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Afrika

Mehr Ertrag ohne Chemie?

Wenn Afrika nicht nur sich selbst, sondern auch das Ausland versorgen will, müssen Erträge erhöht und Kosten gesenkt werden. Mit Bioanbau ist das möglich.

"Schaut mal, da drüben", sagt Vincent Ssoko und deutet hinüber zu den ausladenden grünen Fächern der Bananenbäume, die sich jenseits seines Zaunes in der warmen Brise wiegen. "Ich sage meinem Nachbarn immer: Mach es doch wie ich. Grab ein großes Loch, damit die Pflanze genug Platz hat. Füll es mit Dung und achte darauf, die Setzlinge nicht zu nah aneinander zu pflanzen." Und dann kaufe der Mann von nebenan doch wieder teures Düngemittel - und fahre die schlechtere Ernte ein.

Obstbauer Vincent Ssoko in seinem Bananenhain in Uganda (Foto: DW/Ludger Schadomsky)

Vincent Ssoko in seinem Bio-Bananenhain

Vincent Ssoko, Biobauer in Busana in der Region Kayunga, drei Autostunden nordöstlich der ugandischen Hauptstadt Kampala, hat gut lachen. Gerade hat er zu seinen 29 Hektar Land noch einmal 20 dazugekauft. "Angefangen habe ich mit drei Hektar", sagt er verschmitzt. 1998 war das. Heute baut der 46-Jährige Ananas, Bananen, Kaffee, Mangos und Bohnen an - biologisch, und vor allem: mit Bio-Zertifikat. Damit kann Ssoko nach Europa exportieren. Stolz zeigt er auf die süßen Ananas, die in langen akkuraten Reihen gepflanzt sind: Mehr als die Hälfte der 700.000 Früchte im Jahr gehen nach Deutschland. 700 ugandische Schilling, umgerechnet 20 Eurocent, bekommt Ssoko für eine Frucht. Auf dem lokalen Markt erzielt er derzeit nur 150 Schilling, also vier Eurocent.

Bis zu 80 Prozent Ertragssteigerung mit Bio

Obstbauer Vincent Ssoko und DW-Reporter Ludger Schadomsky kosten Ananas (Foto: DW/Ludger Schadomsky)

Bauer Ssoko und DW-Reporter Schadomsky kosten die Bio-Ananas

Wenn Afrika den Hunger stillen will, muss eine einfache Rechnung für die 900 Millionen Bauern aufgehen: Die Erträge müssen deutlich erhöht, zugleich die Produktionskosten drastisch verringert werden. Dass es geht, hat 2010 eine umfassende Studie des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) gezeigt: Eine Erhebung unter zwölf Millionen Farmen in fast 60 Entwicklungsländern kam zu dem Schluss, dass sich der durchschnittliche Ertrag um 80 Prozent steigern ließe, wenn die Äcker nach ökologischen Grundsätzen bewirtschaftet würden. Das ostafrikanische Uganda ist dabei eine Art Testlabor.

"Sehen Sie", sagt Vincent Ssoko, "statt teure Chemie zu kaufen, verwende ich Naturdünger - den bekomme ich kostenlos von meinen Tieren. Und statt Pestiziden verwende ich Urin und Asche gegen Schädlinge". Allein für das Unkrautjäten muss der Bauer jemanden bezahlen, denn auch hier sind Herbizide natürlich tabu.

Bio für Alle

In der Hauptstadt Kampala tippt Judith Nabatanzi an diesem Morgen eifrig auf der Tastatur ihres Computers. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Cathy Kyazike leitet Judith den Bioladen "Shop Organic" - "Kauft Organisch". Der Name ist Programm: Von der Vanilleschote bis zur Bio-Karotte hält der kleine Laden Dutzende organisch produzierter Lebensmittel bereit. Das Geschäft gehört zu Nogamu, dem Dachverband der ugandischen Biobauern und ist der einzige Bioladen im 35-Millionen-Land Uganda.

Judith Nabatanzi vom Dachverband der ugandischen Bio-Bauern Nogamu bei der Schreibtischarbeit (Foto: DW/Ludger Schadomsky)

Judith Nabatanzi leitet Ugandas einzigen Bioladen

Seit sieben Uhr ist Judith im Laden, bearbeitet die Bestellungen ihrer Kunden. "Der Freitag ist der geschäftigste Tag der Woche", sagt sie. "Die meisten unserer Kunden wollen am Wochenende kochen, da müssen wir 40 oder mehr Körbe packen". In der Zwischenzeit parken vor dem Eingang des Organic Shops die ersten Farmer ihre Boda-Boda, die ugandischen Motorradtaxis. Nachdem die Farmer am Vortag ihr Angebot telefonisch an Judith und Cathy übermittelt haben, haben sie sich am kommenden Morgen aus dem Umland durch den frühen Rush-Hour-Verkehr gekämpft, um ihre Waren im Shop abzuliefern.

