhebung des "World Giving Index 2015" liegt die Spendenquote hierzulande nämlich gerade einmal bei 49 Prozent. Zum Vergleich: In den Niederlanden spenden 73 Prozent der Bevölkerung.

"Es ist uns in Deutschland bisher nicht gelungen, die nicht spendende Hälfte der Bevölkerung für das Thema aufgeschlossen zu machen", räumt Wilke ein. "Das weit verbreitete Vorurteil, das Geld kommt sowieso nicht an, stimmt nicht. Das müssen wir deutlich machen."