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Wirtschaft

Mehr Bildung kann Abwanderung stoppen

Immer mehr Unternehmen in der EU produzieren und forschen im Ausland. Das kann die Wirtschaft ankurbeln, doch niedrig qualifizierte Arbeitskräfte gehören zu den Verlierern. Vor allem die Bildungspolitik ist gefragt.

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Produktion in Polen, Wachstum in Deutschland?

"Ich empfehle den Unternehmen, nicht auf eine bessere Politik zu warten, sondern jetzt selbst zu handeln und die Chancen zu nutzen, die zum Beispiel in der Osterweiterung liegen." Mit diesen Worten hat Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), in Deutschland einen vielstimmigen Chor der Entrüstung ausgelöst.

Dem Standort die Treue halten

Vaterlandslos und unsozial sei ein solcher Aufruf, so lauten die Vorwürfe aus Parteien und Gewerkschaften. Es sei ein Problem, erklärte etwa Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), dass die Unternehmen unerhört viel forderten und zugleich nicht dem Standort die Treue hielten. "Flucht und Depression" seien kein Motto für Deutschland, gab auch CSU-Generalsekretär Markus Söder zu bedenken.

Die Zahlen scheinen den Politikern Recht zu geben. Zwei Monate vor der EU-Osterweiterung haben schon 25 Prozent der deutschen Unternehmen Teile ihres Betriebs in die Beitrittsländer verlagert. Vorreiter der wirtschaftlichen "Flucht nach vorn" sind größere Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern. Zwei Drittel von ihnen haben ihre Aktivitäten auf Osteuropa ausgedehnt.

Niedrigere Kosten, gleiche Bedingungen

Die EU-Osterweiterung ist aber nur der jüngste Anlass dafür, dass Unternehmen aus den etablierten Industrieländern abwandern. Schon lange sind die niedrigeren Lohnkosten der Antrieb für die Verlagerung von Teilbereichen in Schwellen- und Entwicklungsländer. Heute kommt hinzu, dass in diesen Ländern immer bessere Rahmenbedingungen vorherrschen. Dadurch verlieren die Industrienationen nicht nur Arbeitsplätze in der Produktion: Schon heute geben deutsche Unternehmen fast 40 Prozent ihrer Forschungsetats im Ausland aus. An diesem Beispiel zeigen sich jedoch auch die positiven Seiten der Entwicklung. So werden die fehlenden Investitionen für Forschung und Entwicklung fast völlig durch Forschungsausgaben ausländischer Unternehmen in Deutschland aufgefangen.

"Offshoring", also die Auslagerung von Unternehmensbereichen in andere Länder, werde ohnehin zu einseitig beurteilt, sagt Ingo Gieshecker vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin: "Es gibt keine wirkliche Alternative – für die Unternehmen wäre es geradezu sträflich, Kostenvorteile in Osteuropa und anderswo nicht zu nutzen."

Keine Alternative?

Aufgrund des bestehenden Wettbewerbsdrucks gebe es keine Alternative zum Outsourcing. "Nur so ist es möglich, auch in den Industrieländern Arbeitsplätze zu schaffen und zu sichern", erklärt Geishecker. Bei hoch qualifizierten Arbeitskräften haben die jüngsten Entwicklungen sogar zu Lohnsteigerungen geführt. Gut ausgebildete Mitarbeiter sind rar und werden mit hohen Lohnaufschlägen geködert.

Und dennoch gibt es in Europa einen negativen Trend, der insbesondere auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu spüren ist. Wenn mehr und mehr Unternehmensleistungen im Ausland erbracht werden, fallen diese im Inland weg. "Diesen Effekt können andere Bereiche bislang nicht kompensieren," sagt Reinhard Hild vom Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) in München.

Tatsächlich liegt die Besonderheit der heutigen Entwicklung darin, dass sie sich nicht auf einige wenige Industrien beschränkt. In jedem Wirtschaftsbereich ist es mittlerweile möglich, bestimmte Produktions- und Entwicklungsstadien abzuspalten und ins Ausland zu verlagern. Im Zentrum stehen dabei Abschnitte mit hoher Arbeitsintensität bei geringer Qualifikation der Arbeiter.

Bildung als einziger Ausweg

Hier sieht auch DIW-Experte Gieshecker das zentrale Problem. Auf "wissensintensiven" Tätigkeitsfeldern seien die Industrieländer zwar noch führend. Für weniger gut ausgebildete Arbeitskräfte sehe es allerdings schlecht aus. "Sie sind die Verlierer dieser Entwicklung," sagt Gieshecker. Niedrigere Löhne und steigende Arbeitslosigkeit sind die Folge.

Wenn geringe Qualifikation immer mehr den Weg in die Arbeitslosigkeit bedeutet, ist vor allem die Bildungspolitik in den Industrieländern gefordert. "Die Vision lautet: Wir produzieren nur das, was die anderen nicht können", sagt IFO-Wissenschaftler Hild. "Wenn die anderen aufgeholt haben, haben wir schon wieder einen neuen Vorsprung." Das ist nur möglich, wenn jeder einzelne besser qualifiziert wird, sagt auch Volkswirt Gieshecker: "Sonst müssen wir uns wirklich Sorgen machen, was aus den Hauptschulabgängern der Zukunft werden soll."

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