"Meine Farm liegt ungefähr 30 Kilometer westlich von Kampala", erzählt Ssozi Muwangwa. Zwei große Pappboxen mit festen, leuchtend roten Tomaten sind mit einem starken Spanngurt auf seinem Gepäckträger festgezurrt. Seit 2007 kommt er jede Woche einmal her. "Der Preis hier ist gut, viel besser als für konventionelle Ware". 4000 Schilling, also etwa 1,15 Euro bekommt Muwangwa hier fürs Kilo - weit mehr als auf dem Straßenmarkt. Kann er die UNEP-Studie zu den höheren Erträgen bestätigen? "Ja natürlich, die Böden sind fruchtbarer ohne Chemie. So produzieren wir mehr und über einen längeren Zeitraum. Und wir sparen uns die teuren Düngemittel". Unterm Strich erziele er 30, manchmal sogar 50 Prozent höhere Erträge.

Während Bauer Muwangwa seine Boxen auspackt, sortieren Judith und Kathy die Bestellungen in bunte Sisal-Körbe: ein lustiges Allerlei aus Salatköpfen, Äpfeln, Möhren und roter Beete. Obendrauf: Der Lieferschein mit Adresse, damit auch nichts durcheinander kommt. Zur Auslieferung steht einmal mehr ein Boda-Boda bereit - oder auch ein Kühlwagen, um leicht verderbliche Produkte geschützt durch den jetzt schon schwül-heißen Morgen zu fahren.

Nur wenige Bio-Bauern haben ein Zertifikat

Bio-Bauer Ssozi Muwangwa, präsentiert eine Kiste mit frischen Tomaten (Foto: DW/Ludger Schadomsky)

Bauer Ssozi Muwangwa: "Die Bio-Zertifikate sind zu teuer"

Bevor sich Ssozi Muwangwa verabschiedet, muss er doch noch eines loswerden: "Das Zertifizierungsverfahren für Biobauern ist wirklich sehr teuer." Zwar habe ihm der Bio-Bauernverband Nogamu bei der Finanzierung geholfen, aber für viele Farmer blieben die Zertifikate dennoch unerschwinglich.

"24.000 US-Dollar." Moses Muwanga nimmt einen Schluck von seinem - natürlich organisch zertifizierten - Tee und lässt die Zahl nachwirken. Muwanga ist Geschäftsführer von Nogamu. An den Wänden seines Büros hängen Urkunden aus Japan, den USA, von der Europäische Union - sie alle haben Nogamu-Produkte lizensiert. "8000 Dollar kosten die Besuche der Inspektoren. 16.000 Dollar fließen in die Umstellung von konventionellem auf organischen Anbau. Das dauert etwa ein Jahr", erklärt Muwanga. Derzeit arbeitet Nogamu mit 1,2 Millionen Bio-Kleinbauern. "Allerdings besitzen nur 200.000 ein internationales Export-Zertifikat ."

Die Politik muss Bio wollen

Moses Muwanga, Geschäftsführer von Nogamu, dem Dachverband der ugandischen Biobauern (Foto: DW/Ludger Schadomsky)

Moses Muwanga vom ugandischen Biobauern-Verband

Auch an den Chef des Dachverbands für Biobauern geht die Frage: Sind in Afrika wirklich Ertragssteigerungen von bis zu 80 Prozent durch biologische Landwirtschaft möglich? "Wir haben Fälle dokumentiert, wo sich der Ertrag eines Bauern, der auf biologischen Anbau umgestiegen ist, verdoppelt hat", antwortet Muwanga. Die Böden seien praktisch frei von Chemikalien und reagierten deshalb schnell mit einem wesentlich höheren Output.

Doch die Politik habe die Gunst der Stunde immer noch nicht erkannt, kritisiert er. Bio bedeute ja auch aktiven Umweltschutz, eine breitere und ausgewogenere Ernährung, Einkommenszuwächse für 80 Prozent der Bevölkerung und ein riesiges Exportpotential, so Muwanga: "Wo doch Ugandas konventionelle Agrar-Exporte derzeit zurückgehen." Seit sechs Jahren kreise nun ein Gesetzentwurf zu einer biologisch-nachhaltigen Landwirtschaft zwischen den Entscheidungsträgern. "Vielleicht schaffen wir es ja endlich in diesem Jahr".

Als Moses Muwanga 2012 in Deutschland die führende "Biofach"-Messe besuchte, nahm er Bestellungen im Wert von 200 Millionen Dollar mit. Liefern kann Uganda bislang aber nur Biowaren im Wert von 40 Millionen.

Audio anhören 05:57

Bio boomt in Uganda

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